Klaus Mann – Ueber Georg Trakl

Artikel, Weltbühne, Ausgabe vom 2. Oktober 1924

Er ist der Schwermütigste von Allen. Auf jedem Vers, den er schrieb, liegt jene tiefste, hoffnungsloseste, süßeste Melancholie – jene Melancholie, die zu müde, zu schwer ist, um in eigenen Worten noch zu sprechen, die in Musik und in Farben zerfließt. Sein Lebenswerk, seine gesamte Dichtung ist eigentlich keine Kunst mehr. Es ist ein unterbrochenes, verworren-süßes Lied von seiner untröstbaren, von seiner tiefen, tiefen Schwermut. Die paar Dinge, die er lieb hatte auf Erden, kehren immer wieder in seiner Dichtung: die paar Farben – purpurn, braun, blau – die flötende Amsel, die schmale dunkeläugige Gestalt der Schwester, die er Karfreitagskind nannte, und das Süßeste von allen: die Knabengestalt mit den modenen Augen und der hyazinthenen Stimme – Elis.

Sie sind, glaube ich, das Schönste unter seinen Gedichten, die drei Lieder vom Knaben Elis. Sie stehen an der Grenze zwischen den frühern, noch farbigern, leichtern, künstlichern, deren schönstes wohl ‚Verfall‘ und ‚Traum des Bösen‘ ist, und den durchaus mystisch-hölderlinisch umnachteten, denen, die jenseits des normalen Begriffsvermögens stehen, die in tiefen und irren Worten von der letzten Schwermut zu uns singen.

Die Elis-Lieder beginnen:

Elis – wenn die Amsel im schwarzen Walde ruft,

Dieses ist dein Untergang.

Niemals fügte ein Dichter Worte zu so schwerer, purpurner Pracht. Es gibt da eine Stelle, die heißt:

Dein Leib ist eine Hyazinthe,

In die ein Mönch seine wächsernen Finger taucht.

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt,

Das langsam die schweren Lider senkt.

Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallner Sterne.

Ich nannte den Namen Hölderlins. In der Tat ist nur er hier zum Vergleich heranzuziehen. Vielleicht noch ein paar Stellen aus Nietzsches letzten Dithyramben. Die gebenedeite Nähe des großen Hinabgleitens, des Wahnsinns, die tiefste Trauer, das letzte Weh, das Musik wurde – wo finden wir es sonst wieder?

Trakl erzählt uns die Geschichte seiner Jugend. Er nennt sie ‚Traum und Umnachtung‘. sie beginnt:

Am Abend ward zum Greis der Vater; in dunklen Zimmern versteinerte das Antlitz der Mutter, und auf dem Knaben lastete der Fluch entarteter Geschlechter. Manchmal erinnerte er sich seiner Kindheit, erfüllt von Krankheit, Schrecken und Finsternis, verschwiegener Spiele im Sternengarten, oder daß er die Ratten fütterte im dämmernden Hof …

Oder daß er die Ratten fütterte im dämmernden Hof … Wen rührte kein Schauder an? Wer fühlte sich nicht im Innersten getroffen bei solchen Worten?

Es gibt vielleicht Solche, die diese späte, tiefunfruchtbare, weil so sehr müden Kunst mit dem ekelhaften Schlagwort „décadence“ abtun. Wenn auf Jemand Schlagworte nicht anwendbar sind, so ist es Georg Trakl. Wo die gebenedeite Nähe des großen Hinableitens ist, des Wahnsinns, wo letztes Weh, tiefste Schwermut Musik war – wie sollten da Feuileetonistenschlagworte treffen?

Ein Orgelchoral erfüllte ihn mit Gottes Schauern. Aber in dunkler Höhle verbrachte er seine Tage, log und stahl und verbarg sich, ein flammender Wolf, vor dem Antlitz der Mutter. Mit purpurner Stirne ging er ins Moor, und Gottes Zorn züchtigte seine metallenen Schultern.

Wer solche Sätze schrieb, steht außerhalb.

Ihr sagt von ihm: Seine Technik wiederholt sich. Sein Wortschatz ist kein allzu großer. Wäre er nicht fürh gestorben – fast ein Knabe noch -, es wäre auf die Dauer ein wenig langweilig geworden.

Er aber war der Schwermütigste von Allen.

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