Chronik der Literatur in der Weimarer Republik – 1930

16. Januar

Das Schauspiel „Menschen im Hotel“ wird nach dem Erfolgsroman von Vicki Baum im Berliner Theater am Nollendorfplatz uraufgeführt. Regie führt Gustaf Gründgens.

8. Februar

Der thüringische Innenminister Frick (NSDAP) verbietet die Lektüre von Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ an allen thüringischen Schulen.

2. März

In der Wiener Zeitung „Das kleine Blatt“ beginnt der Abdruck des autobiographischen Romans „Eine Frau allein“ von Agnes Smedley. Ginge es nach der dänischen Schriftstellerin Karin Michaelis, hätte Smedley für ihr Buch den Literaturnobelpreis erhalten müssen.

5. März

Am Deutschen Berlin wird „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer uraufgeführt.

9. März

In Leipzig findet die Uraufführung der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht. Die Aufführung wird von Nationalsozialisten gestört, es kommt zu tumultartigen Szenen. Das Stück kann nur unter Schwierigkeiten zu Ende gespielt werden.

15. März

Stefan Zweigs Tragikomödie „Das Lamm des Armen“ wird an sieben Bühnen gleichzeitig uraufgeführt, u. a. in Hannover, Prag und Lübeck.

1. April

Der Spielfilm Der blaue Engel – am Drehbuch wirkte unter anderem Carl Zuckmayer mit – nach dem Roman Professor Unrat von Heinrich Mann wird im Berliner Gloria am Kurfürstendamm uraufgeführt. Der Film wird der Ausgangspunkt für Marlene Dietrichs Weltkarriere. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, singt die Dietrich und wird wahrscheinlich das erste Sexsymbol Deutschlands.

14. April

Lion Feuchtwangers Komödie in 4 Akten „Wird Hill amnestiert?“ wird am Staatlichen Schauspielhaus Berlin uraufgeführt.

4. Mai

Im Berliner Wallnertheater wird eine Sondervorstellung vor Anwälten, Richtern, Vertretern von Ministerien und der Presse gezeigt. Aufgeführt wird „218“, ein zeitkritisches Schauspiel Carl Credes. Über des Für und Wider des § 218, der einen Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellt, wird in der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren heftig und erbittert diskutiert.

13. Mai

Im Deutschen Theater in Berlin wird anlässlich des 25-jährigen Bühnenjubiläums von Max Reinhardt das Schauspiel „Phae“ von Fritz von Unruh uraufgeführt.

18. Mai

Thomas Mann fordert in einer Rede auf der Pan-Europa-Kundgebung in Berlin ein vereinigtes Europa.

23. Mai

Der Film „Westfront 1918“ nach dem Roman „Vier von der Infanterie“ von Ernst Johannsen hat in Berlin Premiere.

Ebenfalls an diesem Tag wird der Film „Cyankali“ nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Friedrich Wolf in Berlin uraufgeführt. Sowohl das Schauspiel als auch der Film sorgen für großes Aufsehen; das Sittendrama plädiert für einen legalen Schwangerschaftsabbruch bei sozialer Notlage.

23. Juni

In Berlin findet die Premiere der Schuloper “Der Jasager” des Komponisten Kurt Weill statt. Die Oper, zu der Bertolt Brecht das Libretto nach dem japanischen No-Spiel “Taniko” aus dem fünfzehnten Jahrhundert geschrieben hat, wird auf ausdrücklichen Wunsch Weills von dem Studenten Kurt Drabek geleitet. Die Darsteller sind ausschließlich Jugendliche.

29. august

Im Staatlichen Schauspielhaus in Dresden wird die Komödie „Sturm im Wasserglas“ uraufgeführt. Es ist ein großer Erfolg für den Autoren Bruno Frank.

28. September

„Dieser Roman ist das kunstvollst zusammengebundene und aufgebaute erzählende Werk der neueren deutschen Literatur, die Chronik wichtiger Jahre eines deutschen Gemeinwesens“, schreibt Arnold Zweig im „Berliner Tageblatt“ über Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“.

17. Oktober

Angesichts der Zugewinne der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen im September richtet Thomas Mann im Berliner Beethoven-Saal einen „Appell an die Vernunft“ an das deutsche Volk. Einige wenige Nazis versuchen die Veranstaltung zu stören, was ihnen jedoch nicht gelingt.

18. Oktober

Reinhard Goering erhält für sein Drama „Die Südpolexpedition des Kapitäns Scott“ den mit 1.500 Reichsmark dotierten Kleistpreis.

28. Oktober

Am Wiener Burgtheater wird das Bühnenstück „Die Bürger von Calais“ von Georg Kaiser uraufgeführt.

26. November

Im Rowohlt Verlag erscheint der erste Band von Robert Musils unvollendet gebliebenen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften„.

5. Dezember

Anlässlich der deutschen Erstaufführung des Filmes „Im Westen nichts Neues“ im Berliner Mozartsaal stören Nationalsozialisten unter Führung von Joseph Goebbels die Vorstellung. Die Nazis sehen in der Verfilmung des Antikriegsromanes von Erich Maria Remarque eine Verunglimpfung des deutschen Militärs.

6. Dezember

Im Wiener Burgtheater wird Franz Werfels Schauspiel „Das Reich Gottes in Böhmen“ uraufgeführt. Mit opernhaften Massenszenen entwirft Werfel einen historischen Bilderbogen der hussitischen Religionskriege des 15. Jahrhunderts.

10. Dezember

Im Deutschen Schauspielhaus (Berlin) wird Bertolt Brechts Lehrstück “Die Maßnahme” uraufgeführt. Das Drama, zu dem Hanns Eisler die Musik geschrieben hat, beeindruckt die Kritik vor allen Dingen durch eine einfache, unverblümte Sprache.

22. Dezember

Im Dreigroschenoper-Prozess kommt es zu einem Vergleich zwischen Bertolt Brecht und der Nero-Filmgesellschaft, die Brechts „Dreigroschenoper“ ohne seine Zustimmung verfilmt. Brecht erhält 9.000 Reichsmark Honorar.

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