Rudolf Braune – Frieda Sommer

Erzählung, gefunden im Simplicissimus, Ausgabe vom 30. Oktober 1932

Dies ist die Geschichte eines jungen Mädchens namens Frieda Sommer, jetzt zwanzigjährig und ziemlich oben schwimmend. Verkäuferin in einem erstklassigen Damenkonfektionsgeschäft, damals aber noch, gleich mir, angestellt in einer Petroleumgesellschaft. Ich sah sie gestern spät nachts in der Hochbahn wieder, sie war dieselbe geblieben wie vor drei Jahren. Sie sagte mir nicht, woher sie kam, aber ich konnte es mir denken. Ich zumindest kam von der Arbeit. Sie erkannte mich zuerst, und ich wurde rot. Ihr kleiner schimmernder Mund öffnete sich zu einem wirklich lustigen Schrei, und dann drückte sie meine Hände. Eigentlich hätte ich mich schämen müssen, so wie ich in dem dreckigen Arbeitszeug dasaß und wahrscheinlich dasselbe begiehrliche Gesicht machte wie früher. Aber Frieda lachte mit ihren kleinen festen Zähnen , und dann fing sie da an zu erzählen, wo wir vor zwei Jahren aufgehört hatten, an dem bewußten Tag, der ein wenig durcheinandergeraten war. Am Stralauer Tor, da oben muß sie jetzt anscheinend wohnen, verabschiedeten wir uns, und ich lief die drei langweiligen Haltestellen bis zum Kottbusser Platz zurück.

„Ja“, sagte sie nahe meinem Gesicht, ud sie roch verdammt gut, „an den Morgen erinnere ich mich noch genau!“

Kunststück, ich erinnere mich immer an solche Morgenstunden, in denen einem die Entlassung mitgeteilt wird. Das heißt, vor der Kündigung erfuhren wir erst nachmittags, vormittags wurde nur gemunkelt. Mir hatten sich die Begleitumstände der Kündigung damals auch eingeprägt. Frieda Sommer erzählte das etwas anders. So ungefähr:

„…, ja, ich bin ziemlich in der Balance geblieben, weder verheiratet, noch in so einer Budike mit hundert Mark Monatsgehalt stecken geblieben und ne alte Jungfer geworden wie die Annemarie Jung …“

Sie konnte noch lachen wie früher, ihr Gesicht rutschte nach oben, sie beugte den Kopf in den Nacken, und eigentlich lachte vor allem ihr schönes festes rundes Kinn, ein bäuerliches Kinn. Unser Abteil war jetzt leer, gehörte nur uns beiden, ich sah an ihr vorbei in die rauschende gütige Nacht. Ja, an Fräulein Jung, Fräulein Annemarie Jung erinnerte ich mich noch. Die hatte übrigens damals zuerst erfahren, daß unsere Gesellschaft das Zweigbüro, in dem wir bechäftigt waren, auflösen wollte. … was wird die jetzt machen? Wird wohl noch in dem Betrieb drin sein. Gott, wenn ich daran denke, damals war ich ja noch ein richtiges Kind …“

Ich sah sie an. Und jetzt, mein Fräulein? „… ich schwebte vor drei Jahren noch wie ein Engel über den Wassern, na das ist ein bißchen dumm gesagt, du weißt ja wahrscheinlich überhaupt nicht, warum ich plötzlich Knall auf Fall verschwand, noch ehe ihr die Kündigung bekamt …“

Doch, das wußte ich.

