Rudolf Braune – Das Arbeitsamt

Erzählung, abgedruckt in der „Vossischen Zeitung“ am 2. Februar 1930

Dies ist nicht die Geschichte von Anna Weißbach, denn die geht tiefer und hat mehr Kapitel, als diese Schilderung hier Sätze hat; dies ist auch keine Chronologie der Arbeitsämter, die müßte umfassender sein und dürfte kein Einzelschicksal darstellen, um das Leben jener Schicht zu verdeutlichen, die ihrem leerlaufenden Betrieb den Namen Stempelbude gab; dies ist einfach eine Episode, die den Zusammenstoß eines lebendigen, kräftigen, entschlossenen Menschen mit der Apparatur des Staates zeigt.

Anna Weißbach wurde am 16. Februar 1896 geboren, ihr Vater war Metallarbeiter, sie wuchs als viertes unter sechs Kindern auf, unbeaufsichtigt, früh selbständig, mit wunderbar hellen Augen. Wie diese Augen in dem Revier der Schlote, zwischen zwei Kneipen von Ecke zu Ecke, in einer finsteren Zwei-Zimmer-Wohnung der dritten Etage ihre Durchsichtigkeit behalten konnten, das war ein Wunder. Sonst unterschied sie sich in nichts von den anderen Arbeiterkindern, trieb sich mit ihnen auf den Halden herum, hungerte, arbeitete und verlor 1916 den Vater, der an der Westfront fiel. Dies hatte die einzige Folge, daß sie mehr arbeiten mußte als früher und weniger essen konnte. Die Schule erließ ihr ein Jahr, sie kam in eine Fabrik als Sortiererin, später als Packerin. Das Geld erhielt die Mutter, eine resolute, derbe Frau, die ihre Kinder mit Schlägen und Drohungen und einer stillen, unbewußten Liebe zu tapferen Arbeitern erzog. Anna hatte wenige Leidenschaften, sie war kurze Zeit im Wandervogel und ging dann zur Arbeiterjugend. Sie meldete sich aus der Kirche ab und setzte durch, daß sie zur Jugendweihe durfte, dies war allerdings ihre letzte Anstrengung auf diesem Gebiet, denn mit fünfzehn Jahren packte sie etwas anderes. Sie las ein Buch, wie es heißt, tut nichts zur Sache, es war ein schlechtes Buch, aber es vermittelte eine ungefähr richtige Vorstellung von der bürgerlichen Welt, die Anna in ihrem proletarischen Vorstadtviertel nur durch Vorhänge sehen konnte. Sie sah um diese Zeit, als sie Packerin war, auch die ersten Filme, die ihr neue Vorstellungen und neue Wünsche übermittelten. Man soll nicht glauben, daß sie nun phantastisch zu träumen begann, sie stand viel zu fest auf der Erde, auf einer dreckigen Erde, sie ußte von früh bis spät schuften, sie wußte, was Freitags in der Lohntüte war und wieviel Mutter dafür kaufen konnte, 1921, in der ansteigenden Inflation. Nein, sie steckte sich ihre ersten Ziele sehr kurz, ging in die Abendkurse der Volkshochschule und lernte dort Schreibmaschine und Stenographie. In dieser Zeit hatte sie ihr erstes Liebeserlebnis, eine kurze Geschichte mit einem Gymnasiasten, dem Sohn des Bäckers im Nebenhaus. Die Sache endete mit einer Enttäuschung, hinterließ aber sonst keine Spuren. Sie mußte noch ein ganzes Jahr warten, bis sie, mit außerordentlich guten Schreibmaschinenkenntnissen und 170 Silben in der Minute, eine Stellung in einem Rechtsanwaltsbüro und ein für damalige Zeit außerordentlich hohes Gehalt erhielt.

