Ludwig Hirschfeld – Besuch um Mitternacht

Komödie in einem Akt, veröffentlicht in UHU, Januar 1925

Personen:

Dr. Erich Wulff.

Sylvia.

Striebel.

Stimme des Verehrers.

Stimme des Hoteldirektors.

Elegantes Hotelzimmer. Licht eingerichtet. Im Hintergrunde Glastür mit weißen Vorhängen, die auf den Balkon führt. Links die verschlossene Tür des Nachbarzimmers, rechts vorn Tür zum Korridor, rechts rückwärts große, mit Vorhang verschlossene Türöffnung zum Schlafzimmer. Das Mobiliar besteht aus einem kleinen Schreibtisch mit Tischtelephon, einer Ottomane, einem kleinen Tisch mit Sitzgarnitur, Spiegelkasten, Toilettentisch mit kleinem Wandschrank. Auf dem Schreibtisch , sehr deutlich sichtbar, eine große eingerahmte Photographie eines Mannes Ende der Vierzig von etwas strengem, ernstem Gesichtsausduck. Beim Aufgehen des Vorhanges ist die Bühne dunkel, durch die Balkontür dringt ein matter Lichtschimmer. Bei geöffneter Balkontür hat man den nächtlichen Ausblick auf einen Park. Bei Beginn ist die Tür geschlossen.

1. Szene

(Sylvia, dann Stimme des Verehrers.)

Die Bühne ist eine Weile leer. Dann tritt Sylvia, eine elegante, mondäne Frau Ende der Zwanzig, von rechts vorn ein. Sie trägt Sommerabendkleid, leichtes Cape und Hut. In der Hand Handschuhe und ein kleines Täschchen. Sie dreht an dem Schalter neben der Eingangstür, volle Beleuchtung. Dann sieht sie auf ihre Armbanduhr, überlegt eine Weile und richtet den Blick auf die Tür des Nachbarzimmers. Ihrem Mienenspiel ist eine gewisse Unruhe und Unschlüssigkeit anzumerken, die sie mit einem leichten Achselzucken abzuschütteln sucht. Sie öffnet die Balkontür, lehnt sich an den Türrahmen und blickt nachdenklich in die Nacht hinaus.

Stimme des Verehrers (von unten): Küß die Hände, Frau Sylvia.

Sylvia (fährt ein wenig zusammen): Ja … guten Abend … wer ist’s denn? Ich sehe nicht (Tritt auf den Balkon hinaus und beugt sich über das Geländer.)

Verehrer: Aber, ich bin’s ja … der Bertl …Sie werden doch nicht schon oben bleiben.

Sylvia: Ich bin heute so müde … ich weiß nicht, was das ist.

Verehrer (erstaunt): Müde? Gerade heute, wo der Herr Gemahl abgereist ist …

Sylvia: Ja, ich habe meinen Mann auf die Bahn begleitet, und da war es so heiß … Migräne habe ich auch … Seien Sie mir nicht bös‘, lieber Bertl, ich brauche jetzt Ruhe.

Verehrer: Das ist wirklich nicht schön. Ich hab mich schon so gefreut. Erste Trennung vom Mann, großer Abschiedsschmerz – ich warte nur darauf, Sie zu trösten.

Sylvia: Was erlauben Sie sich? Bisher waren Sie immer so artig.

Verehrer: Ihr Mann ist doch erst vor einer Stunde abgereist.

Sylvia (das Gespräch abbrechend): Gute Nacht.

Verehrer: Also wirklich nicht? Heute wird getanzt … Ich bin verzweifelt. Der ganze schöne Abend ist mir verdorben. Leben Sie wohl … (Er entfernt sich, dann hört man ihn mit lustiger Stimme rufen: „Ah! Fräulein Lilli, ich warte schon die längste Zeit auf Sie …“)

Sylvia (geht ins Zimmer zurück, bleibt unwillkürlich vor dem Bilde am Schreibtisch stehen, sieht es eine Weile an. An der Tür links dreimaliges markantes Klopfen.)