„… morgens bin ich schon so aufgeregt gewesen. Meine Mutter faßt eine Kündigung natürlich als persönliche Blamage auf, unsere Eltern leben eben noch in Vorkriegsvorstellungen, die können sich nicht denken, daß so etwas fix und leise vor sich geht, da hieß es immer: ‚Was hast du denn angestellt?‘ Jetzt haben sie schon manches gelernt, aber immer noch nicht viel verstanden, dagegen hilft kein Kraut. Ich weiß auch noch, daß ich zu spät aufgestanden bin und meine Bahn verpasst habe. Ich komme ins Büro herein, und da steht die kleine Rotblonde, wie heißt sie gleich? Himmel, ich habe sie erst vor ein paar Wochen wiedergesehen, du, das sage ich dir erst am Schluß, was die jetzt ist, du wirst staunen, ach richtig, Matusch hieß sie, Claire oder Änne, nicht wahr? Mit der stand ich von Anfang an auf Kriegsfuß, sie hatte ein paarmal im Büro drin geklatscht, daß ich zu spät gekommen sei, und dann, als ich die kleine Waschschüssel zerschmiß. Außerdem erzählte sie immer üble Witze, das paßte mir auch nicht. Sie stand an meinem Schreibmaschinentisch, und als ich hereinkam, kugelte sie mit ihren Augen und fing an zu singen: ‚Heut war ich bei der Frieda.‘ Zuerst faßte ich das als Spaß auf und lachte mit, aber kaum sieht sie, daß ich mir nichts aus ihr mache, da hört sie auf zu singen und sagt laut und von oben herab: ‚Herr Aurin wünscht Fräulein Sommer zu sprechen.‘ Ja, in diesem Ton sagt sie es, und dann fing sie wieder an zu singen: ‚Heut war ich bei der Frieda.‘ Ich habe natürlich immer genau gewußt, wo der Hahn krähte, wenn etwa Elsbeth oder Fräulein Jung oder irgendeine zum ‚Diktat‘ befohlen wurden. Aber das war so ein stilles Übereinkommen, daß darüber nur von Mund zu Mund und streng vertraulich geflüstert wurde. Weißt du, eins muß ich gestehen, ich bedauerte damals immer, daß ich noch zu jung war und nie zum ‚Diktat‘ gerufen wurde. Wie guckst du mich denn an? Kannst du das nicht begreifen? Herr Aurin reizte mich überhaupt nicht. Ein Vierzigjähriger, glaubst du etwa, daß wir uns als Siebzehnjährige für so etwas besonders begeistert haben? Na also! Außerdem hatte ich eine Heidenangst vor seiner Frau, die ich mal im Tiergarten gesehen habe, wie sie ihn am Arm führte. Sie ihn! Aber du wirst doch noch ungefähr wissen, wie das bei uns war, euch haben wir ja etwas von oben herab behandelt. Meinen älteren Freundinnen schien die Liebe oder wie das so hieß, nicht gerade besonderen Spaß zu machen, aber sie erzählten tagsüber immer von ihren Tanzabenteuern, von den Kavalieren, was sie verzehrt hatten, wieviel Wein Getrunken, wie oft getanzt und was. Einer holte sein Mädchen im Auto ab. Am Morgen bemerkte ich die umzogenen Augen. Ich schämte mich. Alle vergnügten sich auf diese Art, ich saß da, zu jung! Und da sitzt nun zwei Zimmer weiter unser Chef, der Herr Aurin, der seine Freundinnen aus unserer Abteilung wählte, immer eine nach der anderen. Damit beschäftige ich mich natürlich. Ich mußte immerhin darauf vorbereitet sein, daß er mich auch drannahm. Nun lachst du schon wieder! Ich sage dir doch, Aurin war mir schnuppe! Aber … aber … schön, also neugierig bin ich wahrscheinlich gewesen. Nicht nur, auch ein bißchen Trotz, weil ich abends nicht ausgehen durfte. Aber als diese rothaarige Matusch mich nun anulkte, kriegte ich Wut. Erst wurde ich rot, dann brüllte ich los. Ich als Jüngste hatte natürlich die Klappe zu halten. Selbstverständliche Regel. Ich stand Kopf. Vor Wut. Weil ich mich schämte. Ich habe der Kleinen alles mögliche vorgeworfen, ihren spleenigen Konfektionsfritzen, ihr Alter, für das sie gar nichts konnte, ihr … ach, ich weiß schon nicht mehr, was alles. Meschugge mit einem Wort. Und dann natürlich geheult. Kaum merkte ich aber, daß niemand wagte, mit Ausnahme der keifenden Matusch, mich herunterzuputzen, bekam ich wieder Oberwasser. Ich stehe auf, schneuze mich …“

Stralauer Tor!

“ …, komm, geh ein Stück mit, ich erzähle dir unten weiter. Hast du Lust?“

Ja. Und unten:

“ … und dann habe ich Elsbeth gefragt: ‚Hat Herr Aurin mich gewünscht?‘ Elsbeth will mich beruhigen. ‚Quatsch‘, sage ich, nehme meinen Diktierblock und ziehe stolz aus dem Zimmer. Wie ich draußen in dem dunklen Korridor stehe, wird mit hundsmiserabel. So gewissermaßen Lampenfieber. Du mußt wissen, von den direkten Handgreiflichkeiten hatte ich wüste Vorstellungen. Ich dachte, Aurin werde mir zumindestens gleich einen Kuß geben. Ich klopfe an, er sitzt an seinem Pult und liest einen Brief. ‚Aha, Fräulein Sommer!‘ sagt er nicht besonders freundlich, ‚warten Sie einen Moment!‘ Ich setze mich. Als ich zun erstenmal beim Zahnarzt warten mußte, hatte ich dieselben Gefühle. Frierst du? Komm, gib mal deinen Arm her …“ Sie hakte sich bei mir unter, mir wurde wärmer.

