Ödön von Horváth – Die Bergbahn

Volksstück, Uraufführung am 4. November 1927 in Hamburg

Personen

Karl

Schulz

Veronika

Xaver

Sliwinski

Reiter

Moser

Oberle

Maurer

Hannes

Simon

Ingenieur

Aufsichtsrat

Schauplatz: Hochgebirge

Zeit: Vierundzwanzig Stunden

Erster AKt

In der Arbeiterbaracke Nr. 4 der Bergbahn A.G. Links Matratzenlager. Rechts Herd und langer Holztisch, darüber Petroleumlampe. Im Hintergrund eine Tür ins Freie, rechts eine nach dem Räume des Ingenieurs. Neben letzterer Telephon.

Spätnachmittag. Herbst.

Veronika lacht.

KARL grimmig.   Wie die lacht! Wie die lacht!

VERONIKA. Ausgerutscht! Ausgerutscht! – Du bist mir so aner, so von hinten – so a ganz Rabiater –

SCHULZ ein blasses, schmales Kerlchen mit Sommersprossen, tritt ein: verbeugt sich leicht: er lispelt ein wenig. Guten Tag! Verzeihen Sie, Fräulein: dies gehört doch zum Bergbahnbau?

VERONIKA. Ja.

SCHULZ. Dies ist doch Baracke Nummer 4?

Veronika. Ja.

SCHULZ: Hm.

KARL. Wer san denn Sie?

SCHULZ. Mein Name ist Schulz.

KARL. Was wollns denn da?

SCHULZ. Ich möchte den Herrn Ingenieur sprechen.

KARL. Der is jetzt net hier.

SCHULZ: Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

KARL. Suchens Arbeit?

SCHULZ. Ja.

KARL schnallt sich ein Gestell auf den Buckel. So? Drum.

SCHULZ lächelt verlegen. Eben. – Wann kommt der Ingenieur?

VERONIKA. Nit vor der Nacht. Sie nähert sich Karl. Mußt schon nunter? Wieder nunter? Du trauriger Bua –

KARL. Tu nur net so! So scheinheili! – Alsdann, was brauchst? A Mehl, dreißig Pfund und a Marmelad.

VERONIKA, Und an Schnaps.

KARL. Und an Schnaps. – Und?

VERONIKA. Sonst nix.

KARL. Nix?

VERONIKA. Nix. Nix vo dir.

Stille.

KARL. Jetzt glaub ichs, was d`Leut im Dorf redn. Es is scho wahr: Dei Mutter hat mitn Teufl paktiert, an Vater hat ja no kaner gsehn!

VERONIKA. Halts Maul!

KARL. Du bringst bloß Unglück! Lach net! Herrgottsakra! Des Fleisch! Du bist scho des best Fleisch im Land, auf und nieder! Di hat net unser Herrgott gformt; den Arsch hat der Satan baut!  – Adies, Höllenbrut! Rasch ab.

VERONIKA betrachtet Schulz: etwas spöttisch. Was wollns denn vom Ingineur?

SCHULZ. Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

VERONIKA äfft ihm nach. So? Das habe ich nicht gehört.

Ab.

SCHULZ allein. Hm.

Xaver, Sliwinski, Reiter kommen von der Arbeit mit Spaten, Hacken usw. Xaver und Sliwinski legen sich auf die Matratzen, nur Reiter beobachtet Schulz.

REITER. Wer bist denn du?

SCHULZ. Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

REITER lacht kurz. So? Wo hast denn des ghört?

SCHULZ. In, in – ich weiß nicht, ob es stimmt.

REITER. Des stimmt net. Aber scho gar net.

Schulz setzt sich. Reiter lehnt seine Hacke an die Wand und will wieder hinaus, trifft in der Türe auf Veronika, die mit einer Schüssel Kartoffeln und einigen rohen Koteletts eintritt.

VERONIKA. Wohin?

REITER. Des geht di nix an! Ab.

VERONIKA erblickt Schulz. Jetzt hockt der no allweil da!

SCHULZ. Ja.

Stille.

Eßt ihr hier alle Tage Fleisch?

VERONIKA. Ah! Die Schnitzel da san für  an hohn Herrn, an Direktor. Der is d`Bergluft nit gwohnt, drum muß er fest essn – was schauns mi denn so an?

SCHULZ. Ich dachte nur nach: wann ich das letztemal Fleisch –

VERONIKA. Was für Fleisch?

SCHULZ. Fleisch –

VERONIKA. Aso!

Stille.

Wendet sich ihm zu. Um Gottes willn! Mensch, was habens denn?! Sie san ja ganz gelb, als warens tot!

SCHULZ. Mir ist es nur plötzlich so schwindlig. Das dürfte wohl auch die Luft gewesen sein, die Bergluft, die eben nicht jeder gewohnt ist. Fest essen, fest essen.

VERONIKA setzt sich neben ihn und schält die Kartoffel. Woher kommens denn?

SCHULZ. Von unten.

VERONIKA. Na, i mein: woher? Aus welcher Stadt? Sie san do aus der Stadt, Sie redn ja so.

SCHULZ. Ich bin aus Stettin.

VERONIKA. Stettin?

SCHULZ. Stettin liegt am Meer.

VERONIKA. Am Meer? Am richtigen Meer?

SCHULZ lächelt. Am richtigen.

Stille.

VERONIKA. San Sie schon mal durch Berlin gekommen?

SCHULZ. Oft!

VERONIKA. I, wenn i Sie war, i war nie fort von dort!

SCHULZ. Es gibt dort zu viele ohne Arbeit.

VERONIKA. I glaub allweil, Sie habn no nit viel garbeitet.

SCHULZ. Wieso?

VERONIKA. Die feinen Hand! Wie ane Hebamm. Da, schauns meine an: kochn, waschn, scheuern –  da platzns und werdn rot, wie der Krebs.

SCHULZ. Die müssen Sie einfetten und fleißig baden. In heißem Wasser. Dann wird die Haut wieder sammetweich und elfenbeinern. Am besten: Sie nehmen die Salbe von Meyer et Vogel in der blauen Tube.

VERONIKA. Woher wissens denn all das?

SCHULZ. Eigentlich bin ich Friseur.

VERONIKA. Drum diese Hände!

SCHULZ. Ich habe schon viele hundert Frauenhände behandelt.

VERONIKA. Geh hörens auf!

SCHULZ. Jawohl! Dazumal, als ich in Warnemünde über die Sommersaison arbeitete: im ersten Haus am Platze! Tipptopp! – Fräulein, das war mein goldenes Zeitalter! Ich war, sozusagen, Intimus der Damenwelt. Da war eine Frau Major, die vertraute mir – alles an!

VERONIKA. Da habens freili viel ghört und gsehn. Danebn is unserans a neugeborens Kalb.

SCHULZ. Ich schätze naive Frauen. Nur zu rasch übersättigen einen die Raffinierten.

VERONIKA. Wir haben hier auch an, der scho weit in der Welt rumkommen is. Der alt Oberle, der war kriegsgfangen, in der Mongolei, ganz hint. Bei den Gelbn, Schlitzäugigen und Juden. In Asien. – Waren Sie scho in Asien?

SCHULZ. Nein, noch nicht. 

VERONIKA. So sieht halt jeder was andres.

SCHULZ. Durch unseren Beruf bekommt man automatisch Einblick in manche Geheimnisse des weiblichen Wesens. Man enträtselt allmählich die Sphinx. Er hustet stark.

VERONIKA klopft ihm auf den Rücken. Hoppla! Sie solltn nit so viel redn. Die Bergluft –

SCHLZ. Ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar, daß Sie mit mir reden. Ich habe nun fünf Tage lang kaum geredet. Da verlernt man selbst die Muttersprache. Man ist überrascht von der eigenen Stimme, wie der Dichter sagt. Er hustet wieder.

VERONIKA ließ ihre Hand auf seinem Rücken; befühlt nun seine Schultern, Arme. Hörens: i glaub kaum, daß Sie hier mitarbeitn werdn; Sie san zu schwach. 

SCHULZ. Meinen Sie?

VERONIKA. Wie der guckn kann! Direkt spaßig!

SCHULZ. Sie lachen so schön –

VERONIKA. Sie san a komischer Mensch!

SCHULZ. Gestatten: mein Name ist Schulz. – Max Schulz. – Und Sie?

VERONIKA. Vroni.

SCHULZ. Das soll wohl Veronika sein?

VERONIKA. Ja.

Stille.

Habens scho viele rasiert?

SCHULZ. Rasiert, frisiert, onduliert –

VERONIKA. „Onduliert“?

SCHULZ. Das läßt sich nicht so einfach erklären. –

Moser erscheint in der Türe. Die Sonne ist untergegangen. Rasch wird es Nacht.

VERONIKA. Die Friseur san alle gscheite Leut. Friseur und Dokter. Die kennst kaum ausanand. – Sans verruckt?!

SCHULZ riß sie an sich. Was bin ich? – Schwach?

VERONIKA. Lassens! Nit! Ni –

Schulz küßt sie.

VERONIKA entdeckt Moser. Jesus Maria!!

