Else Lasker-Schüler- Unser Gärtchen

Literarische Erinnerung, abgedruckt im Prager Tagblatt, Ausgabe vom 9. Mai 1925

Als mein Vater noch die Wege mit glitzerndem Kies schmücken ließ, dessen Kristall wir beide von der Laube aus bewunderten, da wurde ich mir des kleinen Gartens noch gar nicht recht bewußt. Eigentlich war es ja ein lebendiger Spielladen mit grünerlei Bäumen und blühendbehangenen Sträuchern, die die vielen bunten Blumen, die Primeln, die Vergißmeinnicht, samtnen Stiefmütterchen und Astern und Georginen beschatteten.

Heute möchte ich mir den ganzen kleinen Garten in ein Glas auf den Tisch stellen. Im Herbst fielen die wilden Kastanien in ihrer Stachelhülle auf den schon zertretenen, mit Erde vermischten Kies; manche auch ins zottige, abgenutzte Gras, plumps hinein! Wir Kinder hoben die grünen Igel auf, so nannten wir die entzückenden Dinger, und brachten sie auf den eisernen runden Tisch, darauf wir Markt spielten, meine vier Freunde und ich. Und sammelten die großen, vom Regen schon rostigen Blätter, rippten sie aus oder banden sie zu Kohlköpfen zum Verkauf für unseren Stand. Machten uns an die Sträucher, wir kleinen Räuber, denn nach den milchigen Knallerbsen war große Nachfrage. Vorsichtig legte ich eine nach der anderen den Jungens in die Hand. Ich durfte sie nur abpflücken und haftete für die Zahl.

Der Pülle-Kaufmann aber ließ heimlich, wie er versicherte, – unabsichtlich – ab und zu eine besonders dicke zur Erde fallen und knallte sie mit dem Absatz auf. Meine Freunde trappelten dann vor Wut auf die späten Beete; purzelten kopfüber in die Dornen der Rosenbüsche. Voll Kratzwunden, in den vielen Fingerchen Dornensplitter, lief jeder von uns heulend zu seiner Mama; trafen uns aber sehr bald wieder mit getrösteten Schokolademäulern am Garteneingang.

Dem Pülle klebte eine Korinthe in der Grube seines runden Kinns. Unser kleiner Garten war unser gemeinsames Spielzimmer geworden, das heißt, nur im Herbst, denn schon im Vorsommer trank „Frau Schüler“ unter der Silberesche mit ihren Töchtern Kaffee. Meine fünfjährigen Freunde hatten enormen Respekt vor meiner Mama, sie war auch gar nicht mit anderem Mamas zu vergleichen. Auch sprach sie französisch zu meinen älteren Schwestern, namentlich dann, wenn wir Kinder etwas nicht wissen sollten, meist handelte es sich um freudige Ueberraschungen. Nur in ihren Sonntagsanzügen wagten sich meine Spielgefährten schüchtern mit einer Bestellung von zu Hause an meine lächelnde, majestätische Mama heran, die sie aber auch dementsprechend wie junge Gentlemen aufmerksam behandelte, bis sie sich nach einer Weile manierlich mit einem tiefen Knicks und einem Stück Torte mit Frucht, gesittet verabschiedet, durch die Gartenpforte stolzen Mutes schoben.

Zwischen den lappigen, behaarten Blattohren reiften endlich die Haselnüsse! Von denen wußten nur Alfred Baumann und ich. Ich hatte Vertrauen zu ihm, er war auch schon sieben Jahre alt, trug das Haar an der Seite gescheitelt und nicht wie die Borsten einer Zahnbürste kratzköpfig zu Berge. Und seine herrlich karierte Krawatte paßte genau zu meinem Kleidchen. Er war mein Bräutigam – und duldete nicht, daß mich die anderen Jungens pufften. Er kehrte regelrecht über den Zaun geklettert zurück, wenn Paul Stern und der andere Pülle und der gelehrte Walter, der schon eine Brille trug, nach Hause rannten. Seine neuen großen Vorderzähne verstanden im Nu die Nüsse aufzuknacken, es krachte nur so, und wir guckten um uns wie emsige Eichhörnchen. Er gab mir stets den ersten Kern zu beißen, er war Kavalier, wenn er danach sich auch zwei Nüsse hintereinander aufknackte und die Schalen einfach in den Strauch zurückspuckte. Eine einzige von den geheimnisvollen Nüssen schmeckte uns besser, als eine ganze Düte auf dem Markt gekauft. Manchmal fanden wir auch noch Stachelbeeren und Johannisbeeren an einem Strauch, die mein Vater mit des Gärtners Beihilfe vermählt hatte. Ein kleines Naturspiel.

Streng verbotene Früchte, denn die pflückten meine Schwestern für die Köchin zur Beigabe des Bratens ab. Aber auch an unserem sauren Kirschbaum hing noch eine herzige, rote Kirsche oben am Gipfel ganz hoch im Geäst. Er blühte im Mai wie rosiger Schnee über dem Balkon unseres Turmes. Wir planten – der Alfred Baumann und ich – plötzlich flog eine Kohlmeise an uns vorbei, entdeckte die willkommene Speise; schon saß sie auf dem entblätterten Ast oben in der verblühten Krone, blähte sich, lachte rund ihr gefiedertes Bäuchlein auf und speiste uns die Kirsche vor der Nase weg.

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