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Ueber die Verwendung dieses Geldes kam es zu Meinungsverschiedenheiten und schließlich zu einem großen Krach mit der Mutter, der damit endete, daß Anna sich, im selben Viertel, ein möbliertes Zimmer mietete und selbständig zu wirtschaften begann. Sie suchte übrigens die Mutter einige Zeit später wieder auf und versöhnte sich mit ihr, kehrte allerdings nicht in die alte Wohnung zurück. Sie hatte also ein Stück Wegs nach oben zurückgelegt, mit fünfzehn Jahren, sehr jung, allein und selbständig. Anna freute sich darüber. Sonst blieb sie die gleiche, war mäßig, tanzte wenig, las selten, ging öfter ins Kino und suchte sich ab und zu Jungens aus der großen Auswahl, denn sie war ein hübsches Mädchen geworden. Nach einer gewissen Zeit ließ sie jeden wieder laufen, keiner paßte richtig zu ihr, keiner hielt durch, ernst, aufrichtig, selbstbewußt, so wie Anna das verlangte. Sie beschäftigte sich häufig mit ihrer Zukunft und überlegte oftmals, wo hinaus die ganze Sache wohl ging; sie fing diese Betrachtungen mit ihrem Berufe an und kam schließlich auf das Leben überhaupt. Zu häufig schlug sie sich übrigens mit diesen gefährlichen Gedanken nicht herum, meistens nach Enttäuschungen, oft auch noch zu leichten Siegen. Sie blieb ziemlich klein und stämmig, ihre Brüste standen deutlich und kraftvoll vor, sie ging mit raschen, großen Schritten, sehr selbstbewußt und entschlossen. Allen fielen die hellen, schimmernden Augen auf, die fast nichts mehr von blauer Färbung zeigten. Mehrere Male wechselte sie ihre Stellung. 1923 starb plötzlich die Mutter, Anna stand allein, die Geschwister waren verstreut, sahen sich am Begräbnistag, drückten sich die Hände und gingen wieder auseinander, jedes einen anderen Weg.

Im Herbst 1924, mit achtzehn und einem halben Jahre also, eerhielt sie eine sehr gut bezahlte Stellung in einer Metallvertriebsgesellschaft als „Sekretärin“, das heißt, sie mußte die Besuchskarten entgegennehmen, anmelden, abweisen, die Telefonzentrale bedienen und die Botenjungen abfertigen. Ihr Gehalt betrug 175 Mark netto. Zu dieser Zeit lernte sie auf einem Ball Max Preußer kennen, einen jungen Metallarbeiter. Ihre erste Regung war sentimental, Max arbeitete nämlich in demselben Betrieb, der vor zehn Jahren ihren Vater beschäftigt hatte, , ja, es stellte sich sogar heraus, daß er in derselben Abteilung war. Anna sah ihn sich an, wie er an ihrem Tisch saß, sein Glas Bier vor sich, nie lächelnd, mit einem großen, breiten Gesicht. Er machte nicht viel Worte mit ihr, das gefiel diesem Mädchen, das schon oft auf eine sehr dumme Art angeschwärmt worden war. Sie sahen sich wieder, nicht mehr im Ballsaal, da wollte er nicht hin, sondern in Versammlungen und auch in seiner Wohnung. Er blieb gleich ernst, entschlossen, undurchdringlich, eng nebeneinander, überkam sie wie eine heiße Welle der Gedanke, daß dies der erste Mann sei, dem sie nicht überlegen war. Sie fragte ihn, und dies geschah alles in der gleichen Nacht, ob er sie heiraten wolle.

„Nein“, sagte er. „Warum?“ „Dies ist eine bürgerliche Form.“ „Gefalle ich dir nicht?“ „Du bist noch jung“, antwortete er, „du hast wenig Erfahrungen, du weißt auch nicht, wo du hingehörst, aber sicher wirst du es einmal wissen.“ Und nach einer Pause setzte er hinzu: „Ich habe dich sehr gern. Wollen wir zusammenziehen?“ Anna wohnte in Untermiete, nebenan war noch ein Zimmer frei, sie mieteten es dazu und zogen zusammen. Es war ein großes Arbeitermietshaus, sie wurden nicht sonderlich beachtet, ihre Wirtsleute waren ihnen freundlich gesinnt. Max ging morgens früh in der siebenten Stunde fort, Anna eine Stunde später.