„… also stelle dir mal die Szene vor. Ich muß schon sagen, ich war enttäuscht. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Der diktiert mir also einen Brief, ruhig und langsam. Ich bin zuerst etwas unruhig, doch dann schreibe ich immer schneller und sicherer. Der zweite Brief. Der dritte. Ich bin fertig, er sieht mich an. Ich denke schon an nichts mehr. Auf einmal lächelt er und fragt: ‚Na, Fräulein Sommer, haben Sie schon eine neue Stelle?‘ Ich höre nun zum estenmal aus seinem Munde von der Kündigung. ‚Nein‘, sage ich. ‚Na, wie wäre es denn, im Hauptbüro brauchen wir noch ein Fräulein.‘ Was soll ich sagen, natürlich ja. Ich lächle ihn dumm an. Plötzlich aber steht er auf, guckt mich genau an, lächelt infam, sagt: ‚Noch ein bißchen verschlafen, was? Wohl gestern zu lange gesumpft? Sie tanzen doch gern?‘ Ich ahnungsloser Engel fiel aus allen Himmeln. Erstens einmal wußte ich sehr genau, wie ich aussah, denn ein siebzehnjähriges Mädchen sieht bestimmt in den Spiegel, ehe sie in das Zimmer ihres Chefs geht. Und dann war ich nicht darauf vorbereitet, daß er mich plötzlich attackieren würde, dazu noch auf so eine Art. Alle Angst war wieder da. Ich hörte ihn undeutlich sprechen, er sagte ungefähr: ‚Gehe heute abend mit in die Magritbar, dir wird auch nicht gekündigt.‘ Damit war ich durchaus einverstanden, das ging mir nur zu schnell. Ich war einfach ein bißchen erschrocken. Wenn er mich sanft behandelt hätte, langsamer, nicht so nahe, nicht so robust, dann wäre wahrscheinlich alles anders gekommen.

Aber so verneinte ich heftig auf seine zudringlichen Fragen. Ob ihn das nun gereizt hat, oder ob er Koketterie dahinter vermutete, oder aus sonst einem Grund, er tat das Dümmste, was er tun konnte: Er versuchte mich zu küssen. In seinem Zimmer, direkt neben euch! Wenn Aurin gewußt hätte, was für ein unbeschriebenes Blatt ich noch war, hätte er die Sache wahrscheinlich anders angefangen. Ich roch seinen Zigarettenatem, er packte mich fest an, und auf einmal kitzelte mich sein Schnurrbart. Da habe ich ihm vor Angst ins Gesicht gehauen und bin nach Hause gerannt. Ja. So hat sich die Geschichte damals abgespielt. Meine Schwester hat dann nachmittags meine Sachen aus dem Büro geholt, und da erfuhr sie, daß allen Angestellten der Zweigstelle offiziell gekündigt worden war.“

*

Die drei Haltestellen vom Stralauer Tor bis zum Kottbusser Platz sind jämmerlich langweilig. Mond schien auf die Stuckfassaden, und ich marschierte mutterseelenallein durch die Kälte des frühen Morgens zurück. Fräulein Frieda Sommer muß eine sehr dumme Schwester haben, sonst hätte sie erfahren, warum ich sofort hinter ihr her geflogen bin. Als ein Mädchen zu uns herauskam und erzählte, Frieda sei heulend aus Aurins Zimmer gekommen und gleich nach Hause gerannt, als ich das hörte, war ich von ihrer vermeintlichen Unschuld so gerührt und von meiner Liebe so befeuert, daß ich zu Aurin hineinging und ihm prompt Nasenbluten verschaffte. Aber vielleicht weiß sie doch davon.

*

Und nun erfahre ich drei Jahre später aus dem reizenden blaß-schimmernden Mund dieses holden Mädchens – sie legt nämlich kein Rouge auf – daß sie eigentlich nur zufällig und aus mangelnder Kenntnis der männlichen Psyche auf Herrn Aurin sauer reagiert hat.

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