Mein Ausflug zu dem toten Mädchen

Ein gedanklicher Spaziergang zu Anna Seghers Grab:

Wo fand Anna Seghers ihr letztes Exil? Wer liegt neben ihr begraben? Warum besuche ich ihr Grab? Was empfinde ich dabei? Und was habe ich mitgebracht?

Chausseestraße, Berlin-Mitte. Ein frühlingshafter Samstagnachmittag. Ich trete aus der U-Bahn-Station Oranienburger Tor und halte mich nördlich. Nach fünfminütigem Spaziergang erreiche ich den Haupteingang des Dorotheenstädtischen Friedhofs.

Ich trete ein. Einige alte Bäume wiegen sich sanft im Wind. Zwei Eichhörnchen jagen sich und hangeln von Baum zu Baum. Ich pike mich an der roten Rose, die ich in meiner rechten Hand halte und blicke in vereinzelte fröhliche Gesichter. Eine Frau, die mit ihrer Gießkanne Wasser aus einem Brunnen schöpft, lächelt mich freundlich an. Ein alter Mann, der von seinem Hund spazieren geführt wird, kreuzt meinen Weg. „Guten Tag!“ grüße ich, er lüftet seinen Hut.

Links, rechts, links vom Haupteingang, habe ich mir im Hotel den Friedhofsplan eingeprägt. Und tatsächlich. Dort ist es: Anna Seghers‘ Grab.

Grab von Anna Seghers, Dorotheenstaedtischer Friedhof, Chausseestrasse, Berlin-Mitte

Ihr Grab schmückt ein Findling. Mittig ihr Pseudonym in Stein geschlagen, darunter ihr Geburts- und ihr Sterbedatum. Oben steht ihr bürgerlicher Name.

Neben ihr liegt ihr ungarischer Mann Laszlo Radvanyi beerdigt. Ebenso wie sie flüchtet er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten über Frankreich nach Mexiko ins Exil. Anfang der 1950er Jahre kehren sie nach Deutschland zurück. Laszlo wird Professor an der Humboldt-Universität und 1954 Abteilungsleiter im Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er ist der Erste, der noch vor den Lektoren die Manuskripte seiner Frau kritisch bearbeitet.

Die Grabstelle ist schlicht, dicht bepflanzt und wirkt gepflegt. Vorsichtig lege ich die mitgebrachte rote Rose vor ihrem Grabstein ab. Ich weiß gar nicht, ob das ihre Lieblingsblume ist. Aber es ist die Blume der deutschen Arbeiterbewegung. Und nicht nur in ihrem Erstlingswerk, der Novelle „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara“, 1928 mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet, setzt sich Anna Seghers mit der Unterdrückung Besitzloser durch die Besitzenden auseinander.

Man hat uns einmal von klein auf angewöhnt, statt uns der Zeit demütig zu ergeben, sie auf irgendeine Weise zu bewältigen.

Anna Seghers

Aus meinem Rucksack ziehe ich mein Lieblingsbuch von ihr. Es ist die Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“. In der ihr eigenen reduzierten, auf das Wesentliche gerichteten Sprache schreibt sie über einen Schulausflug im Jahr 1912 und ihre Schulkameradinnen, die in Hitler-Deutschland und im 2. Weltkrieg untergehen. Die Erzählung schreibt sie, wie weitere große Erfolge, die Romane „Transit“ und „Das siebte Kreuz“, im mexikanischen Exil.

ISBN 978-3746634708, 10 Euro „Sie setzte sich dicht neben mich, die hurtige Nora schenkte ihr, der Lieblingslehrerin, Kaffee ein: In ihrer Gefälligkeit und Bereitschaft hatte sie Fräulein Sichels Platz mit ein paar Jasminzweigen umwunden. Alle übrigen Mädchen an unserem Tisch freuten sich mit Nora über die Nähe der jungen Lehrerin, ohne zu ahnen, dass sie später das Fräulein Sichel bespucken und Judensau verhöhnen würden.“

Ich beginne laut zu lesen. Für die vierunddreißig Seiten benötige ich knapp 25 Minuten. Dann klappe ich das Buch zu und lege es in den Rucksack.

„Wat ham Se denn da jelesen, junger Mann?“

Erstaunt drehe ich mich zu der Stimme um. Sie gehört einem alten Mann. In der linken Hand hält er eine kleine Harke, in der rechten den Lenker seines Hollandrads. Ich hatte sein Kommen nicht gehört.

„Eine Erzählung. Der Ausflug der toten Mädchen“, sage ich.

„Ham Se jut jemacht, junger Mann. Von der da?“ Mit der Harke zeigt er auf den linken Grabstein. Ich nicke.

„Das Buch werd ik mir koofen“, sagt der Mann. „Schönen Tach noch.“ Ruhig schiebt er sein Rad weiter.

„Schönen Tag noch“, sage auch ich und blicke ihm nach. Dann wende ich mich noch einmal der Grabstelle zu: „Danke für diese Erzählung, Netti!“

Ich gehe Richtung Ausgang. Minuten später verlasse ich den Dorotheenstädtischen Friedhof. Auf der Chausseestraße lasse ich mich Richtung Friedrichstraße treiben.

In zwei Jahren, am 1. Juni 2023 wird sich der Todestag von Anna Seghers zum vierzigsten Male jähren. Es wäre ein schöner Anlass, diesen Gang zu ihrem Grab nicht nur gedanklich vorzunehmen, sondern tatsächlich vor Ort zu sein. Ich nehme mir das ganz fest vor.

Ein weiterer Ausflug zu dem toten Mädchen.

Ein Kommentar zu „Mein Ausflug zu dem toten Mädchen

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