Jaroslav Hašek – Ein kleines Mißverständnis

Erzählung, abgedruckt im Prager Tagblatt vom 22. Februar 1925

Ich wurde durch das sibirische Revolutionskomitee in Omsk aufgefordert, unverzüglich aus Irkutsk nach Urga in der Mongolei aufzubrechen, dort den Vertreter der chinesischen Republik, General Sun-Fu, zu begrüßen, und mit ihm alles zu vereinbaren, was die Erneuerung der Handelsbeziehungen zwischen der Republik China mit Ostsibirien betrifft.

Am nächsten Tag erhielt ich ein zweites Telegramm, ich sollte den General Sun-Fu lieber nach Irkutsk bringen, damit der Repräsentant des Volkskommissariates für auswärtige Angelegenheiten, Genosse Gabranov, mit ihm den Vertrag über die Grenzen zwischen Sowjetrußland mit der Mongolei und China verhandeln könne.

So geschah es, daß zwei Bataillone Infanterie und eine Eskadron Kavallerie als Ehrengeleite, und für alle Fälle auch eine Batterie leichter Artillerie mit mir nahm.

Von Irkutsk marschierten wir in Infanterieordnung und stießen nirgendwo auf Widerstand. Die Burjatten kamen uns überall mit gebratenen Hammeln und mit Kumiß entgegen.

So ging es ohne irgend ein Hindernis vorwärts bis nach Selenga, der Hauptstadt des Selenginskij Ajmak. In Selenga wandelte sich die Situation ein wenig zu unseren Ungunsten. Unbekannte Agitatoren haben einige Bezirke transbaikalischer Burjatten gegen mich aufgebracht. Sie verbreiteten, daß ich Vieh requirieren komme.

In Schudjat in der Steppe zeigten sich die ersten bewaffneten burjattischen Reiter und als wir zum See Ur-Meda kamen, fanden wir 3000 Empörer vor uns, die einen Parlamentär mit dem verlockenden Angebot zu uns entsandten, wir sollen uns ergeben, und wenn wir dann schon alle so beisammen sind, uns nach dem altaischen Bergrücken begeben und uns bis zum Winter vom Raub ernähren. Im Winter können wir, ließ man uns sagen, uns auflösen und nach unseren Heimstätten zurückgehen.

Dieses Angebot lehnte ich ab und stellte meinerseits den Aufrührern den Antrag: sie selbst sollten sich uns ergeben und sich unserem Zuge anschließen. Dies hätte einen diplomatischen Zweck, damit wir durch die Anwesenheit der burjattischen Reiter in unseren Reihen von Angriffen der Eingeborenen, die auch Burjatten sind, verschont bleiben.

Ich kann sagen, daß es mir nicht ganz so gelungen ist, wie ich es erwartete. Die Aufrührer haben sich uns wirklich ergeben, als sie hörten, daß wir Artillerie mitführten, und so wurde mein Ehrengeleite durch 3000 wilde burjattische Reiter vermehrt.

Aus landsmännischer Sicht begannen sich uns Nomaden aus dem Barkuginskij, Mescheglikij und Tamirkij Ajmak (Bezirk) anzuschließen und als ich von den mongolischen Grenzen kaum 300 Werst entfernt stand, zählten wir bereits 12.000 Mann.

In Kake-Yzyr, einem Städtchen in der Steppe, schlugen sich Räuber des burjattischen Ataman Lo-Tum in der Zahl von 800 Mann zu uns, unterhalb des Berges Mane-Omi zirka 600 Mann Chunguzen und so stieg es erfreulich weiter, bis ich an der mongolischen Grenze mit 20.000 Mann dastand. Entsetzt floh die Bevölkerung vor uns, auf den Bergen brannten in der Nacht Warnungsfeuer. Wir hatten ungeheure Herden von Schafen, Ziegen und Pferden, die mein Ehrengeleite unterwegs überall umsichtig sammelte.

Als wir in die Hauptstadt der mongolischen Provinz Pei-Hur kamen, zogen uns die Vertreter der mongolischen Regierung mit den Lamas (buddhistischen Priestern) entgegen und baten uns, wir möchten ihnen das nackte Leben lassen. Mit der Mongolei könnten wir machen, was wir wollten, sie hätten nichts dagegen, welche Regierung immer wir einsetzen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich ihnen klar gemacht hatte, daß ich bloß freundschaftliche, friedliebende Absichten hege und in Urga mit dem chinesischen General Sun-Fu zusammenkommen wolle.

Sie waren aufrichtig verwundert und gaben mir ein aus zwei mongolischen Regimentern bestehendes Ehrengeleite, so daß ich mich schließlich Urga mit 30.000 Mann näherte. Die chinesische Regierung war sehr überrascht und begann an der mongolischen Grenze Militär zusammenzuziehen.

Der Vertreter der japanischen Regierung fühlte sich durch das Verhalten Chinas verletzt, weil Japan doch auch in der Mongolei Interessen besitzt.

Und so geschah es, daß zwischen Peking und Tokio einige sehr scharfe Telegramme gewechselt wurden.

Inzwischen näherte ich mich ganz ruhig Urga, um dort den General Sun-Fu zu begrüßen, der gleicherweise beunruhigt, die Besatzungen von den chinesischen Grenzen gegen Urga zusammenzuziehen begann und zum Schluß in Urga drei Divisionen chinesischer Infanterie, ein Regiment japanischer Kavallerie und zwei Divisionen Artillerie gegen mich beisammen hatte.

Unterhalb Urgas kam es zu der Schicksalsschlacht, die zwei Tage wütete. Meine Burjatten mußten alle daran glauben.

Ich war aufs Haupt geschlagen. Urga fiel an China mitsamt der ganzen mongolischen Provinz Pej-Hur. Ich kehrte nach Irkutsk mit zwei Mann zurück und als mich der Repräsentant des Volkskommissariates für auswärtige Angelegenheiten, Genosse Gabranov, befragte, wo ich denn den General Sun-Fu habe, sagte ich:

„Es ist mir ein kleines Mißverständnis passiert. Er ist in Urga geblieben …“

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