Else Lasker-Schüler – Mein Junge

Gedenken einer Mutter
In der Zeitschrift „UHU“ im Juni 1929 veröffentlicht

Der Sohn der großen Lyrikerin, ein Zeichner von großen Gaben, ist früh gestorben. In Koffern und Kisten wartet eine Ueberfülle von Zeichnungen der Entdeckung. Else Lasker-Schüler spricht hier zum erstenmal in der Oeffentlichkeit von den Erinnerungen, die der Frühvollendete ihr zurückgelassen hat.

Und doch gerade bemühe ich mich, wahrheitsgetreu über ihn zu schreiben. Kann nicht verhehlen, daß es schwer ist und selten, über sein eigenes Kind auszusagen, noch dazu, wenn es sich besonderer Bescheidenheit und Schlichtheit wohl rühmen durfte. Jede Sensation, d. h. in den Vordergrund gerückt zu werden, war ihm contre coeur.

Mein Sohn war schön. Ich sage nichts Neues oder Unbekanntes mit dieser Wahrheit. Er war so schön, daß ich mich öfters bemühte, ihm schon als Kind – meinem Päulchen – Anzüge oder Hüte zu kaufen, die seine Schönheit dämpften. Das geschah alles aus Vorsicht oder aus Angst, er könne mir eines Tages geraubt werden.

Mein Sohn war ein lieber Junge, das Innigste, darum das Wertvollste, das man von seinem Kinde sagen kann. Mir wäre das genug gewesen, aber er war auch einer der begabtesten Menschen, die ich gekannt habe. Seine Verspieltheit neben seinem Talent wirkte entzückend. Er spielte so gern Harmonika. Wenn ich ihn lobte, bat er mich jedesmal, daraus nichts bei anderen Menschen zu machen. Jeder könne das! Trotz alledem mußte ich ihm zum Geburtstag immer wieder eine neue Harmonika kaufen – „mit Zungenschlag“! Und Lothar Homeyer sollte ich zum Aussuchen mitnehmen, da der nicht allein schön male, auch noch die Noten kenne. Später besaß mein Junge eine Uhrensammlung: stundenblang blickte er prüfend den kleinen Rädern zu, wie der Maschinist dem Vorgang seiner Maschinen. Er war exakt, was ihm zugute kam bei seinen Zeichnungen.

Als kleiner Junge kletterte er mit Vorliebe auf die Gerüste werdender Häuser. Wenn ich ihn suchte in unserer Katharinenstraße in Halensee, rief er mich plötzlich zwischen Luft und Balken aus heiterem Himmel. Schon von seinem zweiten Jahre an bewahrte ich manche seiner kleiner Zeichnungen, die nicht mit den üblichen talentierten Zeichnungen jugendlicher Zeichner zu vergleichen waren. Mit einem Jahr drängte er seine Kinderfrau, jedesmal wenn sie an Neubauten vorbeikamen, ihn auf die Füßchen zu stellen. Er sammelte sich dann kleine Kalkstückchen. Auch elektrische Kohle, vor den Laternen der Trottoire, pflegte er aufzuheben. Seine weißen Höschen waren dann oft pechschwarz. Wie oft schalt mich seine gute Kinderfrau, die Frau Müller, daß ich wieder den von ihr aufgescheuerten Boden des Päulchenzimmers bekritzelt habe! Die Häuschen und Bäumchen seien ja ganz nett, aber das ginge nicht! Ich schöpfte Verdacht. Und wir ertappten ihn, wie er sich mit seinen kleinen Händchen einen Stuhl näher an den Bettrand zog, behutsam aus dem Bettchen stieg und mit einem der Stückchen Kreide, die er alle auf den Waggons seiner Eisenbahn aufgeladen hatte, den Boden bemalte. Die alte Frau Müller und ich waren geradezu, man kann sagen, erschüttert. Oder wie mein Junge noch im hohen Kinderstuhl sitzend einen Raben zeichnete: „Raben gemalen, der Fleisch stehlt.“ Mit Vorliebe zeichnete er überhaupt Tiere, und seine Fortschritte waren außerordentlich. Wenn ich ihn Sonntag nachmittags manchmal mit ins Café des Westens nahm, setzte er sich ganz allein hinter der Treppe an einen der Marmortische. Es durfte niemand sehen, wenn er zeichnete. Selbst die Elsa nicht, seine Spielschulkameradin. Ich glaube, ich begehe gegen meinen Jungen keine Indiskretion, wenn ich erzähle, was er mir eines Abends anvertraute, als ich ihm seine Schühchen und Strümpfchen auszog und ihn zu Bette legte und er auffallend in sich gekehrt war. Auf mein besorgtes Fragen, ob ihm was fehle, sagte er ganz melancholisch: „Ixh denke an Elsa. Sie spielt immer mit meiner Uhrkette, und ich zupf sie an den Locken. Wenn ich siebzehn Jahre alt bin, besuche ich sie und frage sie: ‚Elsa, willst du meine Gemahlin werden?'“

