Menschen im Hotel – Der Film

Artikel in der Weltbühne, Ausgabe vom 7. März 1933

Bei den Filmkaufleuten stößt man immer wieder auf die Meinung, wir nähmen ihnen übel, daß sie mit Filmen Geld verdienen wollten. Nichts davon. Wir nehmen nur übel, daß man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Und anrüchig wird die Sache für unsre Nase erst, wenn das Hauptbuch wie ein Poesiealbum eingebunden wird, wenn der Kampf um Rekordkassen um ein Ringen mit der Muse aufgemacht wird. „Wenn wir nur einen Star herausgestellt hätten“, so erklärt der Regisseur Edmund Goulding die Verwendung von sechs Stars in seinem Film „Menschen im Hotel“, „wären die übrigen Rollen zu Chargenrollen degradiert worden, und der Sinn der Handlung wäre zerstört. Die Handlung beruht ja im wesentlichen auf der Charakterisierung der sechs Hauptpersonen.“

Das sind goldene Worte, die unsre schwergeprüften Manuskriptautoren gern schon gehört hätten, bevor sich die Filmindustrie durch das katastrophale Versagen aller bewährten Zugkräfte zu dem Verzweiflungsmittel getrieben sah, einen ganzen Haufen Stars in einem einzigen Film anzusammeln, nach dem Prinzip: Schokolade ist gut und Hering ist gut, wie gut muß erst Garbo plus Beery sein! Jahrzehntelang hat man alle Filmmanuskripte verstümmelt, indem man eine oder zwei Figuren für die Starrollen gewaltsam nach vorn schob und die übrigen zu Hintergrundchargen zusammenknetete – und siehe da, plötzlich verlangt die Kunst Verständnis und Gerechtigkeit für sechs Rollen. Damit soll man uns nicht kommen.

Werbung im Berliner Tageblatt

Diesmal also verdrängt also nicht eine Rolle die andre, aber dafür verdrängen die Schauspieler gemeinsam den Film. Film ist Eingliederung des Menschen in die Welt der Dinge, aber diesmal sieht man vor Menschen das Hotel nicht; die Kamera wählt den Bildausschnitt fast immer nur grade so weit, daß er die Konturen der Stars vollständig umfaßt, und dadurch entstehen beklemmend enge Räume, die den Zuschauer in eine Art Budenangst versetzen. Unablässig erkennt er die Züge die ihm und dem Produzenten teuer sind. Mit ihnen wird er fast zwei Stunden lang im Kreuzverhör konfrontiert, bis er, zusammenbrechend, zermürbt gesteht, daß diesmal bei Metro-Goldwyn-Mayer ganz großartig gespielt wird. „Menschen im Hotel“ ist in der Tat ein erstaunliches Beispiel für die Kultur des amerikanischen Gesellschaftsfilms. Während bei uns Dialogautoren, Regisseure und Schauspieler das Wort immer noch mit der ängstlichen Feierlichkeit ergreifen, mit der eine Portierfrau einen Kondolenzbrief aufsetzt, hat man drüben eine schlichte, witzige Klugheit des Sprechtextes, Lockerheit und Zurückhaltung in der Betonung der Pointen, und von der präzis ausartikulierten Sentenz führt eine stetige Verbindung über Beiseite-Gemurmel und Flüstern zum Geräusch des Hintergrundes. Bei uns schmettert man jeden Bierwitz, jedes Räuspern als Volltreffer ins Mikrophon, und fast jeder Schauspieler läßt durch seine gehemmte Sprechweise merken, daß er sich in etwas besserer Gesellschaft fühlt, als ihm eigentlich zukommt. Von diesem Standpunkt aus ist „Menschen im Hotel“ an Manuskript, Regie und Darstellung vorbildlich. die Schauspieler sind von einer lebendigen, wennschon manchmal kindlich lauten Ungezwungenheit, die echt wirkt, und da macht es nicht viel aus, daß die Stenotypistin Joan Crawford statt des gewünschten „Flämmchens“ ein bengalisches Feuerwerk abbrennt und die massige Gestalt Wallace Beerys – wohl damit man sie auch über den Atlantik weg als deutschen Generaldirektor erkennt – einen etwas penetranten Boulettengeruch ausströmt. Aber nuanciert wie die Töne des Dialogs sind die Charaktere der Handelnden: der Bösewicht läßt Obertöne der Güte deutlich mitschwingen, und die Sanftheit der Anständigen wird durch etwas Rachsucht, Eitelkeit und Neid angenehm kompliziert.

In diesem Rahmen gibt Greta Garbo ihre herrlichste Leistung. Mit edel zurückgereckten Oberkörper eilt sie durch die Gänge, beschwingt wie der Daktylus ihres Tänzerinnennamens Grusinskaja, hundert winzige Zuckungen spielen unaufhörlich über ihr feines Gesicht, die beweglichen Millimeter der Mundwinkel und ein leises Zusammenziehen der Brauen malen Angegriffensein und Angriff, Müdigkeit und Auflodern, Übermut und Resignation. Ganze Nebenrollen spielt sie mit den Händen, das Telephon wird unter ihrem Zugriff zum lebendigen Tier, und in der überwältigenden Liebesszene löst sich Muskel für Muskel sachte zu Hingabe, Gläubigkeit und zum Aufhorchen der Sinne.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s