Sie gab ihre Stelle nicht auf, erst kam ihr das etwas unbehaglich vor, bald aber merkte sie, daß dies eine gute und saubere Lösung war. Sie taten ihr Geld zusammen, sie hatten keine Leidenschaften, keine übergroßen Wünsche, sie konnten sparen. So vergingen Tage und Wochen, Anna war ruhig und zufrieden; manchmal sah sie, wie sich in ihrer Gegenwart das Gesicht ihres Freundes lockerte, dann überflutete sie eine Welle des Glückes wie in jener ersten Nacht. Ein Vierteljahr später, im August 1925, spürte sie, daß sie ein Kind bekommen würde. Sie sagte es Max, sie freuten sich. Ein wenig später, nach langem Ueberlegen, wagte sie ihn zu fragen, ob sie sich nun nicht standesamtlich eintragen lassen müßten, aber sie bereute die Frage sofort. „Es wird dein und mein Kind sein“, sagte Max. Sie war zufrieden.

Hier endet die Vorgeschichte, die das Bild dieses Mädchens verdeutlichen sollte; was jetzt kommt, ist nur eine Episode in ihrem Leben, wie es weitergehen wird, wissen wir nicht, das Leben ist groß und mannigfaltig. Wir können vielleicht sagen, Anna Weißbach und Max Preußer sind starke Menschen, gesunde Arbeiter, sie werden sich durchschlagen, sie werden nicht abgleiten. Ja, das können wir sagen. Aber wir wissen auch, das Schicksal, wie man das so nennt, kann stärker sein, nun, das alles gehört nicht mehr zu dieser Geschichte; wir wollen nur schildern, was weiter geschah, was sichtbar vor uns liegt, was klar erfaßbar ist.

Im September 1925 wurde Max Preußer mit tausend anderen Arbeitern entlassen und stand auf der Straße. Er ging stempeln und erhielt wöchentlich 13,20 Mark. Damit langte er übrigens, von Anna nahm er nichts und wurde einmal sogar heftig, als sie ihm einen Anzug kaufen wollte. Sie solle lieber an das Kind denken, sagte er. Trotz aller Bemühungen konnte er bis zum Jahresschluß auch keine Arbeit wieder finden.

1930 erscheint Braunes Roman
„Das Mädchen an der Orga Privat“
und wird sein größter Erfolg als
Schriftsteller.

Am 1. Januar 1926 wurde Anna gekündigt. Entsetzt und fassungslos las sie die Mitteilung. Max sagte nur: „Hättest ja sowieso aufhören müssen.“ Ja, sie sah an sich herab, ihr Bauch wölbte sich schon vor, sie war in letzter Zeit sehr schmal geworden, jetzt schien sie ganz zusammenzufallen. In diesem Moment, der sie schwach sah wie noch nie, stand ihr Max bei. Er war still und ruhig und sagte nicht viel, aber er half, er nahm ihr alle Arbeit ab, er kaufte ein, er machte auch den Vorschlag, das zweite Zimmer aufzugeben und nur noch eins zu behalten. Sie war mit allem einverstanden. Nur eins mußte sie noch selber tun, sich am Arbeitsamt anmelden, damit sie stempeln konnte. Sie verschob die Sache von Tag zu Tag und schließlich, als Max morgens einmal in die Stadt gegangen war, machte sie sich auf den Weg.

Sie ging gegen acht Uhr von ihrer Wohnung fort, Entlassungspapiere, Steuerkarte, Versicherungskarte und Personalausweis in der Tasche ihrer festen, dicken, grauen Wolljacke, denn der Morgen war kalt, Schnee stäubte über die Dächer, und der Himmel sah nicht gut aus.Sie ging über den Bahndamm, der die Vorstadt vom Zentrum trennt, durch frostklare Geschäftsstraßen, in denen erstaunlich viele Menschen geschäftig hin und her gingen. Dies war ein fremdes Bild für Anna, sie glaubte, nun, da sie arbeitslos sei, müßte alles in Stocken geraten, das Leben draußen hing noch eng mit ihren Gefühlen zusammen, sie konnte noch nicht scharf scheiden, übersehen, Abstand nehmen.

Die Hauptstraße dieser Stadt geht nach einer Weile in eine Baumallee über und endet auf einer steingepflasterten Erhöhung, die das Arbeitsamt trägt. Festungsartig liegt der Bau über den umliegenden niedrigen Häusern, der Baustoff ist Klinker, woraus man ersieht, daß dieses Haus erst in den letzten Jahren erbaut worden ist. Nein, man kann es eigentlich nicht ein Haus nennen, ein großer Komplex von Gebäuden schart sich zusammen, durch Höfe getrennt, mit Gängen verbunden, überfüllt mit untätigen Menschen, die hier auf den neuen Tag warten, auf die Anstellung, auf die Chance …

Als Anna hinkam, standen, wie jeden Morgen, viele Menschen vor dem Haus, junge Burschen, ältere Arbeiter, kaum eine Frau, alle im Gespräch, die Männer rauchend, die Zigarettenkippe ging von Hand zu Hand.

