Alice Rühle-Gerstel – Avanti entlaufen

Erzählung, gefunden im Prager Tagblatt, Ausgabe vom 29. Januar 1933

Wir wollen verreisen. Die Wohnung wird zugesperrt, die Katze kommt zu der Witwe im ersten Stock, die Schildkröte zu den Nachbarskindern, die Vögel in ihren Käfigen zu einer Freundin. Nur den Schäferhund will niemand haben. Warum hat man auch so viele Tiere? Olge, die Hausgehilfin, die zu ihren Eltern in ein weit entferntes Dorf fährt, erbietet sich schließlich, ihn mitzunehmen. Mit Sorge sehen wir für Avanti ungewohnten Eisenbahnfahrt, den Fährlichkeiten des mehrfachen Umsteigens, dem Unbekannten auf dem fremden Gehöft entgegen. Aber es bleibt nichts andres übrig. Avanti fährt also mit Olga.

Treue, unorthographische Karten berichten uns während dreier Wochen von seinem physischen Wohlergehen und seinem, durch ausgiebiges Geheul bezeugten seelischen Leid. Als wir nach einem Monat wiederkommen, empfängt uns eine dickverweinte Olga: Avanti ist verschwunden, am Tag, wo wir unsre Heimkehr meldeten. Konnte er die Postkarte lesen, die ihm so freudige Nachricht brachte? Wollte er uns an der Bahn erwarten? Er ist fort.

Wir trauen ihm sehr viel zu. Er ist sicher nach der Stadt gerannt, obwohl er die Wege zu ihr nicht kennt, denn wir leben bei Dresden in einer Vorstadtsiedlung und um zu seiner Sommerfrische zu gelangen, war er ja vier Stunden mit verschiedenen Lokalbahnen gefahren. Immerhin … Wir schreiben also an zwölf Gemeindevorsteher und Gendarmeriewachtmeister, die auf der Strecke zwischen Olgas Dorf und unserer Stadt amtswalten. Wir erlassen Anzeige in sieben Provinzblättern, wir setzen Belohnungen aus. Avanti kommt nicht.

Aber es kommt etwas anderes, Unerwartetes, nie Geglaubtes. Jede Post bringt vierzehn Tage viele Briefe und Karten. Nicht nur die Dorfgendarmen haben pflichtgemäß die Jagd auf unseren Schäferhund aufgenommen und halten uns auf dem Laufenden über ihre stets erfolglose Tätigkeit. Nein, es kommen Briefe und Karten von ganz unbeteiligten Personen, die die Inserate gelesen haben und uns ihre Hilfe anbieten. „Ich habe selbst einen Hund und kann mir daher Ihren Kummer vorstellen“, schreibt einer. „Als ich letzten Sonntag vom Schützenfest aus S. kommend, per Rad durch L. fuhr, sah ich einen Schäferhund herumstreifen, der jemanden zu suchen schien. Ich ging der Sache nach, um zu erfahren, ob das nicht etwa Ihr Hund sei. Richtig, der Hund war zugelaufen. Er befindet sich bei Fleischermeister Schmidt in L. in Pflege, fahren Sie soch einmal hin und sehen Sie nach, ob es Ihr Hund ist. Auf Belohnung verzichte ich, ich bin ein Hundefreund, und tue es aus Interesse.“ Zur Bekräftigung seiner Uneigennützigkeit läßt er seine Adresse weg.

Sie meinen, das wäre ein Sonderling gewesen? Ich teile Ihnen mit, daß wir gegen vierzig solcher Zuschriften aus mehreren Amtsbezirken, dem gesamten Areal von Avantis vermutlicher Reiseroute erhalten haben! Vielfach, dem Stil und der Orthographie nach zu schließen, von ganz armen Leuten. Wir gingen den angegebenen Spuren nach, oft mit Hilfe der Personen, die uns den Hinweis gegeben hatten, wir suchten auf abgelegenen Dörfern, in stundenweiten Fahrten und Gängen an drei Dutzend herrenloser Schäferhunde auf, unser Avanti war nicht darunter. Der Schmerz der freiwilligen Helfer über unsere Enttäuschung war echt und lebhaft. Sie litten mit uns, mit dem verschollenen Avanti und mit dem herrenlosen Hudn, den wir jeweils besuchten und der seinerseits sehnsüchtig auf das Eintreffen seines wirklichen Herrn wartete. Eine große Hundewärme breitete sich um uns aus. Wir bekame freundschaftliche Beziehungen zu wildfremden Hundefreunden, die uneigennützig und eifrig mit uns nach Avanti suchten, oft mit der Beteuerung: „Ich weiß, wie das ist, habe ja selbst einen Hund …“ oder öfter „… habe ja selbst einen Hund gehabt …“ Die Mutterliebe ist am heftigsten gegenüber dem gestorbenen Kind …

