Isaak Babel – Salz

Dem Novellenband „Budjonnys Reiterarmee“ (Malik Verlag) entnommen, abgedruckt im Prager Tagblatt, Ausgabe vom 14. April 1926

Teurer Genosse Redakteur! Ich will Ihnen von den rückständigen Frauen schreiben, die uns schaden. Ich hoffe, daß Sie bei der Besichtigung der Bürgerfronten, über die Sie sich Berichte machten, die verstockte Station Fastow nicht ausgelassen haben, die siebenmal sieben Länder weit in unabsehbarer Ferne liegt. Ich bin selbstverständlich dort gewesen, habe Hausmacherbier getrunken. „Den Schnurrbart voll Schaum, in den Mund kommt’s kaum.“ Von dieser oben erwähnten Station gibt es gar viel zu erzählen aber wie es in unserem gemeinen Leben zu sagen Sitte ist – man muß manchen guten Brocken liegen lassen. – Darum werde ich Ihnen nur das beschreiben, was meine Augen selbst gesehen haben.

Vor sieben Tagen war eine stille, liebliche Nacht, als unser ruhmreicher Zug der berittenen Armee, mit Soldaten beladen, stehen geblieben war. Wir alle waren von dem Wunsche entflammt, der gemeinsamen Sache zu helfen, und fuhren in der Richtung nach Berditschjew. Allein wir bemerkten, daß unser Zug sich immer noch nicht in Bewegung setzte, und die Kämpfer begannen zu zweifeln und debattieren, warum er denn hier so lange halte. und wahrhaftig; es kam zu einer für die allgemeine Sache sehr großen Verzögerung infolge der Hamsterer – unter denen sich eine Unmenge Weiber befanden – und die auf die frechste Weise die Eisenbahn mißbrauchten. Unerschrocken klammerten sie sich an die Wagengriffe, diese Bösewichte, und krochen eins, zwei, drei auf die Wagendächer, drehten sich hin und her, brachten in alles Verwirrung, und in den Armen eines Juden sah man das uns allen so gut bekannte Salz in Säcken, mitunter bis zu fünf Pud. Aber nicht lange dauerte der Triumph der kapitalistischen Spekulanten. Die Initiative der Soldaten, die aus den Waggons herausgekrochen waren, gab den Eisenbahnern ihre geschwundene Autorität wieder zurück. Nur Personen weiblichen Geschlechts samt Gepäck blieben zurück. Voll Mitleid mit ihnen setzten die Soldaten einige Frauen in die Waggons, andere aber auch nicht.

Auch in unserem Waggon der zweiten Kompagnie gab es zwei Mädchen, und als es zum zweitenmal geläutet hatte, trat eine stattliche Frau mit einem Säugling im Arm an uns heran und sagte:

„Laßt mich, liebe Kasatschki, zu euch hinein; den ganzen Krieg warte ich auf den Bahnhöfen mit dem Säugling auf dem Arm und möchte jetzt zu meinem Mann, aber der Eisenbahn wegen kann ich nicht zu ihm; habe ich denn um euch, Kasatschki, nicht verdient?“

„Also gut, Frau“, sagte ich zu ihr, „je nach dem, was die Kompagnie beschließen wird, wird Euer Schicksal ausfallen.“

Und da wandte ich mich an die Kompagnie und begann ihr klar zu machen, daß die stattliche Frau mit einem Kind zu ihrem Mann fahren möchte, und daß sich tatsächlich ein Kind bei ihr befinde, und fragte, welchen Beschluß die Kompagnie fasse wolle – ob man sie hereinlasse solle oder nicht.

„Laß sie herein,“ riefen meine Leute, wenn sie erst bei uns gewesen ist, wird sie die Lust auf ihren Mann verlieren.“

„Nein,“ sagte ich den Jungen, ziemlich liebenswürdig, „allen Respekt vor dir, Kompagnie, aber es wundert mich, so eine Dummheit zu hören; erinnert euch an euer Leben, wie ihr noch als Kinder bei euren Müttern gewesen seid, und ihr werdet einsehen, daß man so nicht sprechen dürfte.“

Und die Kasaken sprachen darüber, daß ich, Balmaschow, eine überzeugende Rede gehalten hätte, und ließen die Frau in den Waggon herein; sie korch dankend herein. Und alle waren von der Wahrheit meiner Worte derart gerührt, daß sie die Frau zu sich hinsetzten und ihr um die Wette zuredeten:

„Setzen Sie sich, Frau, in den Winkel, bemuttern Sie Ihr Kind, wie sich’s für Mütter gehört, niemand wird Sie in Ihrem Winkel belästigen, und Sie werden unberührt zu Ihrem Manne kommen, wie Sie es sich wünschen, wir aber binden Ihnen aufs Gewissen, daß Sie Ihre Kinder als Ablösung für uns aufziehen, denn das Alte wird älter, und vom Jungen ist noch nicht viel zu sehen. Viel Unglück haben wir gehabt, im ordentlichen Militärdienst und dann später. Der Hunger hat uns bedrückt und die Kälte gebrannt. Sie aber können hier sitzen bleiben und brauchen sich keinerlei Sorgen zu machen …“