Anna wartete eine Weile und sah sich um. Sie wollte die Sache zu schnell wie möglich hinter sich haben, sie mußte ja auch rechtzeitig zu Hause sein, um die Kartoffeln aufzusetzen.

Da stand: Tor I – Unterstützungsempfänger – Rentenempfänger – Männliche – Angestellte. Vor dem Tor stand ein Mann in Zivil, mit blauer Mütze und weißer Armbinde, anscheinend ein Aufseher.

„Wo erhält man hier eine Stempelkarte ausgestellt?“

„Was? Stempelkarte? Haben Sie sich schon angemeldet?“

„Nein.“

„Tor drei.“

Der Abdruck in der Sonntagszeitung der „Vossischen Zeitung am 2. Februar 1930

Anna mußte um das Haus herumgehen, an der hohen Mauer entlang, an Tor II vorbei, bis zu einem Schild: Kontrolle – Weibliche – Erste Anmeldung.

Durch dieses Tor gingen viele, nicht nur Frauen. Alle hatten einen schnellen Schritt, keiner blieb stehen, jeder mußte auf der rechten Seite gehen, die linke war durch Seile abgetrennt. Man kam durch ein Tor, durch einen Gang. Elektrische Lampen brannten. Sie sah, die Wände waren kalkbeworfen, alles erschien ihr kalt und nüchtern. Ueber den vielen Türen standen Nummern und erleuchtete Schilde: Transportarbeiter, freie Berufe, Kellner, Bekleidungsindustrie, Hauspersonal. Der Strom riß sie fort, sie hatte ein beklemmendes Gefühl, sie mußte weitergehen, sie war nicht mehr die selbstbewußte Anna Weißbach, deren Leben hier geschildert ist, ein Leben mit Dingen, wie sie jeder erlebt, mit Kämpfen und vielen Niederlagen und einigen Siegen, mit Gefühlen und allerlei überflüssigem Klimbim, der uns die Geschichte schmackhaft machen soll, über den wir lachen und doch immer wiederholen, das alles also war ausgestrichen. Das einzige Empfinden, das sie noch hatte, war in unangenehm kaltes Gefühl im Magen. An einer Barriere ging es nicht weiter, sie wurde von einem Beamten angehalten, angeschnauzt und zurückgeschickt, sie mußte durch einen langen Quergang und dann in Zimmer 4.

Das Zimmer 4 unterschied sich von den anderen dadurch, daß mehr Leute vor der Tür standen. Einige junge Burschen kloppten Skat, eine Frau hielt ihr Kind an der Brust. Die anderen saßen still und untätig da. Anna setzte sich neben die Frau und kam schnell mit ihr in ein Gespräch. So erfuhr sie alles, was sie wissen mußte. Sie sollte ihre Papiere am Schalter abgeben, dann würde sie eine Nummer bekommen und diese Nummer würde aufgerufen. „Danke schön“, sagte Anna. Sie bekam die Nummer 64, es war noch nicht 9 Uhr, eine Stunde vorher hatten hier die Bürostunden begonnen, also würden wohl 64 Leute vor ihr abgefertigt werden.

Sie sah sich um. Alles erschien ihr noch verwirrend und unübersichtlich. Der lange Gang wurde von anderen Gängen gekreuzt. Ueberall standen die Leute still und geduldig vor den Türen und warteten. Ja, warten schien hier die Hauptbeschäftigung zu sein. Anna konnte nie untätig dasitzen und nun wurde sie dazu gezwungen. Sie saß also auf einer harten Holzbank, viel Sehenswertes gab es nicht, die Leute blieben schweigsam, und so kam es schnell, daß sie ihre Lage überdachte, traurig wurde, nicht aus noch ein wußte. Natürlich, das war ein Psychose, eine verständliche, aber die vielen Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, wurde sie nicht los. Sie war zum ersten Male arbeitslos, früher hatte sie sich oft nicht satt essen können, aber jetzt war doch alles anders und schlimmer. Da saß Max noch zu Hause, auch ohne Arbeit, und das Kind würde kommen, niemand wird sie unterstützen, nur hier, in der Stempelbude, werden sie ein paar Wochen lang ihre 13,20 Mark bekommen, und dafür muß man noch stundenlang herumsitzen und die Zeit vertrödeln. Glauben Sie denn, sagt Anna lautlos vor sich hin, wir hätten gar nichts anderes zu tun, als hier herumzustehen und an dumme Dinge zu denken? Ach ja, jetzt gehöre ich also auch dazu, behördlich verpflichtet, untätig zu sein. Sie glauben uns sicher nicht, wieviel zu Hause zu tun ist. Ich habe von morgens bis abends genug Beschäftigung.