Sonst war er als kleines Kind übersprudelnd, kam immer durch die Tür gesprungen: „Mutter, nun will ich aber zu den Sternen – die Zacken sehen.“ Sein Lieblingswort war: Persien. Jeden Abend schlug ich ihm ein Ei mit Zucker. Einmal kamen wir etwas später heim. Er hatte zum erstenmal auf dem Arm seiner Kinderfrau sitzend den glühenden Sonnenuntergang gesehen. Wie ich ihn dann wieder sein Ei bereiten wollte, rief er: „Mutter, Mutter, mach die Sonne nicht taputt.“

Ich kann nicht unterlassen, die paar ganz persönlichen Geschehnisse zu erzählen, ich muß! Der großen Wärme wegen, die mich bewegt. Als mein Junge 14 Jahre alt geworden war, zeigte ich seine Zeichnungen dem damaligen Präsidenten der Akademie der Künste, Professor Manzel. Der fürchtete, ich beschwindele ihn aus mütterlicher Eitelkeit, denn es sei unmöglich, daß ein vierzehnjähriger Mensch mit solcher Fertigkeit zeichnen könne. Aber er überzeugte sich. Denn eines Tages kam mein Paul mit mir. Der Professor sandte ihn zunächst ein Jahr zu seinem alten Freunde und Lehrer nach München ins Meisteratelier; am liebsten hätte er ihn sofort selbst betreut. Karl Arnold, der große Simplizissimuszeichner, sagte einmal vom Zeichnen meines Jungen: „Der zeichnet nicht, der schwimmt übers Papier.“ Eine solche Begabung, wie die meines Jungen, sollte man nicht sich in der Fabrik der Ateliers entfalten lassen, steif werden lassen. Lange dauerte es, bis er wieder sein Erbe antrat und „schwimmen“ konnte, er hatte sein Talent von Vorvätern geerbt.

Leid und weh tut es mir, daß mein Junge so oft von zu Hause weg war. Ich klagte ihm: „Wäre ich doch lieber eine einfache bürgerliche Mutter mit Haus und Herd!“ Dann sagte er jedesmal dieselben zwei Worte: „Nur nicht!“ Er wußte, wie mich stets um ihn die Sorge ewig quälte. Ich war nicht allein seine Mutter, und er mein Sohn, er war mein kleiner Bruder. Wir waren Brüder – und mein Schmerz zweifach. Er suchte wie ich – das Glück. Das Wunder der Liebe. Ein entzückender Don Juan, der immer nur die Eine sucht! „Liebe Mutter,“ bat er mich, „wart‘ einen Augenblick hier am Schaufenster.“ Er hatte dann ein Mädchen gesehen mit kornblumenblauen Augen. Er liebte kornblumenblaue Augen, blonde Haare wie Weizen. Er liebte den nordischen Typ – einmal jedoch ein Mädchen aus Manila. Die schwedischen Filme entzückten ihn sehr. Wenn wir uns gestritten hatten, das war sicher: abends saßen wir nebeneinander im Kino erwartungsvoll.