MOSER. I habs gsehn! Lüg net! Du Fetzn!

VERONIKA. I lüg nit, Moser!

MOSER. I habs scho gsehn, wie Ihr beieinanderhockt! Und jetzt!

VERONIKA. Der hat mi überfalln! Meuchlerisch, heimtückisch! I hab bloß gredt, da hat er mi packt!

Moser fixiert Schulz. Schulz weicht zurück. Xaver, Sliwinski sind von den Matratzen aufgeschnellt. Oberle, Maurer, Hannes, Simon traten hinter Moser ein.

MOSER drängt Schulz an die Wand; breitspurig. Wer bist denn du, ha?

SCHULZ. Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden.

Moser gibt ihm eine schallende Ohrfeige. Einzelne lachen halblaut.

OBERLE. Moser!

MOSER. Schweig! So a Krüppl ghört zu Mus gtretn! Er schlägt ihm mit der Faust ins Antlitz. Spürst was, Bürscherl? – Der lacht! Wart! Da!

OBERLE. Schlag do kan Krüppl!

MOSER. Halts Maul, damischer Wanderapostl! Predig in der Höll! I glaub an d`Faust! Da, du Lump! Und da!

SCHULZ brüllt plötzlich los. Au! Au! Ich habe ja nichts – Au!!

MOSER. Nix?! So is des a nix! Spürst des „Nix“?! Er schläft tobend auf ihn ein; immer ins Gesicht.

Alle außer Oberle, haben sich zurückgezogen. Schulz wimmert blutüberströmt und bricht bewußtlos  an der Wand zusammen.

So. Der langt jetzt kaner mehr an den Bart. – Aber heiß werd an bei dem Geschäft. Heiß! Er sauft.

Oberle beugt sich zu Schulz nieder.

Oberle! Dokter, was macht unser Patient? Fühl den Puls, ob er si bschissn hat! Es stinkt so! Ganz sakrisch!

OBERLE. Halts Maul! – Moser, du kenntest an Menschn niederschlagn, als wars an Ochs.

MOSER lacht kurz. Vieher san wir alle. I, er und du a.

Schulz räkelt sich langsam empor.

OBERLE. Was wollns hier?

SCHULZ. Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. – Woher hätte ich es wissen sollen, daß das Fräulein einen Bräutigam hat?

MOSER. Naus! Naus!

Schulz ab. Es ist Nacht geworden.

SIMON. Licht!

Veronika zündet die Lampe an; tritt an den Herd. Alle ziehen sich die Stiefel aus, wechseln Socken, Hemden, Joppen – liegen, sitzen auf den Matratzen oder stehen herum. Gemurmel.

MOSER zieht sich das Hemd aus. Wer hust da was von Rohheit? Wer? Die paar Pflaster hat si der Hundling redli verdient! War ja glacht! Er a scho mit de grossn Hund pieseln! Pürscht si da ran, der Beihirsch! In diesem Punkte kennt der Moser weder Spezi noch Bruder! Will er net kennen! Da wird er wild! – Vroni! Geh her – Daher!

Veronika tritt zu ihm hin.

Ha? Hab i den zu stark gschlagn?

VERONIKA. Du weißt es nit, wie stark du schlagn kannst. Moser! Du bist a Tier! A wilds Tier! Ausm großn Wald!

MOSER. Und du? Sags! Ha?

VERONIKA. Du! Du machst mi zum Tier – Sie beißt in seine Brust.

MOSER stößt Veronika von sich; grinst Oberle an; gröhlt. Jessas, die wandelnd Nächstenlieb! Stehts auf allesamt! Zu! Präsentierts der frommen Seel! Dem verschleimt Apostl, der Wasser predigt, Luft frißt und do nur Dreck scheißt! So präsentierts do! Zu! Los! Keiner reagiert. Moser sieht sich überrascht um. Ja, Herrgott – Sakrament – Schweigen. Fixiert heimtückisch Oberle; lacht gewollt. Oberle! Oberle! Du hättest Christkind werdn solln! Oder Papst!

OBERLE. Und du Metzger. Oder Henker.

REITER leise. Horch, der Wind –

MAURER ebenso. Wie a Opernsängerin.

MOSER näherte sich langsam Oberle; unterdrückt. Du, geh her! Wie hast du des gmeint, des mit dem – Henker?

OBERLE. Des werst leicht erratn. Er läßt ihn stehen.

SIMON überlaut, als wollte er etwas überschreien. Wann kimmt denn der Herr?

XAVER. Was für a Herr?

SIMON. Der Direkter!

HANNES. Was für a Direkter!

Einzelne lachen befreit auf.

SLIWINSKI. Der an Ingineur braucht zum aufikeuchn, zwegn dem Großkopf!

XAVER. Und zwegn der Wampn! Hat an Bauch, wies Goldne Kalb!

MAURER. War ka Wunder! Schaugts hin aufn Herd, was so a hoher Herr für Brotzeit macht, bal er mal fünf Stund hatscht.

SIMON. Dafür is er a Direkter und du bist bloß der Arbeitsmann. Er dirigiert und schluckt Schnitzl mit Salat und sauft sein Champagnerwein, daß ihm die Sauce bei der Lefzn runterrinnt – und du darfst di schindn und hast an Schmarrn!

HANNES. Aber an guatn, des muß ma da Vroni laßn!

SLIWINSKI. Recht hast, kenigli boarischer Haus- und Hoftepp!

SIMON. Der Kavalier! Der Zawalier!

XAVER. Geb nur acht, daß die der Moser net derwischt!

MOSER: Was gibt’s da mim Moser?

OBERLE. Nix. 

Sliwinski spielt auf einer Mundharmonika.

MAURER grinst Moser ins Gesicht. Bravo!

XAVER schnalzt. Tanzn sollt ma halt kennen! Tanzn!

SIMON. A Tanz ohne Dirn, is wie a Stier, der net springt!

REITER. Zum Landler ghört a Mensch, wie a Köchin zum Kaplan!

MAURER singt.

Guten Morgen, Herr Pfarrer

Wo is der Kaplan?

Er liegt auf der Köchin

Und kräht wie a Hahn!

Schallendes Gelächter.

XAVER. Kreizkruzefix! War scho höchste Zeit, daß an was Weiblichs zulauft! Alls kannst unmögli nausschwitzn!

SIMON singt. 

Und Keiner ist so eigen

Und Keiner so verschmitzt

Als wie der, der ins Bett macht

Und sagt, er hätt geschwitzt –

Telephon. – Alles verstummt und horcht. 

VERONIKA tritt ans Telephon. Hier Baracke Nummer vier. Ja. – So. Ja. Sie hängt ein. Der Ingineur is unterwegs. Der Direkter übernacht vielleicht auf Nummer drei.

SIMON. Auf Nummer sicher!

SLIWINSKI. Den hats zerrissn! Der hat si mit di Berg überhobn!

HANNES. Wißt Leutl, des mit di Direkter. Des is so: da ghöret a Lift her, wies es in die Wolkenkratzer habn, drübn in Amerika. So an Wolkenkratzer is nämli häher, als inser höchster Berg!

XAVER. Jawohl, Herr Nachbar.

REITER. Des is ja gar ka Direkter, des is an Aufsichtsrat.

SIMON. Richti! Des san die, die allweil aufpassn, ob die andern net faulenzen. Dabei sitzens in lauter Schaukelstuhl und schnupfn.

Sliwinski spielt nun ein sentimentales Stück.

MAURER. Pst!

Alle lauschen.

XAVER singt leise.

Und die Wasserl habn grauscht

Und die Bacherl habn plauscht

HANNES fällt ein.

Aber gschwind, wie der Wind

Lassens trauri mi hint –

Gesumm.

Denn auf den Bergen

Da wohnt die Freiheit

Ja, auf den Bergen

Da, is es scheen –

Einzelne summen mit.

Da is es scheen –

MOSER näherte sich Oberle; leise; unsicher. Oberle, du bist so hinterlisti still. – Hast etwa zuvor sagn wolln, daß i den da draußn, daß der da draußn –

OBERLE. Na. Aber bremsen mußt! Sonst könnts leicht mal an Unglück gebn. Der blut nur, aber leicht kennt si mal aner verblutn.

MOSER grinst. So? Halt! Sag: was hättest denn du dann – hättst ihn gestreichelt und gmeichelt, hättest Kratzfüß gmacht, daß der Dreck nur so rumgspritzt war, ha? Und warum net? Weil du net kannst! Weil deine Arm ohne Schmalz san, verstehst, du Schleimer! I hob di scho heraußen, Oberle!

OBERLE. Meinst?

MOSER. Jawohl! Sogar sehr! – Oberle, kennst die Hirsch? Was macht denn der Hirsch, wenn a Fremder über sein Rudel kimmt, ha? Der rauft damit! Und dersticht ihn! Der Stärkere den Krüppl, verstehst?

OBERLE. Wir san aber kane Hirsch. Wir san arme Teufl. Wir kennens uns net leistn zwegn an Madl – und wars  a ganzer Harem, uns die Schädl zu zerschlagn! Wir müssn des Hirn und all unsere Kraft sparn. Wir habn nur Feind, lauter mächtige Feind!

