Ein Konzert in c-Moll: Millionenfach gelesen und heute vergessen

Ein Roman, dessen Tempo mich begeistert und den (fast) niemand mehr kennt: Leo Perutz, Wohin rollst du, Äpfelchen? Was lieben wir an Perutz‘ Helden und was stößt uns an Georg Vittorin ab? Welche Rolle spielt Beethoven in meiner Besprechung? Warum hat mich das Romanende überrascht und weshalb macht es mich gleichzeitig so unfassbar glücklich?

Ein verregneter Herbstsonntag vor einigen Jahren. Ich trete auf die überdachte Terrasse und zünde mir eine Zigarette an. Gierig nehme ich den ersten Zug.

Wo ist meine Frau?

Wo ist mein Sohn?

Seit Stunden habe ich die Welt um mich herum ausgeblendet, seit Stunden lese ich „Wohin rollst du, Äpfelchen …“

Dabei hatte das Buch so leise und friedlich begonnen:

Georg Vittorin kehrt mit vier Kameraden aus russischer Kriegsgefangenschaft heim nach Wien. Die fünf Offiziere haben feierlich geschworen, nach Rußland zurückzukehren, um sich am brutalen Lagerkommandanten Seljukow für dessen Misshandlungen zu rächen.

Während sich seine vier Freunde schnell in das zivile Leben einfügen, kann sich Vittorin nicht von der Vergangenheit lösen. Immer wieder blitzen Erinnerungen an den erbarmungslosen Kommandanten auf, wie dieser die Gefangenen quält und erniedrigt.

So reist Vittorin allein nach Rußland. Rache ist sein Ziel. Seljukow finden und ihn zur Verantwortung ziehen.

Eine Verfolgungsjagd durch halb Europa beginnt.

Seljukow. Seljukow. Seljukow.

Atemlos folgte ich in den letzten Stunden dem Romanhelden.

Die letzten gelesenen Sätze hallen noch in mir nach: „Schwer und langsam stieg Vittorin die Stufen hinauf. Jetzt stand er vor der Tür. Dann läutete er. Hinter dieser Türe war Seljukow.“

Nach vier Zügen drücke ich die Zigarette aus.

Die Spannung ist nicht mehr auszuhalten. Ich muss rein, lesen.

Noch viereinhalb Seiten.

Paul Zsolnay Verlag, ISBN 978-3552055346, 21,90 Euro

Berlin am 4. März 1928, ein Sonntag. Keine Wolke über dem Hauptstadthimmel. Sanfter Wind streicht von Westen durch die Häuserschluchten. Die Sonne lächelt zart, Frühling liegt in der Luft. Die Berliner zieht es nach draußen. Sie promenieren über ihre Boulevards, durch die Parks, entlang der Spree.

Und immer wieder sieht man Einzelne und Gruppen staunend vor einer Litfaßsäule verharren.

Auf signalfarbenem roten Grund steht in großen Lettern: „WOHIN?“

Eine Woche später.

Schwere Wolken lasten über der Metropole, aber es fällt kein Regen. Und selbst von Niederschlag lässt sich der Berliner bekanntlich nicht von seinem Sonntagsspaziergang abbringen.

Wieder drängen sich die Menschen um die Litfaßsäulen. Diesmal lesen sie: „WOHIN ROLLST DU, ÄPFELCHEN?“

Die Botschaft auf ihren Litfaßsäulen wird zum Stadtgespräch der Berliner. In den Schulen, in den Wohnungen, Büros, Werkstätten und Fabriken, Kaufhäusern, Cafés und Kneipen wird die Frage zum geflügelten Wort. Obwohl schnell sprichwörtlich geworden, ahnt noch niemand, wofür sie steht.

Am 18. März 1928 wird das Geheimnis gelüftet:

Es wird eine der erfolgreichsten Werbekampagnen der deutschen Literatur. Die Auflage der im Ullstein Verlag erscheinenden „Berliner Illustrirten“, mit knapp über zwei Millionen Auflage größte Wochenzeitschrift der jungen deutschen Republik, steigt allein in Berlin um mehr als 30.000 Exemplare. Auch als Buch wird Perutz‘ Roman in der Reihe der „Gelben Ullstein-Bücher“ schnell ein Bestseller.

Lasst uns unsere Nasen zwischen die Buchdeckel stecken:

Heimgekommen aus dem Krieg, kämpft Georg Vittorin zunächst nicht gegen den verhassten Lagerkommandanten Seljukow, sondern gegen seine eigene Bequemlichkeit an. „Ein Gefühl des Wohlbehagens, der Geborgenheit“ erfüllt ihn angesichts der Nähe zu seiner Verlobten Franzi und seiner Familie. Doch weder Franzi noch seine Familie, die Georgs Hilfe benötigt, um sich in der Nachkriegszeit über Wasser zu halten, vermögen Vittorin von seinem Vorhaben, Rache an Seljukow zu nehmen, abzuhalten. Die Jagd beginnt.

Mit gefälschten Papieren gelingt der Grenzübertritt nach Rußland. Beim Versuch, die Frontlinie zwischen den weißen und den roten Truppen zu überwinden, wird er von den roten Truppen gefangengenommen. Sein Begleiter, Graf Gagarin, wird verwundet und erschießt sich.

Im Gefängnis lernt Vittorin Artemjew kennen, der ihm nach der Befreiung durch weiße Truppen Papiere für seine Fahrt nach Moskau besorgt. In Moskau erwirbt Vittorin einen Einquartierungsschein für die Wohnung Seljukows und scheint erstmals seinem Ziel nahe zu sein. Aber statt Seljukow wohnt in der Wohnung der Baron Pistolkors, der von Polizisten erschossen wird.