Und als es zum drittenmal geklingelt hatte, setzte sich der Zug in Bewegung. Und eine liebliche Nacht breitete über uns ihr Zelt aus. In diesem Zelte gab es Sterne. Und die Soldaten dachten zurück an die Nächte und den grünen Stern in Kubany, ihrer Heimat. Und der Gedanke flog wie ein Vogel so rasch. Die Räder lärmten und lärmten dahin …

Nach Verlauf einiger Zeit, als die Nacht von ihrem Posten abgelöst wurde, und die roten Trommler auf ihren roten Trommeln das Wecken zu trommeln begannen, da traten die Kasaken an mich heran, denn sie sahen, daß ich schlaflos dasaß und furchtbar traurig war.

„Balmaschow“ sagten die Kasaken zu mir, „weshalb sitzt du so traurig und schlaflos da?“

„Ich verbeuge mich tief vor euch, Soldaten, und bitte um Erlaubnis, mit dieser Bürgerin einige Worte zu wechseln …“

Und am ganzen Leibe zitternd erhob ich mich von meiner Bank, die der Schlaf floh, wie der Wolf vor einer Schar wütender Hunde flieht, trat an die Frau heran, nahm ihr das Kind von den Armen, riß ihm die Windeln und alle Fetzen herunter und sah ein gutes Pud Salz.

„Das ist ein interessantes Kind, Genossen, das die Brust nicht verlangt, sich nicht naß macht und die Menschen nicht im Schlaf stört.“

„Verzeiht mir,“ erwiderte sehr kaltblütig die Frau, „nicht ich habe euch betrogen, mein böses Schicksal hat euch betrogen …“

„Bulmaschow wird deinem bösen Schicksal verzeihen,“ antwortete ich der Frau. „Bulmaschow ist nicht viel wert. Aber nun sieh hier die Kasaken, Frau, die dich als eine arbeitende Frau der Republik geschont haben. Schau diese zwei Mädchen an, die weinen, weil sie durch uns in dieser Nacht gelitten haben. Denk an unsere Frauen in Kubanj, wo der Weizen gedeiht und die Frauen ohne Männer an ihrer eigenen Kraft vergehen, und an die Männer, die des bösen Schicksals wegen einsam sind, und die sich an Mädchen, die ihnen begegnen, vergreifen … Und dich hat man nicht angerührt, obwohl man nur solche wie du nehmen sollte. Schau auf Rußland, daß im Schmerze erstickt …“

Und sie antwortete mir darauf:

„Ich habe mein Salz verloren und fürchte mich vor der Wahrheit nicht, ihr denkt nicht an Rußland – ihr rettet die Juden – Lenin und Trotzkij …“

„Von den Juden ist jetzt nicht die Rede – du schlechte Bürgerin. Die Juden haben mit dieser Sache nichts zu schaffen. Uebrigens von Lenin weiß ich nichts, doch Trotzkij ist der mutige Sohn des Tambower Gouverneurs und ist, obzwar anderen Standes, für die arbeitende Klasse eingetreten. Wie man zu Zwangsarbeit Verurteilte befreit, ziehen uns Lenin und Trotzkij auf den freien Weg des Lebens hinaus – Sie aber, abscheuliche Bürgerin, sind mehr Konterrevolutionärin als jener weiße General, der mit dem scharfen Säbel uns auf seinem tausendfachen Roß bedroht … Er, der General, ist ja überall zu erkennen, und der Arbeitende hat die schwere Sorge, ihn zu vernichten, aber Sie heimtückische Bürgerin, mit Ihren interessanten Kindern, die keine Nahrung verlangen und sich nicht naß machen – Sie sind wie das Ungeziefer, nirgends zu sehen, und dabei nagen Sie, nagen und nagen …“

Und ich bekenne – ich habe diese Bürgerin während der Fahrt aus dem Zug auf eine Böschung geschmissen, aber sie war robust genug, sich dort aufzurichten, ihre Röcke zu schütteln und ihren schuftigen Weg weiterzugehen. Und als ich diese unverwüstliche Frau sah und das unbeschreibliche Rußland um sie herum, und die Bauernfelder ohne Aehre, und die entehrten Mädchen und meine Genossen, von denen viele an die Front fahren, aber nur wenige zurückkehren, da wollte ich aus dem Zug springen und mir oder ihr ein Ende machen. Die Kasaken aber hatten Mitleid mit mir und sagten:

„Töte sie mit dem Gewehr.“

Und da nahm ich von der Wand das treue Gewehr und wusch diese Schmach hinweg vom Antlitz der Arbeitererde und der Republik.

Und wir Krieger der zweiten Kompagnie schwören Ihnen, treuer Genosse Redakteur, und euch, teure Genossen aus der Redaktion, daß wir auch künftighin gegen alle Verräter erbarmungslos vorgehen werden, die uns in das Grab ziehen, die den Fluß zurückfließen lassen wollen, und Rußland mit Leichen und totem Gras bedecken möchten.

Für alle Krieger der zweiten Kompagnie – Nikita Balmaschow, Soldat der Revolution.

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