MOSER. Wo hast denn die Sprüch glernt?

OBERLE. Im Krieg. Da hab i den Feind gsehn, ganz deutli und scharf. – Damals warst du no klein. Hast Schneemanner baut und net lesen kennen. – Komm jetzt! Veronika hatte zwei dampfende Schüsseln auf den Tisch gestellt um den die anderen bereits Platz genommen haben. Oberle setzt sich. Moser folgt ihm langsam nach. Alle essen. Der Wind wimmert und rüttelt an den kleinen Fenstern.

SLIWINSKI lauscht. Der bringt Schnee. Viel Schnee.

REITER. Oktober. Nachher werds nimmer gut.

XAVER. Ja, die Berg warn a zu rot.

Schweigen.

MAURER.  Jetzt heut wars scho gar nimmer so einfach. Der weni Neuschnee in der letztn Nacht, da rutscht alls, und drobn des Gröll, des hat der Satan angschaut – da, wer net hinhorcht, da ists glei aus mitn schönen Land Tirol!

Schweigen.

REITER. Wie hat sie nur jetza der geschriebn, dens im Frühjahr runtergwaht hat? Beimm Hilfskabel. Da hast schier nimmer gwußt, was da vor dir liegt. Im Sack habns den Brei aufn Gottsacker gschafft.

SIMON. Der Müller Anton wars. Von Pfaffenhofen.

MAURER. Richti! Ja, des war schreckli. Und a Weib und vier unmündige Kinder.

Schweigen.

Es is scho a wahre Sünd, was mit di Menschn gtriebn werd. Da turnst herum, wie kaum a gewiegter Turist, rackerst di ab mit Lawinen, Steinschlag, Wetter – und was erreichst? Grad, daß dei Essen hast und a Lager, wie a Unterstand, als hätt der Krieg kann End! Abgschnittn von der Welt.

Schweigen.

SLIWINSKI. Neuli habens a Ingineur gfeiert.

MAURER. In der Zeitung is gstanden, er sei unsterbli.

SIMON. Aber von die Totn schreibt kaner!

REITER. Die Totn san tot.

OBERLE hebt langsam das Haupt. Die san net tot! Die leben!

Schweigen.

SLIWINSKI. Da liest überall vom Fortschritt der Menschheit und die Leut bekränzn an Ingineur, wie an Preisstier, die Direkter sperrn die Geldsäck in d´Kass und dem Bauer blüht der Fremdenverkehr. A jede Schraubn wird zum „Wunder der Technik“, a jede Odlgrubn zur „Heilquelle“. Aber, daß aner sei Lebn hergebn hat, des Blut wird ausradiert!

SIMON. Na, des werd zu Gold!

XAVER. Wahr ists.

REITER. Allweil.

Schweigen.

XAVER. Allweil des Geld.

HANNES. Des Geld hat der Teifl gweiht!

MAURER. Des Grundübel, des is die kapitalistische Prouktionsweise. Solang da a solche Anarchie herrscht, solang darfst wartn mit den Idealen des Menschengeschlechts. Die Befreiung der Arbeiterklasse –

SIMON unterbricht ihn. Des san Sprüch.

MAURER. Was san  des?

SIMON. Sprüch. – Und weist warum? Weil mans nur hört, aber net spürt! Da hat erst neuli einer drunt gesprochn, vor der letztn Wahl wars, und Leut warn da von weit und breit, gstecktvoll! Und gredt hat der, zwa Stund! Vom Klassenbewußtsein und der Herrschaft des Proletariats, und vom Zukuntsstaat, zwa Stund – aber nacher, da hat er mit an Gendarm kegelt, vier Stund! Lauter Kränz habns gschobn, lauter Kränz! An Kenig habns stehn lassn, a jedesmal! Akkurat! – Alle neune, muß heißn! Alle neune!!

MAURER. Des san Sprüch!

SLIWINSKI. Des und des! Was nützt des Redn ohne Macht?

SIMON. Richti! Aber wie willst denn du die Macht erobern?

SLIWINSKI. Wie du! Damit!

SIMON. Bravo!

SLIWINSKI. Mit der Faust! Er schlägt auf den Tisch. Und, wenns an Oberle a net passn sollt – 

OBERLE. Obs an Oberle paßt oder net paßt, des is ganz gleich – aber ob uns mit der Faust gholfen is, des bezweifelt der Oberle. Er glaubt, daß man mit der Faust nix erreicht –

SLIWINSKI unterbricht ihn. Also möchte der Oberle, daß alls so bleibt, wies ist.

OBERLE. Es werd net so bleibn.

SIMON. Richti! Es werd no viel schlimmer werdn!

OBERLE. Was weißt denn du, wie schlimm daß es war?! Wie alt bist denn du, ha? Was hast du scho gsehn?!

SLIWINSKI. Holla, holla, holla – der sanft Oberle –

REITER. Ruhe!

HANNES. Laßt an do essn!

SLIWIBSKI grinst. Friß nur, friß – daß di aber nur net verschluckst!

SIMON zu Oberle. Entschuldigens, Herr, daß i bisher nur Dreck gsehn hab. I kann aber nix dafür, daß i non et in Asien war – du, du kannst ja a nix dafür!

OBERLE lächelt. Na, da kann i nix dafür. Mir wars lieber, kannst es glaubn, i hätt des Asien nie gsehn und war heut erst zwanzig Jahr. 

SLIWINSKI. Jetzt predigt er scho wieder!

SIMON. „Liebe den Kapitalismus wie dich selbst!“ Xaver lacht.

SLIWINSKI. Der Moser hat recht! Des is an Apostl, auf und nieder! Recht hast, Moser! Moser rührt sich nicht. Schweigen.

OBERLE. Der Moser weiß, daß durch Gewalt nix gedeiht. Nix.

Alle starren Moser verdutzt an.

Der Moser weiß, daß sei Faust stark ist, furchtbar stark – und es kann ja leicht möglich sein, daß er sei Faust mal gebrauchn wird müssn, aber da gabs bloß Blut. Sonst nix.

Schulz tritt rasch ein und bleibt verstört in der offenen Tür stehen; sein Gesicht ist blaurot vor Kälte und Blut, sein Anzug zerfetzt, zerschunden. Veronika schreit gellend auf. Moser, Oberle, Maurer, Simon schnellen empor. Alle versteinert. Der Sturm heult in den Raum, fegt ein Glas vom Herde, das klirrend zerbricht und bläst fast die Petroleumlampe aus.

VERONIKA schreit. Des Licht! Des Licht!

SIMON schreit. Ist d`Höll los?!

MAURER. Die Tür! Die Tür! Schulz schließt sie und lächelt verlegen. Stille.

SCHULZ. Eigentlich wollte ich absteigen, aber ich habe mich verstiegen. Und dann stürmt es so grausam und die Berge wachsen in der Nacht. Man muß es gewohnt sein – darf man sich wärmen?

Oberle deutet auf den Herd.

SCHULZ verbeugt sich leicht. Danke.

VERONIKA entsetzt. Er soll si do des Gsicht abwischn!

SCHULZ. Warum?

OBERLE. Es is voll Blut.

Moser heiser. Vroni! Gib ihm a Tuch! Zu!

Veronika reicht Schulz scheu einen Lappen.

SCHULZ. Ich danke, Fräulein Veronika.

INGENIEUR und AUFSICHTSRAT treten ein; bleiben perplex stehen.

Wer ist das? Oberle, was ist denn hier geschehen?

OBERLE. Herr Ingineur –

SCHULZ unterbricht ihn. Herr Ingenieur!

INGENIEUR. Wer ist das?

SCHULZ aufgeregt. Ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden! Er überreicht ihm hastig seine Papiere. Hier! Mein Name ist Schulz, Max Schulz.

INGENIEUR. Mensch, wie siehst du aus! Alle,  außer Ingenieur und Schulz, sehen Moser an.

SCHULZ. Ich habe Nasenbluten. Moser wendet sich ab und starrt vor sich hin.

INGENIEUR fixiert Schulz scharf. So?

SCHULZ verwirrt.  Und dann bin ich auch gestolpert, hierherauf, und gestürzt, einigemale – ich habe gehört, hier würden noch Leute eingestellt werden. Bitte! Moment! Ich bin nicht schwach, ich wirke nur so! Ich bin klein, aber stark – jede, auch die schwerste Arbeit!

INGENIEUR blättert in den Papieren: lächelt spöttisch. Sie sind Friseur?

SCHULZ. Jawohl, jedoch –

INGENIEUR unterbricht ihn. Bedaure! Rasiere mich immer selbst.

Gewaltiger Sturmstoß.

INGENIEUR fährt zusammen. Hoppla! – Hm. Mensch, Sie haben Schwein. Gut! Ich stelle sie ein. Wir müssen fertig werden, bevor das Wetter etwa umschlagen sollte. Oberle! Er arbeitet mit auf 3018. Zu Veronika. Mein Essen! Zum Aufsichtsrat. Darf ich bitten!

AUFSICHTSRAT. Na bequem ist anders! Ab mit dem Ingenieur nach rechts.

