Walter Petry – Begegnungen mit dem Teufel – Der Unbekannte

Erzählung, veröffentlicht in der „Vossischen Zeitung“ am 24. April 1927

Der Unbekannte

Es war in Moskau, nahe am Ausbruch der großen Revolution.  Wir wohnten damals in einem großen Hause in der … Straße, eine ruhige, vornehme Gegend, gleichmäßige Häuser, die auf beiden Seiten der Straße in langweiligen Fronten standen. Die Dienerschaft war schon seit einigen Tagen ausgerissen, unsere Verwandten geflohen, das ganze Quartier halb leer, und die Straßen, wenn man dumm genug war, spazieren zu gehen, totenstill. Ganz Moskau war ruhig, in der Nacht manchmal ein paar Schüsse, in der inneren Stadt viel fremde Gesichter auf der Straße. Es hieß, daß man bald meinen Vater holen käme; ein kleiner Beamter aus seiner Kanzlei war eines Tages gekommen und hatte es verraten. „Am Donnerstag, Eure Exzellenz“, sagte er, „um 6 Uhr, Eure Exzellenz dürfen nicht zögern.“

Moskau, Kathedrale, pixabay

Heute war Mittwoch, ein schöner Tag.  Morgen wollten wir fliehen. Es war alles fertig, jeder hatte seinen Paß. Es war Nachmittag, ich wollte schnell zu Ludmilla hinüberlaufen, die Mutter schlief, es war so still in der großen Wohnung. Langsam stieg ich die Treppe hinab, die Hand auf dem Geländer. Die Haustür stand offen. Die Straße leer, ganz leer. Alle Fenster verschlossen. 

Wie ich so in der Tür stand, die Straße hinunterblickte, wurde mir plötzlich schlecht. Ich fühlte Angst. Lehnte mich einen Augenblick an den Türrahmen, sah nach rechts hin die lange leere Straße hinunter, – da klangen von links her Schritte.

Unser Haus lag in einem Block, von links also, aus der Nebenstraße tauchte ein Mann auf und kam heran. Er ging langsam, etwas schwerfällig, wohl ein älterer Mann. Ich wollte erst zurücktreten, blieb aber dann doch stehen. Er kam näher, in der Stille harrte jeder Schritt. Er trug einen alten, verschossenen, schon grünlichen Pelz, wie man ihn aus Novellen Gogols kennt, auf dem Kopf eine Fellmütze. Ich sah ihm, ohne es eigentlich zu wissen, schon seit einigen Sekunden starr entgegen. Er hielt den Kopf etwas geneigt, die Hände in die Mantelärmel geschoben, bartlos, ein tatarisches Gesicht, wie ich jetzt sah, ganz fremd. Er war nun mit mir auf gleicher Höhe, ich hatte, wie er vorbeiging, den Kopf mit ihm mitgedreht, sah ihn unausgesetzt an, und da dreht er plötzlich den Kopf, sieht mich an, mit einem schräg durch mich hindurchgehenden, blitzschnellen Blick, und nickt ein wenig. Ja, so ein ganz kleines, schnelles Zunicken. Ich war tödlich erschrocken, schloß einen Augenblick lang die Augen, mein Herz schlug wie wild, – da ist der Mann schon fünfzig Schritt weit, dicht an der Kreuzung – und biegt nun ein, und ist verschwunden. 

Mir war jede Lust, einen Besuch zu machen, vergangen, ich drehe um, eine kleine Schwenkung nach links, als da oben, aus der Nebenstraße, jemand herauskommt und auf unsere Straße einbiegt. Wie, frage ich mich, ist heute Parade? – Es war ein Mann, von weitem ähnelte sein Umriß sehr dem eben vorbeigekommenen Fremden, Pelz, Mütze, langsamer, etwas schwerer Gang.

Unseren Hausblock zu umgehen dauerte ungefähr eine Viertelstunde, – das überlegte ich plötzlich. Schon jetzt – der Unbekannte war noch weit ab – wußte ich schon alles. Er kam näher, langsam hallten die Schritte. Mir stieg das Blut zu Kopf, ich lehnte mich etwas vor und erkannte ihn, es war der Fremde! Die Hände in den Aermeln, rückte er an, der eben rechts um die Ecke gebogen war. Und wie ich noch starre, sprechen meine Lippen es schon aus: der Teufel, der Teufel. Jetzt ist er mir gegenüber, da ruckt das Gesicht herum: er nickt. Er nickt mir wieder zu! Wie kühl der Stein ist, an dem ich lehne, wie leer die Straße … Der Fremde geht vorbei. Ich sehe ihm nach, an der Ecke biegt er scharf um, verschwindet. Und da, als risse mich ein Arm herum, starre ich schon nach links, und wie? Sehe ich im selben Augenblick, wo er oben verschwand, ihn unten um die Ecke kommen.

Ich warte sein Nähern nicht mehr ab, mit einemmal ist mir alles klar, ich springe die Treppe hinauf, wecke die Mutter, erzähle ihr, wohl nicht sehr ruhig, daß mir eben auf der Straße vor unserem Haus der Teufel erschienen sei, sie müsse den Vater bestimmen, sofort alles bereit zu machen, wir müßten Moskau sofort verlassen.

Der Vater, schon durch die ganzen Erlebnisse gebeugt, sieht mich wortlos, als die Mutter ihm meine Geschichte erzählte, an. „Vater“, sagte ich mit letzter Kraft, „ein Tatar, mit grünem Pelz und Lammütze, der Teufel …“  Ich wurde ohnmächtig. –

Als ich wieder erwachte, ging durch das ganze Haus ein eigentümliches Stoßen, – ich lag im Zug nach Warschau. Mein Vater, sonst nicht gewohnt, einen einmal gefaßten Entschluß auch nur um eine Minute zu verschieben, hatte, von meiner Erzählung merkwürdig beunruhigt, die Koffer, die gepackt bereitstanden, expedieren lassen, mit aller Eile zum Aufbruch getrieben und es erreicht, daß wir noch den Warschauer Zug bekamen.

„Eure Exzellenz waren von Gott behütet“, schrieb eine Woche später jener kleine Beamte meinem Vater nach Deutschland, „um 6 Uhr, gerade als der Zug aus der Halle lief, kam eine Abteilung des neuen Untersuchungsausschusses, um Eure Exzellenz zu verhaften. Sie hatten, unberechenbar wie diese neue Art Leute ist, den Plan umgestoßen, und wäre Eure Exzellenz nicht von Gott ermahnt worden, einen Tag früher zu reisen, kein Teufel (so schrieb er), kein Teufel hätte Eurer Exzellenz Verhaftung verhindern können.“

Ich war damals sechzehn Jahre alt. Noch heute, wenn ich an diese Begegnung denke, sehe ich ihn wieder langsam, etwas schwerfällig, die Hände in den Aermeln seines ärmlichen Pelzes, die Straße, diese lange, einsame Straße herunterkommen.

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