Gertrud von le Fort – Die Letzte am Schafott

Novelle, Kösel und Pustet, 1931

Worauf weist Gertrud von le Fort in ihrer Novelle hin? Wessen Lebensgeschichte erzählt von le Fort? Warum schlug Hermann Hesse die Autorin für den Literaturnobelpreis vor?

Von le Forts bedeutendste Novelle, in Form eines Briefes eines Aristokraten an eine unbekannte Emigrantin abgefasst, zeigt die Stärke der Autorin, aktuelle gesellschaftliche Probleme in historischen Stoffen greifbar zu machen. In Die Letzte am Schafott, die Hinrichtung von 16 Karmeliterinnen während der Französischen Revolution beschreibend, setzt sie sich mit dem aufkommenden Nationalsozialismus auseinander: „Meine Teure, wie gern ersparte ich Ihnen diese Erinnerungen! Allein, es handelt sich ja nicht darum, Furcht und Grauen heraufzubeschwören, um eine widerliche Neugier zu befriedigen, sondern es handelt sich darum, daß diese beiden Pflicht sind. Meine Liebe, Furcht ist ein großes Kapital; wir haben uns alle nicht genug gefürchtet! Eine Gesellschaft soll sich fürchten, ein Staat soll sich fürchten, eine Regierung soll zittern: Zittern ist Kraft!“ ist in dem Brief des Aristokraten zu lesen.

Von le Fort selbst weist in ihren Erinnerungen darauf hin, dass ihre Novelle zu einer Zeit geschrieben wurde, „… als die Schatten, welche über Deutschland zogen, das nachfolgende schreckliche Geschick ahnen ließen.“

Erzählt wird die Lebensgeschichte von Blanche de la Force. Bei einem Tumult beim Feuerwerk anlässlich der Vermählung des späteren Königs Ludwig XVI. wird ihre schwangere Mutter vom Pariser Pöbel schwer misshandelt und bringt ihre Tochter frühzeitig zur Welt. Sie selbst stirbt im Wochenbett.

Die Todesangst ihrer Mutter überträgt sich auf Blanche. Das Kind lebt in ständiger Erwartung eines Unglücks. 16-jährig fühlt sie sich zur Nonne berufen und findet Aufnahme im Karmel von Compiègne. Deren Novizenmeisterin Marie de l’Incarnation hält sie aufgrund ihrer Angst für das Klosterleben für ungeeignet. Dennoch wird Blanche durch die Wirren der Revolution und die dadurch entstehende Bedrohung für religiöse Gemeinschaften rasch eingekleidet.

Nachdem Revolutionäre das Kloster aufgesucht haben, plant die Novizenmeisterin einen Weiheakt mit dem Gelöbnis zum Martyrium. Blanche, unfähig hierzu, verlässt das Kloster und eilt nach Paris zu ihrem Vater. Dort erlebt sie, wie ihr Vater vom Pöbel ermordet wird. Auch die Karmeliterinnen sind verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Lediglich Marie de l’Incarnation ist der Verhaftung entgangen, da sie ein Auftrag nach Paris geführt hat. Ihr Beichtvater verbietet ihr, sich den Revolutionären zu stellen.

Blanche erlebt auf der Place de la Révolution, wie die Karmeliterinnen zur Guillotine gebracht werden und singend in den Tod gehen. Der Gesang wird schwächer und schwächer und erlischt ganz, als die letzte Nonne getötet wurde. Da erhebt sich unter dem Pöbel die Stimme Blanches, die ihre Angst besiegt und das begonnene Lied zu Ende singt. Sie wird von wütenden Marktfrauen erschlagen.

Gertrud von le Fort, die, aus einer protestantischen Familie stammend, 1926 zur katholischen Kirche konvertierte, wird 1949 von Hermann Hesse für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen und von ihm als „die wertvollste, begabteste Vertreterin der intellektuellen und religiösen Widerstandsbewegung“ im nationalsozialistischen Deutschland bezeichnet.

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