MAURER. Habts ghört? Paßts auf! Wies Wetter umschlagt, stellens die Arbeit ein!

XAVER. Was sagst?

REITER: Lang san wir nimmer da.

MAURER. I weiß net, wo i nacher hin soll!

SLIWINSKI. I a net.

HANNES. I scho.

SIMON. Du scho! Freili! Du rollst di in dei Dorf retour und hütst die Gäns im Stall!

HANNES. Da täuscht di! , wanns hier zugmacht wird, i geh stehln! Pfeilgrad! I geh stehln! Alle schauen ihn groß an.

Zweiter Akt

Breiter Gratrücken. Gletscher ringsum. Rechts Arbeiterbaracke Nummer vier der Bergbahn A.G. Davor Quelle und primitive Bank. An einer Leine hängt buntgeflickte Wäsche. Links Felskanzel. Vor Sonnenaufgang. Windstill. Ingenieur steht auf der Kanzel und blickt empor. Oberle tritt lautlos aus der Baracke und stellt sich neben den Ingenieur.

INGENIEUR zuckt zusammen. Ach Sie sind es, Oberle!

OBERLE. San Sie jetzt erschrockn?

INGENIEUR. Wer?

OBERLE. Sie!

INGENIEUR. Ich? Er lacht.

OBERLE. Sie san halt nervös.

INGENIEUR spitz. Finden Sie?

OBERLE. Sie sind halt überarbeit. Sie solltn net alls allein machen wolln.

INGENIEUR. Ich verbiete es Ihnen, sich mit meiner Person zu beschäftigen. Stille. Der Herr wünschen?

OBERLE. I wollt bloß nachschaun. Wies werd.

INGENIEUR. Was denn?

OBERLE. Das Wetter.  – Sie passen doch auch aufs Wetter, oder?

INGENIEUR immer spöttisch aus Unsicherheit. Ich bewundere Ihre Beobachtungsgabe.

Alle Arbeiter und Veronika kommen nach und nach aus der Baracke; waschen sich am Brunnen, holen ihr Werkzeug herbei; Veronika verteilt Tee.

OBERLE. Das Wetter is nix. Und werd nix. 

INGENIEUR. Das Wetter hält.

OBERLE. Man sieht net durch die Wand. Vielleicht schneits scho drübn, hinterm Grat. Es gfallt mir net, daß so still is.

Stille.

INGENIEUR fast zu sich. Es hält, es hält, es hält. Ich habe eine Idee verkauft. Habe ich mich verrechnet? Ein miserabler Vertrag. Es dreht sich hier nicht um Geld. – Warum erzähle ich Ihnen das?

OBERLE lächelt. Manchmal muß man halt redn. Sie san ja allweil allein.

INGENIEUR scharf. Was geht Sie das Wetter an?

MAURER. Herr Ingineur!

INGENIEUR. Was gibts?

MAURER. Wir hättn nur a Frag. Es heißt, daß wanns Wetter umschlagt, die Arbeit eingstellt werd, hier obn. Stimmts?

INGENIEUR. Stimmt.

MAURER. Und daß wir nacher net etwa weiter untn oder anderswo beschäftigt werdn, sondern weggschickt.

INGENIEUR. Und?

MAURER: Ja, des is nämli a so: des Wetter hält sie höchstns no drei Tag, länger net. Und nacher darfst gehn. Wann wir aber gleich gingen, kenntn wir no leicht unterkommen, druntn beim Straßnbau zwischn Reith und Neukirchn – nacher aber nimmer. Und, wanns halt bloß vom Wetter abhängt, nacher gingen wir halt gleich.

INGENIEUR. Seid ihr verrückt geworden?

SIMON, Werdn wir abgbaut, oder net?!

INGENIEUR. Erstens, das Wetter hält.

HANNES. Is des so sicher?

INGENIEUR. Zweitens: Keiner wird entlassen.

SIMON. Is des so sicher?

INGENIEUR. Wir müssen es schaffen! Niemand wird entlassen!

Stille.

OBERLE. Sie san a gscheiter Mann, Herr Ingineur. – Is des wahr, daß nur Sie zu bestimmen habn? Nur Sie?

INGENIEUR. Das Wetter hält. Es muß. Er steigt empor.

SCHULZ. Wie weit haben wir zu steigen?

REITER. So zwa Stund.

SCHULZ. Wie?

SLIWINSKI gewollt hochdeutsch. Zwei Stunden. 

SCHULZ. Sind es wirklich nur zwei Stunden?

OBERLE. Ja.

SCHULZ. Manchmal vergehen zwei Stunden rasch.

VERONIKA zu Moser. Warum schaust mi denn net an? Schau mi an!

MOSER. I schau ja.

VERONIKA. Was hast denn?

MOSER. Nix.

VERONIKA. Lüg net!

MOSER. Laß mi!

VERONIKA. Mann, was hast denn? Was is denn? Was hab i dir denn getan?!

MOSER. I weiß, was i gtan hab.

Stille.

VERONIKA leise. I kann doch nix dafür, daß du den gschlagn hast.

MOSER. Meinst?

VERONIKA. Wann mi so anschaust, glaub i schier, i hätt wen umbracht.

MOSER. Mögli. 

VERONIKA. Moser, tu net, als warst a Tier.

MOSER gehässig. Fürchte dich nicht! Er läßt sie stehen.

SIMON zu Veronika. So laßn!

VERONIKA, Was hab i denn nur gtan?

SIMON. Du brauchst nix gtan zu habn und es gschieht was.

VERONIKA, I kann do nix dafür.

SIMON. Des is an Moser gleich. Der geht unter die Apostl. I hab dirs scho mal gsagt, wies kommen werd. Daß aus werd, ganz plötzli. I kenn an Moser. Und di.

VERONIKA. Ja, jetzt fallts mir wieder ein.

SIMON. Werst es wieder vergessn? 

VERONIKA. Na. Ab in die Baracke. Simon, Xaver, Hannes steigen nach links empor.

MAURER zu Schulz. Zu! Zu! Es pressiert!

SCHULZ. Moment! Man muß es gewohnt sein.

SLIWINSKI. Jetzt kimmt d`Sonn.

SCHULZ. Wie?

MAURER gewollt hochdeutsch. Die Sonne.

SCHULZ. Wo?

REITER lacht kurz. Wo? Wo? Jetzt fragt der, wo d´Sonn aufgeht!

MAURER. Wo geht denn d`Sonn auf bei dir zhaus?

SCHULZ. Im Osten.

SLIWINSKI. Herrgott Sakrament! Jetzt ist d`Sonn scho da, und wir sann o allweil net drobn! I geh! I mag da net naufschwitzn in der Hitz! Heut is so dumpf – als war die ganze Welt a Kasemattn.

Er steigt empor. Reiter, Oberle, Maurer folgen ihm nach. Schulz stiert müde vor sich hin; will den Anderen nach.

MOSER. Halt! Schulz erblickt ihn und zuckt etwas zusammen; will weiter. Halt!  – Du, hör her – i bin extra etwas hint bliebn, weil i di hab sprechen wolln, wegen gestern. Mancher werd halt leicht wütend, des ist Veranlagungssach, net? Verstehst, aber man meints ja gar net so drastisch. Des gestern, des war – horch! I will di net um Verzeihung bittn, i war ja im Recht, verstehst? Wenn da so a Fremder über die Mensch kimmt, ha? I hab scho ganz recht ghabt! Net? Oder? – Aber da plärrt gleich alls und Jeder, man is a Rohling, und man hat do recht, das sakrische Recht is do auf meiner Seitn, net? Des versteht do jeder! – Aber, weißt, was i net versteh? Daß i im Recht bin und daß es mir trotzdem is, als hätt i Unrecht gtan – verstehst du des? Kann des a Mensch verstehn?!

Steiler Grat. Gletscher ringsum. Ziehende  Wolken. Stoßweise Sturm. Vormittag. Simon, Xaver, Hannes ziehen ein Kabel, das über eine Walze aus der Tiefe nach der Höhe rollt, empor: „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!“; verschnaufen ab und zu; wechseln wenige Worte.

SIMON. Der sakrische Sturm! Da kannst schier nimmer schnaufn!

XAVER. Die Sonn glitzert wie a Seifenblasn.

SIMON. Lang hält sichs nimmer.

XAVER, Schau, wie die Wolkn runterdruckn. Als bügelt der Himmel die Berg platt. Zu an Pfannkuchen! „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!“

SIMON. Zieh zu, Hannes! Fester!

HANNES. I zieh ja!

XAVER. A Dreck ziehst! I spürs!

SIMON. Wenn wer auslaßt, kimmt kaner vom Fleck!

XAVER. Zu! „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!“ – Auf Punkt 3018 wird gesprengt.

SIMON. Gsprengt.

HANNES. Die Stein! Die Stein! Des donnert runter, wie beim Jüngsten Gricht.

XAVER. Glaubst du an des Jüngst Gricht?

HANNES. Ja.

XAVER. Unmögli wars ja net. 

SIMON. Hin is hin.

HANNES. Na! Wir auferstehn!