So dachte Anna Weißbach. Aber diese Gedanken liefen bald leer, denn sie mußte lange warten und ihr fielen andere Dinge ein. Erst überlegte sie, wer an ihrer Entlassung schuld sei. Das war schon ein Schwächegefühl, doch dies ging vorüber. Jeder Arbeitslose, der zum ersten Male in der Stempelbude wartet, kommt auf diesen Gedanken, er beschuldigt sich selbst, vergleicht mit anderen, denen es besser geht und viele kommen nie davon los. Ganz kleine Dinge helfen manchmal darüber hinweg. Anna sagt sich: Sei froh, daß du wenigstens sitzen kannst, die anderen müssen stehen.

Ein Beamter kam ab und zu aus dem Zimmer 4 und rief jene Nummern auf, die an der Reihe waren. Einmal verstand Anna einenAufruf nicht genau, es war nicht möglich, daß dies ihre Nummer sei, aber sie sprang auf, stürzte bis zur Tür und hielt dann dem Beamten atemlos ihren Zettel hin. Der sah daran vorbei, rückte an seiner Brille und sagte: „Wenn Sie so übereifrig sind, komme ich überhaupt nicht mehr heraus.“ Damit verschwand er. Anna stand fassungslos da. Sie wollte etwas sagen und konnte nicht, sie fühlte, daß sie mit jedem Wort ihre Position verschlechtern würde, sie wußte plötzlich, daß sie hier schweigen mußte. Ein jämmerliches Gefühl der Ohnmacht schlug über ihr zusammen. Sie ging zurück, setzte sich, wagte niemand anzusehen, sie schämte sich, am meisten vor sich selbst.

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Gerade ihrer Bank gegenüber hing eine große Uhr an der Decke, in einer messingähnlichen Fassung. Den vorrückenden Zeiger zu beobachten, war besonders trostlos. Sie zwang sich, eine Zeit lang nicht hinzusehen und schätzte dann, wieviel Minuten inzwischen vergangen waren. Sie schätzte immer zu hoch. Anna Weißbach kam viertel vor elf an die Reihe; sie wurde in das Zimmer geführt, sie mußte ihre Papiere zeigen, sie bekam eine graue Karte, das Ganze dauerte kaum drei Minuten. Sie ging wieder hinaus und hörte noch, wie der Beamte nachrief: Saal I. Dies war also erst der Anfang.

Se ging hinauf in den Saal I, der sich erstaunlich von allen anderen Zimmern unterschied. Er schien vielleicht zuerst als Sitzungszimmer oder Festsaal bestimmt gewesen zu sein, die Decke wölbte sich sehr hoch, reich verzierte goldene Säulen schmückten ihn völlig zwecklos in der Mitte, die kleinen niedrigen Tische, an denen nur wenige Beamte saßen, verloren sich in dem ungeheuren Raume. Hinter diesen Tischen öffneten sich große Fenster gegen den Stadtpark, auch ein Stück Himmel darüber war noch sichtbar. Der Anblick erfreute, man konnte glauben, die Menschen würden hier ruhiger warten, zufriedener und mit mehr Hoffnung als in den dunklen Gängen. Die Menschen, die hier warten mußten, saßen gerade diesen Fenstern gegenüber an der Wand, sie bekamen neue Nummern, die in kurzen Zeitabständen aufgerufen wurden.

