Jaroslav Hašek – Ein ehrlicher Finder

Erzählung, veröffentlicht im Prager Tagblatt, Ausgabe vom 10. Februar 1924

I.

Es ist eine grundlegende Eigenschaft des Menschen, daß er gefundene Dinge nicht zurückgibt. Einer gefundenen Sache gegenüber ist man ungewöhnlich weich. Sie wächst einem ans Herz und man kann sich von ihr nicht mehr trennen. Anderseits ist es gang und gäbe, daß man oft etwas verliert; sonst würde der erste Satz seine Gültigkeit verlieren. Solange es noch keine Zeitungen gab und die Menschen in einem halb tierischen Zustand lebten, verlor man seine Sachen genau wie heute. Der Jäger aus der Urzeit verlor seine Steinhacke und andere Gegenstände, die man erst nach vielen tausend Jahren fand, wovon die zahlreichen Funde in den Museen und Privatsammlungen zeugen. Mit dem Aufstieg der Kultur war es naturgemäß notwendig, das rechtliche Verhältnis zwischen dem Bürger, der etwas verloren, und dem, der es gefunden hat, zu regeln. So entstand das Gesetz über die sogenannte „Fundverheimlichung“. Damit es aber nicht zu grausam sei, entstand später die Verordnung über die Belohnung des redlichen Finders. Die Redlichkeit wird mit 10 Prozent der gefundenen Summe oder des Wertes des gefundenen und redlich zurückgestellten Gegenstandes belohnt.

Ich selbst aber habe es einmal vor dem Krieg erlebt, daß die Behörden, vielleicht aus Unwissenheit, diese Verordnung über die Belohnung des redlichen Finders nicht befolgten. Während ich eines Nachts in Prag herumbummelte, fand ich auf dem Graben ein Zehnhellerstück; ich begab mich auf die Polizeidirektion, wo ich dem diensttuenden Inspektor den ganzen Betrag redlich einhändigte und verlangte, daß man meinen Namen in den Zeitungen veröffentliche und mir einen Heller Belohnung auszahle. Der Polizeiinspektor aber schrie mich an, daß er mich bereits kenne, und sagte nur die beiden Worte: „Ins Loch!“ Am Morgen führte man mich zu irgendeinem Herrn ins erste Stockwerk, der mit mir ein Protokoll aufnahm. Auf Grund des „Prügelpatentes“ wurde ich zu einer Strafe von 5 Kronen, im Falle der Uneinbringlichkeit zu 48 Stunden verurteilt. Um am Staate zu verdienen, war ich gezwungen, die zweite Bedingung anzunehmen, und so fütterte man mich zwei Tage lang in Nummer vier. Dennoch schwur ich mir, nie wieder etwas Gefundenes zurückzuerstatten. Gott sei’s geklagt, hatt ich nichts mehr gefunden außer einen ausgesetzten Säugling in einem Hausflur, wohin ich mich begeben hatte, um meinen Schuhriemen zu binden. Ich ließ den Fund Fund sein.

II:

Anna Buklová, Bedienerin aus Streschowitz, begab sich früh um fünf Uhr in die Weinberge, um die Wäsche einer Familie, bei der sie diente, auszukochen. Als sie die Fahrstraße bei den „Kreuzherrn“ überschritt, stieß sie an einen Gegenstand. Unwillkürlich betrachtete sie das Ding und mit ihrer angeborenen Schlauheit erriet sie sofort, daß es eine Ledertasche war. Sie öffnete sie und fand darin verschiedene Papiere, von denen sie nichts verstand. Von Natur aus gutmütig und grundehrlich, begab sie sich sofort zur Polizeidirektion, wo sie dem diensttuenden Beamten den Fund vorlegte. Als der Beamte den Inhalt der Tasche durchforscht hatte, erblaßte er, stand auf und sagte mit bewegter Stimme zu Anna Buklová:

„Ich gratuliere Ihnen. Sie haben sieben Millionen achthundertsiebenundzwanzigtausend Kronen in fälligen Schecks gefunden. Dem Gesetze nach gebührt Ihnen eine Belohnung von 10 Prozent, das sind siebenhundertneunundachtzigtausendsechshundert Kronen.“ Anna Buklová sah den Polizeibeamten blöden an und wiederholte: „789.600 Kronen.“ „Ja,“ sagte der Polizeibeamte ernst. „789.600 Kronen, setzen Sie sich, ich werde mit Ihnen ein Protokoll aufnehmen.“ „Gnädiger Herr, ich bitte Sie um Gotteswillen, lassen Sie mich nach Hause,“ begann Anna Buklová plötzlich zu weinen, „ich kann ja nichts dafür, ich muß in die Weinberge Wäsche auskochen gehen. Ich habe wirklich nur daran gestoßen!“ „Aber, liebe Frau, es handelt sich ja nur um eine bloße Formalität. So eine Sache muß doch amtlich untersucht werden. Es kommt in die Journalistenbörse und Ihr Name wird in den Zeitungen stehen. Also wie heißen Sie?“ „Jesusmaria, gnädiger Herr,“ hub Anna Buklová zu schreien an, „diese Schande. Früh stehe ich als ehrliche Frau auf und am Abend in der Zeitung! Heilige Maria, solche Sachen! Das ganze Leben lang rackere ich mich wie ein Hund, aus Streschowitz gehe ich in die Weinberge, von der Weinberge nach Lieben, lauter Wäsche, aus Lieben nach Hlubotschep aufräumen, der Mann versauft mir alles, die Kinder gehen abgerissen, ich habe den letzten Rock an.“ „Aber, liebe Frau,“ beruhigte sie der Polizeibeamte, „es ist doch meine Pflicht, mit Ihnen ein Protokoll aufzunehmen, weinen Sie nicht, Sie sehen doch, daß es sich um Millionen handelt.“ „Großer Gott,“ brüllte Anna Buklová weiter, „um Millionen handelt es sich. Ich hab doch nichts gemacht. Solches Malhör auf die alten Tage! Ich bin froh, wenn ich die Zichorie für meine Bälger verdiene. Alles ist jetzt teurer und wenn ich in Weinbergen um eine Krone für Seife sagen würde, wirft man mich auf die Straße und dann schaue sich einer nach anderer Wäsche um! Ich habe mein Leben lang noch nichts Gutes gehabt, aber ich habe auch nie etwas gestohlen und ich habe Ausstattungen gewaschen, die noch nicht einmal gezählt waren!“ „Beste Frau, beruhigen Sie sich. Es handelt sich doch um die 10 Prozent.“ „Ich will nichts mit Prozenten zu tun haben; gnädiger Herr, lassen Sie mich nach Hause,“ heulte Anna Buklová weiter, „ich überlebe diese Qualen nicht. Ich muß um 7 Uhr in Weinbergen sein, es überkocht dort die Wäsche.“ Der Polizeibeamte maß sie wütend, schlug mit der Tasche auf den Tisch und schrie: „Jetzt hab‘ ich es aber satt! Wie heißen Sie?“ „Anna Buklová, gnädiger Herr,“ schluckte die ehrliche Frau. „Wo wohnen Sie?“ „In Streschowitz auf der Straße.“ „Hausnummer?“ „67.“ „Geboren?“ „Ja, gnädiger Herr, die selige Mutter -“ „Ich frage Sie, wann Sie geboren wurden.“ „Dreiundsiebzig.“ „Wo?“ „Zu Hause.“ „Aber wo zu Hause, in Prag oder draußen?“ „Draußen.“ „Herrgott, also wo draußen?“ „In Zabéhlitz bei Prag.“ „Bezirkshauptmannschaft? Was treiben Sie denn, Sie fallen mir ja um?!“

Als man sie zum Bewußtsein brachte, wurde das Verhör fortgesetzt, das folgendermaßen schloß:

„Verlangen Sie also 10 Prozent? Aeußern Sie sich endgültig!“ „Gott bewahre, gnädiger Herr, lassen Sie mich nur nach Hause. Meine selige Mutter hat immer gesagt: „Ehrlich wirds um längsten.“ „Unterschreiben Sie das Protokoll.“ „In Gottes Namen,“ seufzte Anna Buklová und unterschrieb weitschweifig.

Etwa vier Stunden später stellte sich bei der Polizeidirektion ein junger Mann ein, dessen Aeußeres an einen glattrasierten Amerikaner erinnerte. „Ich habe,“ sagte er in gebrochenem Deutsch, „meine Ledertasche verloren, „die mir offenbar in der Nacht auf der Straße aus der hand fiel.“ Er nannte die Summe, das Schlagwort der Schecks und fügte hinzu: „Es handelt sich nicht um das Geld, sondern um wichtige Geschäftsnotizen wegen eines Millionenkaufs von Gänsedärmen.“ Man nahm ein Protokoll mit ihm auf und als man ihm mitteilte, daß der ehrliche Finder auf die gesetzmäßige Belohnung von 10 Prozent verzichtet habe, sagte der Amerikaner, der König der Gänsedärme: „Well.“ Er ging und lehnte es ab, sich die Adresse Anna Buklovás zu notieren. Die Abendblätter brachten in großen Lettern die Nachricht von der ehrlichen Finderin, die den Reichtum zurückgewiesen hatte.

Anna Buklová brachte man ins Krankenhaus, denn ihr Mann schlug sie noch in derselben Nacht halb tot, nachdem er im Wirtshaus das Abendblatt gelesen hatte. Aus dem Krankenhaus wurde sie in die psychiatrische Klinik und von dort in die Irrenanstalt Vohnitz überführt.

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