SIMON. Du scho! I net! I mag net! I laß mei Arsch lieber von die Würm zernagn, als daß ihn dei Jüngst Gricht auf ewig ins höllisch Feuer steckt! Is ja auch nur a Klassengericht! Nebn an gutn Gott spitzelt der Gendarm und dir stellns an Verteidiger, der an sei Schellensolo denkt, net an di! Es gibt kane Gerechtigkeit! „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!“

XAVER. Des war net recht vom Moser. Gestern. Na, des werd net recht, des Theater mit dem Schulz, oder wie er si schreibt.

HANNES. Theater! Hihihi! Die Vroni markiert an Unschuldsengel und is do a läufigs Luder!

XAVER. Im Schlaf hat der scho so danebngredt, als hätt ihn a toller Hund bißn, direkt wild. Und gwinselt, die ganz Nacht. Habts denn bloß gschnarcht und nix ghört?

HANNES. Den werds halt von lauter Abortdeckl gträumt haben! Vom Moser seine Prankn! Wie a Löw! Hihihi!

XAVER. Halts  Maul, Dorftepp damischer! „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!” Sakradi! Die Kalt reißt an d´Haut vo der Hand! Des Scheißkabl schneidt wie a Rasiermesser.

SIMOB. Hast kane Handschuh?

XAVER. San a scho zerfetzt!

HANNES. Und schwaar is des Zeig!

SIMON. Aufn Bindfadn hängt man kann Waggon! Für dreißig Personen mit Sitzgelegenheit. „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!“ No zehn Meter.

HANNES. Einmal, wanns ferti is, möcht i scho damit fahrn. Rauf und runter.

SIMON. Da werst net weni Taler brauchn! A Bergbahn werd ja bloß für Direkter baut, für lauter Direkter! – Aufn Gipfel kimmt no a Hotel mit Bad und Billard. Auf Punkt 3018 wird wieder gesprengt: zweimal.

HANNES. Scho wieder! Und no mal!

XAVER. Wenns nur des ganz Klump in d`Luft sprengen tatn!

SIMON. Wartn, Xaverl, wartn! Kimmt schon no! Kimmt scho! Es gibt bereits welche, die mehr sprengen, als a Bergbahn braucht samt Hotel mit Bad und Billard! Die sprengen die ganzn Paläst und Museen, alles, von dem der arbeitende Bürger nix hat! Die Moskowiter, sag i euch, hint im riesign Rußland, die haben alles anbohrt, auch an härtestn Marmor, Pulver neigsteckt und angsteckt! Piff! Paff!

Schweigen.

XAVER. No zehn Meter. „Ho ruck! Ho ruck! Ho ruck!”

Vor der Arbeiterbaracke. Es ist zehn Uhr und die Sonne scheint. Gelbes Licht. Aufsichtsrat sitzt in der Sonne vor einem kleinen Tische und ißt Koteletts, Kartoffel und Salat; Thermosflaschen in verschiedenen Größen stehen vor ihm, aus denen er ab und zu trinkt. Ingenieur kommt von links herab.

AUFSICHTSRAT. Na guten Morgen! Hören Sie, bequem ist anders. Meine arme Knie.  Nein, schrecklich! Überall Sport. Aber, glauben Sie mir: trotz aller Anstrengung beneide ich selbst unseren letzten Arbeiter. Immer in herrlicher Höhenluft, inmitten gewaltiger Natur! – Wollen Sie nicht mithalten?

INGENIEUR. Danke. 

AUFSICHTSRAT. Sie haben schon gefrühstückt?

INGENIEUR. Ja.

AUFSICHTSRAT. Übrigens: nettes Mädel das hier. Frisch! Aber dreckig! Die kommen ja nie zum Baden. Er lacht. Wissen Sie, ich habe mich nämlich so gefragt: wie halten Sie das aus, so vier, fünf Monate ohne Weiblichkeit? Pardon, ich wollte nicht indiskret –

INGENIEUR. Oh, bitte.

AUFSICHTSRAT. Ich glaube, Sie können gar nicht lieben. Sie sind so ein Höhlenheiliger, was?

INGEBIEUR. Ich weiß nicht, was Sie unter „Liebe“ verstehen.

AUFSICHTSRAT. Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie nicht wissen, was Liebe ist. Liebe ist das Köstlichste, ein Geschenk des Himmels. Gott! Jeder Mensch hat doch einen, dem sein Herz gehört – ich hänge sehr an meinen Kindern, aber ich sehe sie nie, man ist zu sehr im Joch. – Sie haben keinen Familiensinn. Sie sind trotz Ihrer Arbeit ein destruktiver Mensch, haha, guter Witz!

INGENIEUR. Verzeihen Sie, daß ich Sie im Essen störe. Ich muß leider wieder fort. Darf ich bitten? Aufsichtsrat erhebt sich und folgt dem Ingenieur. Hier bietet sich einem die beste Sicht über die letzte Strecke der Anlage. Sie sehen: dort unten, oberhalb jener vermurten Gletscherzunge Stütze vier. Der helle Fleck. Höhe 2431.

AUFSICHTSRAT durchs Fernglas. Jawohl!

INGENIEUR. Nach rund 1200 Metern erreicht die Bahn Stütze fünf: dort oben, links der schwarzen Wände, jene rostbraune Stelle. Gesprengt. Höhe 3018. 587 Meter Höhe in knapp sieben Minuten.

AUFSICHTSRAT. Rekord! Und Hochachtung! – Unter uns: in der letzten Aufsichtsratssitzung fiel der Satz: Sie seien besessen von Ihrer Arbeit, Ihre Besessenheit ist kapital! Im wahren Sinne des Wortes: Kapital! Und Geheimrat Stein sagte, wenn das Vaterland lauter solche Männer hätte, stünde es besser um uns. Ich füge hinzu: dann wäre dieses Wunderwerk, Ihr Wunderwerk, in drei Wochen fahrtbereit!

INGENIEUR. Bis dato war uns der Oktober freundlich gesinnt. Nur noch vier Tage, und das Hilfskabel hängt auf Hilfsstütze fünf, das Pensum rollte sich planmäßig ab. Dann dürfte es wettern. Tag und Nacht.

AUFSICHTSRAT betrachtet die Landschaft durchs Fernglas. Wir verringern natürlich die Belegschaft.

INGENIEUR. Alles wird entlassen, bis auf die vierzehn Mann der Talstation.

Sturmstoß.

AUFSICHTSRAT. Teufel, dieser Sturm! Durch und durch!

INGENIEUR. Würden wir gezwungen, die Vorarbeiten vorzeitig abzubrechen, so folgerte freilich hieraus –

AUFSICHTSRAT unterbricht ihn. Herr! Weitere Verzögerungen wären untragbar!

INGENIEUR. Ob man sie tragen muß, entscheidet der Sturm. Die kommenden vier Tage. Denn schlägt das Wetter im Oktober um, dann kommt der Winterschlaf. Und setzt gar das Frühjahr spät und schlecht ein, so dürfte sich die Inbetriebnahme leicht um ein volles Jahr verzögern.

AUFSICHTSRAT. Wie? Was?! Mensch, was reden Sie da! Ein Jahr?!

INGENIEUR. Vielleicht!

AUFSICHTSRAT. Ist nicht wahr! Ist nicht wahr! Das ist ja der Tod! Das Nichts! Die Pleite!

INGENIEUR. Enn ich nicht falsch unterrichtet worden bin, hat die A. G. die Bodenbank interessiert.

AUFSICHTSRAT. Man hat Sie unterrichtet?

INGENIEUR. Ja.

AUFSICHTSRAT. Wer?

INGENIEUR. Die Bodenbank ist beteiligt. Seit sechs Wochen. Mit 45 %. Stimmts? Ja oder nein?

AUFSICHTSRAT. Es stimmt. Auffallend! Und?

INGENIEUR. Es stimmt! Und ich lasse mich nicht hetzen! Herr, ich gebe mein Letztes her, doch gegen Elemente kann keiner kämpfen! Aber die Bodenbank kann zahlen. Auch zwei Jahre länger!

AUFSICHTSRAT. Auch zwanzig Jahre länger!

INGENIEUR. Sehen Sie!

AUFSICHTSRAT. Ich sehe. Doch Sie scheinen blind zu sein! Der A. G. ist es völlig piepe, ob sie an Konserven, Spielwaren oder Bergbahnen verdient. Mann, es geht um die A. G. und nicht um Ihre Beschäftigung! Jeder Tag mehr kostet uns Herzblut. Wir verlieren die Mehrheit und unsere Millionen werden Nullen vor der Zahl. 

INGENIEUR. Das dürfte übertrieben sein.

AUFSICHTSRAT. Ihnen dürfte es freilich gleichgültig sein, wer sein Geld für Ihre Pläne riskierte!

INGENIEUR. Nichts war riskiert!

AUFSICHTSRAT. Das sagen Sie!

INGENIEUR scharf. Und Sie?

AUFSICHTSRAT. Hahaha! Sie entpuppen sich ja als Idealist! Sie bauen tatsächlich in die Wolken! Hahaha! – Mein lieber Herr! Merken Sie sich: Wir sind Kaufleute. Also nicht naiv.