Erneut hilft Artemjew: Er besorgt Vittorin gefälschte Papiere, mit denen er zum Regiment Seljukows gelangen kann. Artemjew wird durch eine Unvorsichtigkeit Vittorins von der Geheimpolizei gestellt und sprengt sich selbst in die Luft. Vittorin fährt an die Front.

Dort kämpft er auf Seiten der roten Truppen und übernimmt nach dem Tod des Kommandanten die Führung seiner Einheit. Er befiehlt einen Sturmangriff auf den Feind, an dessen Spitze er Seljukow vermutet. Dem Sturmangriff fallen die meisten Soldaten der Einheit zum Opfer. Vittorin selbst wird verwundet gefangengenommen und kommt ins Lazarett.

Glückliche Umstände lassen Vittorin aus der Gefangenschaft entkommen. Er reist in das Dorf, in dem die Mutter von Seljukows Diener lebt. Von ihr erfährt er, dass Seljukow in Batum ist.

Jetzt zeigt sich die große Kunst des Schriftstellers Leo Perutz. Der bislang in der Vergangenheitsform erzählte Roman wechselt abrupt in die Gegenwart. In atemloser Geschwindigkeit rast man durch das weitere Geschehen.

Man jagt durch die Geschichte und es klingt wie Musik

Ta, ta, ta, taaaa.

Dreimal kurz und einmal lang. So einfach und genial beginnt Beethovens 5. Sinfonie.

Und gleich noch einmal der Hauptgedanke: Ta, ta, ta, taaaa! Ich kann mich an diesen vier Tönen besoffen hören.

Mir ist, als hätte Perutz beim Schreiben an Beethovens Fünfte gedacht. Mit seinem Roman schreibt er ein literarisches Konzert in c-Moll. Und in Georg Vittorin lässt er folgenden Hauptgedanken leben:

Se-el-ju-kow. Se-el-ju-kow.

Batum. Kein Seljukow. Die Spur führt nach Istanbul, wo sie sich verläuft. Vittorin lebt mit der schönen Tänzerin Lucette zusammen, die er verlässt, als er erfährt, dass Seljukow in Rom ist.

Se-el-ju-kow. Se-el-ju-kow.

In Rom führt die Spur nach Mailand, von dort aus nach Genua.

Se-el-ju-kow. Se-el-ju-kow.

Barcelona. Narbonne.

Se-el-ju-kow. Se-el-ju-kow.

Paris. Hier trifft er seine einstige Liebe Franzi wieder. Franzi liebt Georg noch, will aber nichts mehr von ihm wissen. Aus Emigrantenkreisen, in denen sie verkehrt, erfährt er, dass Seljukow in Wien ist.

Mit Beginn des Schlusskapitels, Georg Vittorin reist über Innsbruck in seine Heimatstadt Wien, wechselt Perutz erneut seine Erzählweise und kehrt von der Gegenwartsform in die Vergangenheit zurück. Flog man vor Augenblicken noch in einem Höllentempo durch den Roman, so zeichnet Perutz nun Bilder in slow motion.

Wien. Hier, wo alles begann, naht das Ende der Verfolgungsjagd, die „Stunde der Abrechnung“ ist da.

„Jetzt stand er vor der Tür. Dann läutete er. Hinter dieser Türe war Seljukow.“

Die Spannung steigt ins Unerträgliche.

Image by Pexels from Pixabay
„Schwer und langsam stieg Vittorin die Stufen hinauf.“

Die Tür öffnet sich. Vor Georg Vittorin steht der verhasste Seljukow.

Was ich dann lese, das überrascht und, ja, es enttäuscht mich. Erstmals sollte ich erfahren: das Ungewöhnlichste an Perutz‘ Romanen ist ihr Schluss. Kein Showdown, wie ich es erwartet hatte. Keine Abrechnung, so wie ich sie mir erhoffte.

Doch noch während ich die letzten Abschnitte lese, verstehe ich.

Alles, was man im Leben tut, ist mit Konsequenzen verbunden. Für einen selbst und für viele andere.

So wie Georg Vittorin alles um sich ausgeblendet hatte und mit Tunnelblick Seljukow jagte, raste ich mit ihm durch Europa. Und so wie das Romanende Vittorin verändert, kehre ich in die Gegenwart zurück. Kurz stellen sich noch meine Nackenhaare auf, wenn ich daran denke, welchen Preis viele Menschen für Vittorins Rachegelüste haben zahlen müssen.

Ja, man muss konsequent sein und für seine Ziele alles geben. Aber es gibt Bereiche im Leben, hinter die absolutes Handeln zurückstehen muss.

Scheinbar aus dem Nichts breitet sich ein ungeheures Glücksgefühl in mir aus. Es kommt aus dem Bauch und wärmt meinen Körper. Gleichzeitig spüre ich ein zweites Empfinden. Ich kann es noch nicht benennen.

Ich trete ans Fenster und öffne es. Es hat aufgehört zu regnen. Abendfrieden. Auf einem nahen Zweig sitzt eine Singdrossel und singt ihr Abendlied. Sie ist meine Nachtigall. Sie singt noch weit in die nächste Stunde hinein.

Ich höre, wie sich die Haustür öffnet. Wie sich mein Sohn mit meiner Frau laut lachend unterhält.

Jetzt weiß ich, welches Gefühl ich eben verspürt hatte. Ein Lächeln umspielt mein Gesicht.

Ich nenne das Liebe.

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