Sylvia (zuckt zusammen, geht auf die Tür zu, bleibt auf dem Wege zögernd stehen, gibt sich dann einen Ruck und klopft in der gleichen Weise zurück. Sie schließt die Balkontür, schaltet den Hauptlüster aus und eine am Kopfende der Ottomane befindliche Stehlampe ein. Dann atmet sie tief auf.)

2. Szene

(Sylvia, Dr. Wulff.)

Wulff (ein sehr schneidig aussehender junger Mann,Mitte der Dreißig, in elegantem Sommeranzug, ohne Hut, öffnet die Tür rechts sehr vorsichtig und tritt leise ein. Er bleibt einen Augenblick bei der Tür stehen und horcht hinaus. Er versperrt die Tür.)

Sylvia (an den Schreibtisch gelehnt, erregt flüsternd): Hat Sie niemand gesehen?

Wulff (flüsternd): Kein Mensch. Alles unten beim Tanz.

Sylvia: Bitte, gehen Sie lieber … Ich weiß nicht, was mir da eingefallen ist. Gehen Sie, gehen Sie …

Wulff (kommt näher): Aber Sylvia, seit drei Wochen warte ich auf diesen Augenblick… Bisher habe ich Sie immer nur einen Moment allein sprechen können, kaum Ihre Hand küssen … immer zu dritt … endlich heute … Ihnen sagen zu können …

Sylvia (nervös): Ja, ja … kommt heute Abend noch ein Zug?

Wulff: Nein, heute kommt kein Zug mehr. Und der Zug, mit dem Ihr Mann abgereist ist, der ist pünktlich in Klagenfirt eingetroffen und ordnungsgemäß weitergefahren. Ich habe mich erkundigt. Ich denke an alles. Sie haben nichts zu fürchten. Heute Nacht ist dieser Ort von der Welt vollkommen abgeschnitten … (Geht auf sie zu, so daß er gerade im Lichtkegel der Stehlampe steht.)

Sylvia: Um Gottes willen … stellen Sie sich doch nicht gerade ins Licht – man kann Sie von unten sehen.

Wulff: Kein Mensch kümmert sich um uns. Und Ihnen wird bestimmt niemand etwas nachsagen, – einer Frau, die so unnahbar ist. (Greift nach ihrer Hand und küßt sie.)

Sylvia: Lassen Sie mich … je mehr Sie mich beruhigen wollen, desto unruhiger werde ich. Ich verstehe mich nicht … in den fünf Jahren meiner Ehe habe ich mir nicht so viel vorzuwerfen gehabt … warum ich gerade Ihnen … ich weiß selbst nicht …

Wulff: Weil es Ihnen genau so ergangen ist wie mir. Gleich damals, wie wir uns zum erstenmal im Speisesaal gesehen haben … erinnern Sie sich … da haben wir beide sofort gewußt …

Sylvia: Ja, ich gebe es zu, Sie waren mir sofort sympathisch. Ihr ganzes Auftreten … Sie sind so ganz anders als …

Wulff: Gott, Ihr Mann ist ja ein sehr netter Mensch, aber etwas ungemütlich.

Sylvia: Er ist ein guter Mensch, aber er kann es nicht zeigen. Er ist immer so ernst und streng – ich fürcht‘ mich oft vor ihm.

Wulff (streichelt sie): Arme, kleine Frau. Da haben Sie wohl oft mit ihm unangenehme Auftritte?

Sylvia: Nein, dazu ist es noch nie gekommen, er sagt nie ein schroffes Wort, aber er braucht mich bloß anzusehen … ich könnte den Mann nie belügen. Es wäre auch ganz vergeblich … Wenn er jetzt plötzlich zurückkäme, wenn ich ihm ganz allein entgegentreten würde, ich brauchte kein Wort zu sagen, und er wüßte alles.

Wulff: Beruhigen Sie sich doch. Er kann nicht zurückkommen, heute bestimmt nicht. (Zärtlich werdend.) Warum sollen wir uns so überflüssige Sorgen machen? Vergessen wir alles, was sein könnte, und denken wir nur an das, was jetzt ist …, daß dieser Abend uns gehört, daß niemand etwas von uns weiß, und daß wir so glücklich sein können, wie wir wollen … (Will sie küssen.)