INGENIEUR. Mein Werk ist kein Geschäft.

AUFSICHTSRAT. Großer Gott! Wir finanzieren doch nicht Ihren Ruhm!

INGENIEUR. Über der Person steht das Werk.

AUFSICHTSRAT. Um unser Geld!

INGENIEUR. Aber die Person fordert Bewegungsfreiheit, um schaffen zu können! Man ist doch in keinen Käfig gesperrt!

AUFSICHTSRAT grinst. Sie verkennen Ihre Lage.

INGENIEUR. Um das Werk zu vollenden, werde ich rücksichtslos!

AUFSICHTSRAT. Richtig! Ditto! Um das Geld nicht zu verlieren, sagt die A. G. „Hören Sie! Wir haben Ihr Patent erworben. Und die Konzession!“

INGENIEUR. Was soll das?

AUFSICHTSRAT. Aha! Erraten! Es gibt nur wenige A. G.`s, aber zahlreiche Ingenieure. Ingenieure, gleichtüchtige, die sich aber auch gerne hetzen ließen, wenn – Und die auch gegen die Arbeiterschaft energischer einschreiten! Eine Unerhörtheit dieser letzte Streikversuch!

INGENIEUR. Wann?

AUFSICHTSRAT. Voriges Jahr. Zwei Wochen schlecht Wetter und schon Drohung mit Lohnerhöhung! Pack kennt keine Pflicht. Mehr Energie, Herr! Mehr Faust! Wann haben Sie –

INGENIEUR unterbricht ihn. Wann habe ich nicht? Was habe ich nicht? So denken Sie doch nach! Da ist der Fall Klaus, und die Geschichte der drei – Habe ich etwa Schlappschwanz markiert?

AUFSICHTRAT. Die unter allen Umständen ungerechtfertigten, jeder Grundlage entbehrenden Beschwerden der Belegschaft sind strikte zurückzuweisen. Wir müssen zwingen. Und sollte es Schwefel schneien.

INGENIEUR. Jetzt reden wir aneinander vorbei. 

AUSICHTSRAT. Freut mich! Aufrichtig! Es wäre doch auch zu traurig, wenn man im zwanzigsten Jahrhundert noch derart vom Wetter abhängen müßte! Sollte sich die Inbetriebnahme wieder verzögern, selbst nur um paar Tage, sind Sie entlassen.

INGENIEUR. Hahaha! – Und unser Vertrag?

AUFSICHTSRAT. Prozessieren Sie!

INGENIEUR. Das können Sie nicht!

AUFSICHTSRAT. Das können Sie nicht. Wir können! Und noch mehr!

INGENIEUR. Gratuliere!

AUDSICHTSRAT. Danke! – Sie sind Fanatiker. Um Ihr Ziel zu erreichen, schritten Sie über Existenzen. Über Leichen!

INGENIEUR. Und Sie? Aus ferner Höhe tönt ein „Huuu!“ sechsmal hintereinander; der Nebel hüllt alles in Grau: unheimlich still und düster.

AUFSICHTSRAT entsetzt, feige. Was war das?

INGENIEUR. Sechsmal in der Minute. Das Notsignal!

AUFSICHTSRAT. Die Leichen!

INGENIEUR. Vielleicht! – Guten Appetit! Ich sehe nach! – Nur keine Angst!

AUFSICHTSRAT. Ich habe keine Angst, Sie! Ingenieur lacht ihn aus und eilt nach links empor.

VERONIKA tritt aus der Baracke. Hat da nit wer grufn? – Es war doch, als hätt wer grufn.

AUFSICHTSRAT sieht auf die Uhr. Zehn auf elf. Er überlegt; setzt sich wieder und fängt an mechanisch zu essen.

VERONIKA sieht ihm zu. Schmeckts?

AUFSICHTSRAT nervös. Sie sollten mal im Adlon essen.

VERONIKA. Wo?

AUFSICHTSRAT. Im Adlon. – Zum Donnerwetter, was glotzen Sie denn so?! Haben Sie noch nie jemanden essen sehen?! So ein Geglotze! Ist ja widerlich! Die Rufe ertönen wieder.

VERONIKA. Da is was gschehn!

AUFSICHTSRAT. Was soll denn geschehen sein?! Was? Wie?

VERONIKA. Es san scho paar runter –

AUFSICHTSRAT wird immer nervöser. Wo runter? Was runter?! So machen Sie doch Ihr Maul auf, gefälligst, ja!

VERONIKA. Schreins nit so mit mir!

AUFSICHTSRAT brüllt. Was erlauben Sie sich für einen Ton?! Freches Frauenzimmer! – Nichts ist geschehen. Es darf nichts geschehen! Basta!

Sturmstoß-

VERONIKA. Nur kane Angst!

AUFSICHTSRAT. Ich habe keine Angst, Sie!

Dritter Akt

Gratscharte. Graugelber Nebel. Oberhalb der Scharte die Konturen der Hilfsstütze Nummer fünf, wie eine riesige Spinne. Neuschnee. Moser, Reiter, Sliwinski, Simon ließen Oberle an einem Seile in den Abgrund, um den abgestürzten Schulz zu bergen.

MAURER auf einem Gratzacken; ruft durch Handtrichter. Huuu! – Huuu!

Xaver, Hannes lauschen auf Antwort. Stille.

HANNES. Nix. Sturmstoß in der Ferne, der sich rasch nähert.

XAVER. Horch, wie die Berg scheppern!

HANNES. Des winselt, wie a kranke Katz.

MAURER. Huuu!

SLIWINSKI. Maurer! Des hat kann Sinn, des Schrein! Des Wetter plärrt besser! Des überplärrt jeds Signal! Der Sturmstoß fegt vorüber. Maurer klettert vom Zacken herab.

XAVER leise. Wie so an Unglück passiert –

MAURER ebenso. Schnell!! Der Reiter hat a Klammer braucht, und der Oberle sagt zum Schulz: hol ane her! und der arm Teufl springt dahin, ganz eifrig, und schreit glei, ganz entsetzli, und runter is er scho über d´Wand. So vierzig Meter.  Und bloß ausgrutscht –

MOSER erregt; unterdrückt. Hörts! Stehts do net so rum! Der Oberle holt den scho rauf! Laufts um a Tragbahr und telefonierts um an Dokter! Zu!

HANNES. Da wird nimmer viel zum doktern sein.

MOSER. Meinst?

HANNES. Ja. Der is hin.

MOSER. Was is hin? Wer is hin?! Der is net hin, du Rindvieh! Der darf net hin sein!

REITER. Achtung, Moser!

OBERLES STIMME aus dem Abgrund. Auf! Moser, Reiter, Sliwinski Simon, Xaver, Maurer ziehen das Seil empor. Hannes will ihnen helfen.

MOSER. Weg! Tepp!

SIMON zu Moser. Halts Maul! Im Abgrund wimmert Schulz; schreit gellend auf; verstummt.

REITER. Achtung! Um Gotts Willn! Sturmstoß.

SLIWINSKI. Net auslaßn! Zu! Oberle, Schulz erscheinen am Seile über der Kante; Oberle stützt den bewußtlosen Schulz, der sofort aus den Schlingen befreit und unter einer überhängenden Felspartie gebettet wird.

OBERLE löst den Seilknoten; verschnauft. Seids alle da?

REITER untersucht Schulz. Habts ka Wasser?

SIMON. Hier!

SLIWINSKI. Net so tief, an Kopf!

REITER. Des überlaß nur mir! I bin Samariter.

OBERLE. Den hats da drunt auf an Zackn ghaut, daß der Fels kracht hat.

XAVER. A Gsicht voll Blut. Wie a roter Neger.

Schweigen.

REITER erhebt sich langsam. Aus. Der wird nimmer. Des is ja des ganz Geripp zersplittert.

SIMON. Ja, der is runter.

MAURER gedämpft. Der Neuschnee halt, der Neuschnee! Und des Schuhzeug is a nix fürs Hochgebirg. Die Sohln wie Papier. Da liegt er.

Schweigen.

SLIWINSKI. Als tat er bloß träumen.

REITER: Träumen, schlafn. – Das Best für den is gar nimmer aufwachn.

XAVER. Das Best ists freili. Für an jedn.

SIMON. Möchst denn du scho eingscharrt sein? Und verfauln?

XAVER. Manchmal.

SIMON. I net. No lang net!

SLIWINSKI. Manchmal ists a direkte Gnad, der Tod.

Schweigen.

MAURER. Wo war denn der zhaus?

OBERLE. In Stettin.

HANNES. Stettin?

OBERLE. Stettin liegt am Meer.

HANNES.  Da hätt er mehr als Matros –

MOSER unterbricht ihn bestürzt. Ruhe!! Der hört ja! Schauts hi,  wie der schaut!!

Alle schrecken zusammen, versteinern.

