Egon Erwin Kisch – Der Fall des Generalstabschefs Redl

Reportage, Verlag Die Schmiede, 1924

Worum handelt es sich bei dem Fall Redl? Durch welchen Zufall wird Kisch auf die Affäre aufmerksam? Mit welchem Trick umgeht er die Zensur?

Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben, und diese Weisheit war auch schon vor einhundert Jahren gültig. Wie so oft spielt dabei der Zufall eine ganz große Rolle. Und wenn er auftritt, dann häufig in geballter Form. Ein Beispiel hierfür ist Der Fall des Generalstabschefs Redl.

Alfred Redl (1864 – 1913), Oberst der k.u.k.-Armee, den größten Teil seiner militärischen Laufbahn in leitender Stellung beim Nachrichtendienst tätig, wurde wegen seiner Homosexualität vom russischen Geheimdienst erpresst und als Spion angeworben. Die Spionage Redls, der aufgrund seiner gehobenen Stellung Zugang zu vielen Geheimdokumenten hatte, war für das russische Zarenreich von großer Bedeutung. Dementsprechend fürstlich wurde Redl entlohnt.

Die Geldsendungen an ihn wurden postlagernd an einen gewissen Nikon Nizetas geschickt. Einer dieser Briefe, nicht fristgerecht vom Wiener Hauptpostamt abgeholt, wurde um Hinweise auf den Urheber zu erhalten geöffnet und brachte 6.000 Kronen zum Vorschein. Seinerzeit war das ein Vermögen. Der alarmierte Militärische Abwehrdienst ließ daraufhin das Hauptpostamt überwachen. Als Redl den Brief am 25. Mai 1913 abholte, wurde er verfolgt und anhand der ausgefüllten Abhol- und Abgabescheine eindeutig als Spion enttarnt.

Für Franz Conrad von Hötzendorf, Chef des k.u.k.-Generalstabs, eine brisante Mitteilung, stand doch aufgrund von Versäumnissen bei der Auswahl und Prüfung von Offizieren in leitender Position seine eigene Karriere auf dem Spiel. Unter größter Geheimhaltung wurde eine Offiziersdelegation zusammengestellt, die Redl in seinem Hotel aufsuchen, und ihm seinen Selbstmord nahelegen sollte. Redl selbst, seine Enttarnung ahnend, bereitete in seinem Hotelzimmer bereits den Freitod vor. Der aus vier Offizieren bestehenden Delegation gestand er seine Spionagetätigkeit, erhielt von ihnen eine Pistole sowie Gift und wurde in seinem Zimmer allein gelassen. Am nächsten Morgen wurde Redls Tod festgestellt. Der Kaiser erhielt von von Hötzendorf ein Telegramm, Redl habe sich „aus bisher unbekannter Ursache“ erschossen.

So wie der Zufall bei der Enttarnung mithalf, so gelangte Der Fall des Generalstabschefs Redl auch nur mit dessen Hilfe an die Öffentlichkeit. Eine Kommission des Nachrichtendienstes wurde nach Prag geschickt, um in der Wohnung des toten Oberst Spuren zu sichern. Da es Sonntag war, ließ sich kein im Staatsdienst befindlicher Schlosser auftreiben, um Türen und andere verschlossene Behältnisse zu öffnen. Aus diesem Grund wurde ein ziviler Schlosser geholt, der aufgrund seiner Arbeit das Spiel seiner Fußballmannschaft FC Sturm Prag versäumte. Der Ehrenobmann des Vereins stellte den Spieler zur Rede. Der Name des Vereinsfunktionärs lautete: Egon Erwin Kisch.

Kisch, in den 20er-Jahren sollte er in Anlehnung an den Titel eines seiner Reportagebände als Der rasende Reporter bekannt werden, war damals Journalist bei der deutschsprachigen Prager Zeitung Bohemia. Als er von seinem Spieler nähere Details erfuhr – von Homosexualität und Spionage war die Rede –, erkannte er schnell, dass es sich bei der geöffneten Wohnung nur um die des Oberst Redl handeln konnte. Dessen Tod hatten die Zeitungen bereits gemeldet.

Bereits am Montag war in der Bohemia eine kurze Notiz zu lesen, die Kisch aufgrund der Zensur als Dementi brachte: „Es wäre unrichtig, daß Redl wegen Spionage für Rußland Selbstmord begangen habe, man habe nach Verfehlungen ganz anderer Art geforscht.“

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Redls Tod bestimmte die Schlagzeilen der folgenden Tage. Auch der Kaiser erfuhr so von den Hintergründen von Redls Tod.

Elf Jahre nach der Affäre, 1924, veröffentlichte Kisch das Ergebnis seiner Recherchen als Buch.

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