Merkwürdigerweise fühlte sich Anna durch das milde Bild draußen nicht beruhigt, ihr war etwas entglitten. Sie überlegte krampfhaft, was man noch von ihr wolle, warum sie hier noch einmal warten mußte. Ihr erschien alles trostlos, einen Augenblick lang hatte sie das komische Gefühl, die Bewegungen ihres Kindes zu spüren, aber ihre Nerven waren doch so intakt, daß sie über diese Hysterie hinwegkam und mit einiger Fassung bis zwanzig vor eins warten konnte. Da wurde ihre Nummer aufgerufen.

Sie ging quer durch den großen Saal, es war wie auf der Bühne, auch Lampenfieber war da; sie ging um den Tisch herum und setzte sich auf einen Stuhl, auf den der Beamte hinwies. Der Mann saß in Zivil da, er hatte nicht einmal einen jener grauenhaft kalten, weißen Mäntel an, die man in diesem Hause häufig sehen kann, er sah fast freundlich aus, mit einem breiten, roten Gesicht und wild zurückgestrichenen Haaren. Er erkundigte sich nach dem Namen, nach Wohnung, letztem Arbeitgeber, er ließ sich die Papiere zeigen und alle Zeugnisse, Anna mußte dankbar an Max denken, der ihr alles herausgesucht hatte, was sie hier brauchen würde. Sie mußte überhaupt an Max denken, sie sah zur Uhr hinüber, der Hauptzeiger rückte der ersten Stunde immer näher. Max würde zu Hause sitzen und nicht wissen, wo sie war, kein Essen kocht auf dem Ofen, im Zimmer wird es kalt sein und sie saß ohnmächtig hier und konnte nicht einmal sagen: Bitte, machen Sie schnell! Sie mußte nun einen Schein mit zwanzig Rubriken genau ausfüllen und wieder eine Weile warten, alles bestand hier aus warten; schließlich reichte ihr der Beamte ihre Karte zurück, fragte nochmals, ob sie in Untermiete oder bei ihren Eltern wohne. Und da überkam sie ein trotziges und vielleicht auch stolzes Gefühl, und sie sagte: „Nein, ich wohne bei meinem Mann.“ Der Beamte schien erst nicht genau gehört zu haben, er blätterte in den Papieren zurück, sagte: „Es ist gut“ und sah nicht auf. Aber, als sie schon weggehen will, ruft er nach: „Hier steht doch, daß Sie ledig sind.“ „Ja“, sagt Anna, „wir sind nicht standesamtlich getraut, aber wir leben zusammen.“

Jetzt sieht der Beamte auf, er hat graue Augen, sein Mund steht etwas offen, er hat sich an diesem Morgen nicht rasiert, das alles sieht Anna ganz genau. „Aber das geht doch nicht“, sagt er langsam.

„Doch“, antwortet Anna, „ich bekomme auch ein Kind.“ Sie fühlt, wie ihre Stimme weinerlich wird und setzt schnell hinzu: „Seit heute morgen stehe ich nun hier und vertrödle meine Zeit.“

Der Beamte sieht an ihr herab, dann wieder in seine Bogen, sein Gesicht verändert sich nicht, er hebt nur den Bleistift auf und zeigt damit nach ihr hin: Dann können Sie aber auch keine Unterstützung bekommen …“

Ihre Augen werden starr.

„Die bekommt dann Ihr Mann für Sie mit …“

„Warum kann ich keine Unterstützung bekommen?“

Der Saal ist groß und hohl, die Worte hallen schwer und unerträglich; da sitzen Beamte, die wollen etwas, die haben etwas gegen dich, warum springst du ihnen nicht ins Gesicht? Nein, sie ist zu schwach, sie sieht nur in die grauen Augen, sie sagt nichts mehr.

„Ja, liebe Frau, wir müssen den Fall erst mal nachprüfen, kommen Sie übermorgen wieder, Zimmer 12, um dieselbe Zeit. Nehmen Sie diesen Zettel mit.“

Anna Weißbach verläßt kurz vor zwei Uhr das Arbeitsamt, dies also war der erste Tag, ihr Kampf hatte begonnen.

Im milden, klaren Himmel dieses Januarmittags schwamm keine Wolke, der Himmel war blau, und ein heller Streifen Sonne fiel über die Straße und über die Menschen.

Anna Weißbach sah die Sonne und den Himmel nicht, als sie nach Hause ging, an ihr Tagewerk, an ihre Arbeit im Haushalt, die schon auf sie wartete, gleichmäßig wie jeden Tag.

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