SCHULZ hatte die Augen aufgeschlagen und gehorcht; fixiert nun einen nach dem anderen; lächelt schwach. – Wer kennt Stettin? Und Warnemünde? – Hm – Also: Gnade. Sterben. Verfaulen. Hm. – Muß man denn wirklich schon verfaulen? Ja? Nein, ihr irrt! Ihr irrt! Ich bin ja nur gestolpert – die Haut klein wenig abgeschürft, jedoch nichts gebrochen, verrenkt, alles intakt! Ich fühle mich sauwohl, tatsächlich: sauwohl – und dann will ich wieder arbeiten. Rasieren, frisieren. Nehmen Sie Platz, bitte – Ich rasiere, frisiere, ich rasiere, ich frisiere – ich – habe – gehört – hier würden, noch – Leute – eingestellt werden – Er stirbt.

Stille. Alle entblößen ihr Haupt.

HANNES fällt langsam auf die Knie, betet. Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde ein Name –

MOSER unterbricht ihn. Verflucht! Ka Litanei, ka Rosenkranz! Der da drobn is taub für uns arme Leut! In weiter Ferne Donnerrollen.  Ja, donnern, des kann der! Und blitzn und stürmen! Schreckn und vernichtn! – Was gedeiht, ghört net uns. Was ghört dem armen Mann? Wenn die Sonn scheint, der Staub, wenns regnet, der Dreck! Und allweil Schweiß und Blut!

Ein leiser Wind hebt an, der allmählich zum Sturm wird.

INGENIEUR erscheint; atemlos; aufgeregt. Was ist hier los? Warum steht man so herum? Wer gab das Notsignal?

MAURER. I.

INGENIEUR. Was ist denn geschehen?

OBERLE. Still, Herr! Hier liegt a Toter.

INGENIEUR. Wieso? Wo? Wer?

OBERLE. Dort. Den Ihr gestern eingestellt habt, der Schulz.

INGENIEUR. Scheußlich!

OBERLE. Er ist bloß gestolpert – über die Wand da. So vierzig Meter.

Schweigen.

INGENIEUR. Verdammt! Tja, da kann keiner dafür. – Wollen wir ihn ehren, indem wir geloben, ihm, der in Erfüllung seiner Pflicht fiel, nachzueifern, weiterzuarbeiten. – Ich muß unbedingt darauf bestehen, daß die Arbeit sofort wieder aufgenommen wird. Den Leichnam lassen wir bis zum Abend hier liegen und nun –

MOSER unterbricht ihn. Na, der wird zuerst nuntergtragn und aufgebahrt. Nachher werd weitergschafft. Eher net!

INGENIEUR. Hoppla! Hier hat nur einer zu befehlen, und das bin ich! Pflicht kommt vor Gefühlsduselei.

REITER. Pflicht is, a Leich net liegn zu lassn, wie an verrecktn Hund.

INGENIEUR. Ich verbitte es mir, über Pflicht belehrt zu werden! Merken Sie sich das, Sie! Ich habe mir mein Ziel erkämpft und pflege meinem Willen Geltung zu verschaffen. Und seis mit schärfsten Mitteln!

SIMON. Bravo! Bravo!

INGENIEUR. Was soll das? Schweigen. Es wird weitergearbeitet. Mit Hochdruck und sofort. Los! Keiner reagiert. Schweigen. Hört: sollte das Wetter umschlagen und wir hätten die Vorarbeiten noch nicht beendet, – das Werk, der Bau, die Bahn ist gefährdet!

MOSER. Sonst nix? Werd scho schad sein um die Scheißbahn! Sehr schad! Wer werd denn damit amüsiert? Die Aufputztn, Hergrichtn, Hurn und Wucherer! Wer geht dran zu Grund?! Wir!

SIMON. Wir! Wir!

INGENIEUR höhnisch, doch etwas unsicher. So?

MAURER. Gfährdet is bloß unser Lebn!

INGENOEUR. Hier gibt es Hetzer?

REITER. Und Ghetzte!

MOSER. Und was is denn scho, wenns überhaupt kane Bahnen gibt?! Kamst um dei Seelenheil? Stürzet die Welt ein?!

INGENIEUR. Unreifes Zeug, dummes!

REITER. Wenn Sie, Herr, so a gscheits Genie san, so denkens halt mal an uns! Bauns ka Bergbahn! Bauns uns Häuser statt Barackn!

INGENIEUR. Hier wird nicht geredet, hier wird gearbeitet! Ohne Kritik!

OBERLE. Habt Ihrs net donnern ghört, zuvor?

INGENIEUR. Quatsch! Quatsch! Ich kenne das Wetter! Das hält!

Hannes lacht.

OBERLE. Herr, i bin a alter Arbeiter und die Verantwortung –

INGENIEUR unterbricht ihn. Nur keine Anmaßung! Die Verantwortung trage ich. Nur ich. Es donnert. Stille. Hm. Jetzt dürfte sich manches geändert – Grinst nur, grinst! Ja, jetzt könnt ihr den aufbahren. Alles aufbahren! Auch euch selbst! Er will absteigen.

MAURER. Halt! An Augenblick! Darf man fragn, obs stimmt, daß wir ghetzt werdn? Und daß es ganz gleich is, ob wir runterfalln, wenn nur des Kabel herobn hängt, bevors Wetter umschlagt? Und daß wir, wanns umschlagn hat, fortgtriebn werdn –

INGENIEUR unterbricht ihn. Jetzt könnt ihr gehen!

MAURER. Wohin?

INGENIEUR. Die Arbeit ist eingestellt. Alles ist eingestellt. Ihr seid entlassen.

MAURER. Habts es ghört?! Habts es ghört?

REITER. Des hättns uns scho sagn können!

SLIWINSKI. Solln!

SIMON. Müssen!

MAURER. Lügner! Lügner!

REITER. Jetzt kriegst nirgends Arbeit! Jetzt nimmer!

INGENIEUR. Wer arbeiten will, der kann! Jetzt und immer!

Simon applaudiert. Wird immer erregter. Hört! Ich habe alles verlassen, um mein Ziel zu erreichen! Ich habe in Baracken gehaust –

MOSER. Wir habn no nie anderswo ghaust!

INGENIEUR.  – ich habe verzichtet, ich habe im Schatten geschuftet an dem Werk!

SLIWINSKI. Im Schatten deiner Villa!

INGENIEUR. Ich habe keine Villa!

SIMON. Aber a Wohnung hast! Unds Fressn hast! Und an Mantl, wanns di friert! Ists wahr oder net?

INGENIEUR. Ich werde mir erlauben, eine Wohnung zu besitzen! Doch ich hätte auch hungernd und frierend an meinen Plänen gearbeitet – Er hält plötzlich verwirrt die Hand vor die Augen. Aber ich habe ohne den lieben Gott kalkuliert. Allerdings, ja, jetzt schlägt das Wetter um –

MAURER. Also, weil Sie Herr sich verrechnet habn, drum stehn wir da, mittn im Winter! Ohne Dach, ohne Holz, ohne Brot!

SIMON. A jeder redt si aufs Wetter naus, aber kaner rechnet damit!

HANNES. Die ganzn Plän san halt falsch.

INGENIEUR. Was?! Kritik? Kritik! Du Trottel! Ungebildetes Pack erlaubt sich –

XAVER unterbricht ihn. Ohne uns Pack, was war denn die Werk?! Bloß a Plan! Papier! Papier!!

Stille. Ingenieur geht langsam auf Xaver zu und hält dicht vor ihm; fixiert ihn; plötzlich schlägt er ihm vor die Brust, daß er zurücktaumelt. Stille.

INGENIEUR verliert die Nerven. Jetzt könnt ihr gehen! Verschwindet! Marsch!

OBERLE. Wohin!?

INGENIEUR. Was weiß ich?! Wohin ihr wollt! Wohin ihr könnt! Wohin ihr gehört! Zum Teufel!

MOSER. Halt! Komm mit!

SIMON, SLIWINSKI. Komm mit zum Teufl!

MOSER. Dort hockn alle armen Sünder hinterm Ofen – alle in aner warmen Stub. Komm mit zum Teufl!  Mit uns! Komm mit, komm mit! Er schlägt ihn nieder.

Sturm.

REITER. Schlagt ihn nieder, den Satan!

SIMON. Schlagt ihn tot!

XAVER. Ganz tot!!

HANNES. Tot! Tot! Tot!

Es blitzt und donnert. Ingenieur stürzt zu Boden, springt jedoch sofort wieder empor; zerfetzt und blutend.

SLIWINSKI spuckt ihn an. Pfui Teufl!

Alle, außer Oberle, wollen  sich auf den Ingenieur stürzen. 

OBERLE reißt Moser zurück, der perplex ist über seine Kraft, und stellt sich schützend vor den Ingenieur. Zurück, Leut! Zurück!

INGENIEUR zieht einen Revolver, stößt Oberle zur Seite.  Weg! Weg! Ein Revolver langt für Halunken! Zurück! Und Hände hoch! Hoch! oder – Alle, außer Oberle, weichen und heben die Hände hoch. Revoltieren Zuchthäusler? Jetzt kommt das Gesetz!

MAURER. Paragraph! Paragraph!

SLIWINSKI. Kanonen, Kettn uns Schafott! Nur zu!