Tausende und aber Tausende von Zeichnungen, Uebungen, ungeheuer fleißig, liegen in Koffern geordnet. Imm wieder übte er in späteren Jahren dieselbe Nase und denselben Mund oder den Ausdruck der Augen. Es war ihm nicht genug, die Zeichnung einfach von seinem jungen Herzen abgepflückt liegen zu lassen. Er staunte die Maler Rembrandt und Franz Marc an. Manchmal, als kleiner Junge, zeichnete er mir solchen Spaß, daß mir die Tränen über die Backen liefen. Er spielte den Komiker auf dem Papier. Daß er wirklich ein Schauspieler ersten Ranges war, ahnte überhaupt niemand. Seiner großen Schönheit und Eleganz nach zu rechnen, hätte man ihm eher Liebhaberrollen zu spielen zugetraut. Einer Künstlerin, die uns in Davos besuchte, versuchte mein Paul den Besuch zu erleichtern, indem er ihr Oberlehrer oder Professoren alten Stils todkrank im Bette liegend meisterhaft nachahmte. Ihr brach dann lachend das Herz. George Grosz verehrte er ungeheuerlich. Menschlich und zeichnerisch. Gottfried Benn war sein Dichter. Sonst erfüllten ihn gute Verse mit Eifersucht. Es hatte niemand das Recht außer mir, zu dichten. Er war überhaupt hervorragend eifersüchtig. Das kam vom Tropfen spanischen Blutes. Es erfüllte ihn mit Traurigkeit, vermutete er in mir noch Interesse für andere. Manchmal ließ er mir keine Ruhe, ich müsse mir ein Kleid oder ein paar Schuhe kaufen. Es ginge nicht, daß eine Dichterin so herumliefe. Ich wußte dann jedesmal, er hatte dann auch einen Wunsch, aber vorher sollte ich mir einen erfüllen. Im Foyer eines Hotels in Zürich begegneten wir Frank Wedekind mit seiner wunderschönen Tilly. Er war dermaßen überrascht von meines Jungen Schönheit, von der Einfachheit seines Künstlertums, daß ich ihn bat, vor Paul nicht weiter darüber zu sprechen. Mein Junge glich meinen beiden Blumenschwestern, vor allem meiner teuren Mutter. In der Grube seines Kinns lag eine Rose, und finster leuchtete sein Haar. Ein Grandseigneur war er. Wie er der Frau die Hand küßte! Seine Artigkeit beträufelte drolliger Spott. Und mit Kindern verstand er zu spielen! Oft gingen wir in der Nähe in ein kleines Waisenhaus, den Kindern Bonbons bringen. Es weiß niemand, wie lieb er zu den armen Kinderlein war. Er tummelte sich mit ihnen auf der Erde herum. Zeichnete ihnen Bilderbogen. Zu Hause angelangt aber erst, entstanden dann unglaubliche zeichnerische Tragödien. Eitelkeit war ihm geradezu verhaßt. Er war immer eben erst zwölf Jahre geworden, aber barg eines fertigen Menschen Ernst in sich; den steckte er freilich des öfteren in die Tasche seiner Fellweste. Seine überschäumende Ausgelassenheit hatte Blume.

Ein Jahr vor dem Tode meines Jungen geschah mir ein Gesicht – König David saß in meinem Zimmer – es war in später Abendstunde, er trug ein schwarzes Gewand und einen schwarzen Turban. Seine Augen waren wie Asche. Er verharrte lange Zeit, neben mir sitzend.

Ja, ungeheuerlichen Geschehnissen gehen immer ungeheuerliche Ouvertüren voraus. – Und so endigt die Geschichte meines teuren Jungen.

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