Entschädigungen für Postporto, Straßenbahnfahrten, Telephonspesen, ausgiebigen Zeitverlust lehnten alle diese Hundefreunde empört ab: „Das tu‘ ich doch aus Interesse an dem Tier!“ hörten wir immer wieder. Wir lernten neu an die Menschheit glauben. Ein Netz geheimen Einverständnisses verband uns mit vielen Menschen, von denen wir die meisten überhaupt nicht zu Gesicht bekamen, Menschen aus Dörfern und aus der Stadt, Arbeitern, Bauern, Sportlern, alten Frauen, Sonderlingen, Geschäftsreisenden, Touristen und wir alle hatten ein Herz zusammen, ein Hundeherz sozusagen, treu, hartnäckig, naiv und menschengläubig; daß jemand den Hund böswillig sich aneignet, ihn verkauft, gar aufgefressen haben könnte, diese scheußliche, des Hundefreundes unwürdige Vermutung ließen wir nicht aufkeimen. Avanti konnte nur noch nicht gefunden sein, mit dem Ton auf dem Wörtchen noch; aber wenn es auch unwahrscheinlich schien, ihn zu finden, so durfte man doch vertrauen, daß es eines Tages gelingen werde. Wenngleich die Zahl der herrenlosen Schäferhunde, die in zahlreichen Dörfern auf ihren Erlöser warteten, sich von Tag zu Tag unheimlich zu vergrößern schien.

Nach drei Wochen fanden wir Avanti, an jenem Ende der Stadt, wohin sein von uns vermuteter Fluchtweg ihn geradeaus geführt hatte. Unsere Hoffnung auf seine Klugheit hatte sich bestätigt. Ohne das Gelände je gesehen oder richtiger gerochen zu haben, war er, aus der Dauer seiner Tour konnte man das erschließen, in direkter Linie nach der Heimat enteilt und war nur am Schluß, ermüdet und verwirrt, ein Opfer der Großstadt, an seinen Trieben irre geworden. Ein Hundeliebhaber hatte ihn vor einem Autobus gerettet und fürsorglich in die Familie aufgenommen. Während wir vergebens durch die Dörfer streiften und herrenlose Hunde besuchten, hatten Avantis Pflegeeltern die städtischen Zeitungen eifrig nach Annoncen hundeloser Herren durchstöbert, immer wieder enttäuschten Waisenvätern unseren ebenfalls enttäuschen Avanti („Warte, jetzt kommt’s Herrchen!“) zugeführt … bis schließlich die Freimaurerei der Hundefreunde Herrn und Hund vereinigte. Bedarf es der ausdrücklichen Erwähnung, daß auch Kohlenhändler Leuschner, Ehre seinem Namen, der Avanti drei Wochen lang verpflegt und für ihn die Kosten eines Tierarztes sowie mehrerer SOS-Annoncen getragen hatte, keinerlei Entschädigung annehmen wollte? „Wir haben doch selbst einen Hund gehabt …“ Nur eine Photographie von Avanti wollten die Pflegeeltern zum Andenken haben. Allerlei Zwischenfälle verzögerten die Erfüllung dieses bescheidenen Wunsches. Als ich schließlich die Photographie absandte und für die Sparbüchse des Kleinen, der Avanti besonders betreut hatte, einen Zwanzig-Markschein beifügte, spielte mir aus unerfindlichen Gründen mein Unterbewußtsein einen Streich. Statt Leuschner schrieb ich Weidner, statt Blumentalstraße – Rosenwaldstraße. Und beeinflußt von meinen vielen Hundefreunden schrieb ich keinen Absender auf das Kuvert. Der Brief kam an. Aus der Antwort entnahm ich meinen Irrtum und wie er berichtigt worden war: Die Post hatte den herrenlosen Brief geöffnet, nach der Photographie hatte der Briefträger des Viertels Avanti erkannt und sich noch nachträglich um sein Schicksal verdient gemacht: „Ach, ist das nicht der hübsche Kerl, der im Herbst zu Leuschners auf der Blumentalstraße zugelaufen war?“ Und auch die zwanzig Mark hat er abgeliefert.

Ich schreibe diese Geschichte, in gerührtem Gedenken an all die Hundefreunde, deren Namen ich vergessen oder nie gewußt habe. Wahrhaftig, es steht noch nicht so schlecht mit der Menschheit!

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