SIMON lacht. Das Gesetz!

INGENIEUR. Lach! Lach! Du erstickst daran!

REITER. Die Ordnung! Die Ordnung!

INGENIEUR. Hände hoch! Auch Sie, werter Herr Oberle! Hoch, Kerl, oder ich funke dich nieder! Hoch!

OBERLE folgt nicht; fixiert ihn. Wir san kane Zuchthäusler, Sie –

INGENIEUR. Kusch!  Und Hände hoch! Hoch, my boy!

OBERLE. Nie! Ehrlich schaffn diese Hand!

INGENIEUR. Zurück! Er schießt ihn nieder. Oberle wirft lautlos die Hände hoch und bricht tot zusammen. Es blitzt, ohne zu donnern; der Wind zirpt, durch den graugelben Nebel bricht ein Sonnenstrahl und fällt fahl auf die Gruppe; alles verstummt; Stille; dann ein gewaltiger Donnerschlag; Verfinsterung; der Sturm winselt und heult. 

MOSER. Der Satan! Der Satan!

ALLE. Der Satan!!

Moser röchelt und will sich auf den Ingenieur stürzen. Ingenieur schießt toll. Moser wankt und bricht knapp vor ihm in die Kniee. Die übrigen fliehen und suchen Deckung; finden keine; kleben an einer Wand mit hocherhobenen Händen. Ingenieur schießt trotzdem. 

XAVER. Mörder!

SIMON. Danebn! Danebn!

SIMON. Bravo! Bravo!

MAURER. Wir san doch kane Scheibn. Danebn.

HANNES läuft irr vor Angst dem Ingenieur entgegen. Es lebe der Schütznkenig! Er lebe hoch! Hoch! Hoch!

Ingenieur will schießen.

MOSER. Danebn! Er schnellt sich mit letzter Kraft empor und schlägt dem Ingenieur den Revolver aus der Hand; stürzt wieder. Ingenieur entsetzt; will fliehen, doch Moser klammert sich fest an seinem Bein. Orkan. Die übrigen nähern sich drohend.

INGENIEUR tritt und schlägt winselnd auf Moser ein; reißt sich los und retiriert sprunghaft, den Abgrund im Rücken. Die Kreatur! Er lacht höhnisch-irr hellauf; tritt ins Leere; krallt in die Luft, brüllt verzweifelt und stürzt kopfüber hinab.

Finsternis. Schneesturm. Man sieht kaum fünf Schritte weit. Unterhalb eines Grates. Maurer, Sliwinski, Xaver steigen ab und stützen den verwundeten Moser.

MOSER. Halt! I kann nimmer –

SLIWINSKI. No hundert Meter!

MOSER. Kann Schritt mehr.

MAURER. Zu! Wir san bald drunt!

MOSER.  Was soll i denn drunt mit an lahmen Knie?  Betteln?! – Laßt mi! Wißt, man is halt bloß a Vieh –

SLIWINSKI. Bist du verruckt?! Zu!

Blitz und Donner. 

MOSER. Holla! Jetzt sprengt der liebe Gott. Da fliegn Staner, schwarer als Stern – Er reißt sich los. Rettet euch! Lauft! Lauft! Laßt den Moser liegn! Der kann nimmer, der is verreckt!

MAURER. Und wenn wir alle verreckn! Komm!

MOSER. Na, ihr dürft net verreckn! Ihr müßt nunter und scharf aufpaßn, da ka Tropfn Blut vergessn wird – verstehst? – Vergeßt uns net. Und der Vroni, der sagts an schön Gruß, und es hat halt nicht sollen sein – Vergeßt uns net. Den alten Oberle Ludwig, den Schulz, und den Moser Karl aus  Breitenbach – Geht! Flieht! Flieht und vergeßt uns net! Zu!

XAVER. I kann di net lassn –

MOSER. Du mußt! Sonst verwaht uns alle der Sturm, wie a Spur im Schnee. Er bricht nieder. Maurer, Sliwinski, Xaver verschlingt der Sturm. Moser allein, kauert. Der Sturm läßt auf Augenblicke nach; Schnee fällt in großen Flocken. Leise. Wie des schneit, wie des schneit – still und weiß, – Wie des blut, wie des blut – rot und warm – Leb wohl, Kamerad – leb wohl – Er nickt ein, in der Ferne heult der Sturm: Kreatur! Kreatur! Er schreckt zusammen. Nur net einschlafn, nur net einschlafn! Er lauscht. Ho! Jetzt kommen die Paragraphen! Mit Musik! Horch! – links, rechts, links, rechts! Das Gewehr über! Das Gesetz! Das Gesetz! – Links, rechts, links, rechts, links, rechts, links, rechts – Es klingt wie Trommeln, marschierendes Militär und Gewehrgriffe. Stille. Die Ordnung! Sturmstoß. Ho! Ho, wohin soll i mi denn stelln?! Wohin?! Er reckt sich empor. Schießt! Schießt! Los! Legt an! Feuer!!

Trommelwirbel.

In der Nähe der Baracke. Im Schutze einer schwarzen Wand. Nebel. Sturm.

VERONIKA starrt nach links empor. Drobn schneits, drobn schneits. Drobn waht die Höll. 

AUFSICHTSRAT. Kommen Sie! Ich sehe nichts.

VERONIKA. Na!

AUFSICHTSRAT. Es ist sinnlos. Ich warte in der Baracke. Er sieht auf seine Uhr. Fünf nach vier. Wenn man nur absteigen könnte. 

VERONIKA lauscht. Schnee. Schnee. Und d`Leut drobn, d`Leut. Simon, Hannes, Reiter erscheinen, erschöpft und zerfetzt. Leise; bange. Wo ist der Moser?

REITER leise. Der Moser?  Und der Oberle, und der Schulz, und –

Veronika schreit gellend auf.

AUFSICHTSRAT. Wo ist der Ingenieur?

SIMON. Wer ist denn des?

REITER. Der Direkter.

HANNES. Was für a Direkter?

SIMON. Der Zirkusdirekter.

AUFSICHTSRAT. Wo ist der Ingenieur?

VERONKA. Wo ist der Moser!?

AUFSICHTSRAT. Was schert mich der Moser?

VERONIKA. Der Hals, der Hals! Schauts nur den Hals an! Wie des rausquirlt, der Speck – da sollt man mit an Brotmesser dran, mit an scharfn Brotmesser –

AUFSICHTSRAT. Ist die Person verrückt geworden?! Was ist denn los? Was ist denn geschehen?

VERONIKA lacht verzweifelt. Es darf ja nix gschehn! Es darf nix gschehn!!

AUFSICHTSRAT. Wo ist der Ingenieur?

Stille.

REITER. Der Ingenieur, der is nunter.

AUFSICHTSRAT. Ins Tal?

SIMON. In d`Höll.

HANNES. Kopfüber is er nunter, kopfüber!

SIMON. Über d`Wand! Vierhundert Meter! Oder tausend!

REITER. Ins Leere is er gtretn, ins Nix.

HANNES. – und wissens, Sie Herr Direkter – bevor der zur Höll gfahrn is, da hat er vorher no auf Scheibn gschoßn. Er war a braver Schütz! A jedesmal hat er ins Schwarze gtroffn, a jedsmal! Akkurat! Der Schützenkenig.

AUFSICHTSRAT. Ich fordere Aufklärung.

SIMON. Niedergschoßn hat er uns, niedergschoßn!

AUFSICHTSRAT. Quatsch! Ihr seid doch da!

REITER. Da! Aber wir liegn a drobn, im Schnee! Derschoßn, derfrorn, verblut und verreckt!

VERONIKA leise. Kimmt denn kaner mehr zruck?

SIMON. Der Maurer und der Dings, und – die kommen schon no. Aber an Moser werdns lassn müssn. Der war ja scho drobn verblut.  – Den runterbringen wolln, des is bloß a Quälerei.

VERONIKA. Des is glogn!

SIMON. Halts Maul!

VERONIKA. Der lebt!

REITER. Jetzt nimmer! Jetzt nimmer!

AUFSICHTSRAT. Der Tatbestand muß klargestellt werden.

HANNES. Der is scho klargstellt.

AUFSICHTSRAT höhnisch. Ohne Justiz? Ohne Gendarmerie?

VERONIKA nähert sich Simon. Du, is des wahr, daß er nimmer is? –

SIMON. Wahr.

VERONIKA unterdrückt. Simon, was werd jetzt  no alls kommen?!

SIMON. Zuerst: die Gendarmerie.

VERONIKA. Simon, i kann a Moser nimmer sehn. – I möcht fort, i kann kane Leich net sehn – I hab so Angst, Simon –

SIMON. I hab ka Angst.

VERONIKA. Simon, laß mi nur nit allein – i kann jetzt nit allein nunter –

AUFSICHTSRAT. Wäre das Wetter nicht umgeschlagen, wäre alles in Ordnung.

REITER. Die Ordnung!

SIMON. Einmal schlagt jeds Wetter  um! Nur kane Angst!

AUFSICHTSRAT. Ich habe keine Angst, Sie!

Hannes lacht ihn aus.

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