Sylvia (sucht sich ihm zu entwinden): Nicht, nicht … bitte lassen Sie mich … Ich will nicht …

Wulff: Aber das ist ja nicht wahr, du willst. Nur dein Mund sagt noch nein. Ich fühle es ja … Du hast mich lieb und sehnst dich danach, es mir zu beweisen …

Sylvia: Nein, nein … sprechen Sie nicht weiter …

Wulff: Ich sage kein Wort mehr … (Küßt sie.)

Sylvia (gibt mit einem plötzlichen merkbaren Ruck ihren letzten Widerstand auf und lässt sich willenlos küssen. Im Kuß versucht sie noch zu sagen): Nein, nein …

Wulff: Was du für einen süßen Mund hast … So habe ich mir deine Küsse vorgestellt … Die ganze Zeit hab‘ ich daran gedacht, wie ich dich küssen werde.

Sylvia: Ja, auch ich hab‘ mich danach gesehnt. Wenn du mich angesehen, wenn du eine Hand berührt hast, da hab‘ ich mir immer gewünscht: Er soll mich nur einmal küssen …

Wulff (zieht sie auf den Schoß): Nur einmal küssen? (Stürmische lange Umarmung).

(Man hört vom Balkon her ein kurzes dumpfes Geräusch, als ob jemand auf dem Holzboden etwas heftiger aufgetreten wäre. Dann ist es sofort wieder still.)

Sylvia (fährt aus der Umarmung sofort wieder erschrocken auf und horcht; halblaut): Was war das?

Wulff: Ich habe nichts gehört, , du irrst dich. (Will sie wieder an sich ziehen.

Sylvia (macht sich los, steht beunruhigt auf, spricht leise): Ganz bestimmt. Es muß jemand draußen auf dem Gang stehen … vor der Tür … (sie geht auf den Zehenspitzen zur Tür rechts und horcht.)

Wulff: Aber lächerlich, wer soll denn jetzt …

Sylvia (sehr leise und angstvoll): Da draußen steht jemand, ich höre ihn deutlich atmen … Am Ende … entsetzlich … Sie müssen fort.

Wulff (ist aufgestanden, leise): Aber Sylvia.

Sylvia: Sie müssen verschwinden.

Wulff: Wohin? In mein Zimmer zurück … das wäre noch auffallender.

Sylvia: Also auf den Balkon. Dort können Sie sich unbemerkt verstecken.

Wulff (achselzuckend): Wenn es Sie beruhigt … aber Sie irren sich, es ist gar kein Grund zur Angst. (Öffnet die Balkontür.)

3. Szene

(Die Vorigen, Striebel.)

Striebel (kräftiger Mann, Ende der Vierzig, in Wesen und Kleidung wie ein kleiner solider Handwerker, von gutmütig behaglichem, aber klugem Gesichtsausdruck, steht, an ein kleines Rohrtischchen gelehnt, auf dem Balkon und blickt sehr ruhig und gemütlich herein. Er nickt beiden wohlwollend lächelnd zu.)

Wulff (weicht erschrocken, aber forciert kaltblütig einen Schritt zurück und stößt einen gedämpften Laut der Überraschung aus): Ah! …

Sylvia (hat gedämpft, aber entsetzt aufgeschrien, weicht angstvoll zurück und blickt Striebel wie eine unheimliche Erscheinung an): Wer … sind Sie?

Wulff (mit betonter Energie): Jawohl, wer sind Sie?

Striebel (ohne sich zu rühren, unverändert gemütlich): Sehr schöner Abend heute … nicht wahr?

Sylvia (in einer angstvollen, wirren Vermutung): Wer hat Sie … ? Wie kommen Sie hierher?

Wulff (schärfer): Wie sind Sie auf den Balkon gekommen?

Sylvia: Es ist gemein, eine Frau auf diese Art …

Wulff: Infam ist es.

Striebel (freundlich entschuldigend): Mein Gott … es ist eben mein Beruf …

Sylvia: Ihr Beruf …?

Wulff: Netter Beruf.

Striebel: Ja, ja, mein Beruf. Wie jeder andere. Kein leichter Beruf. Sehr großes Risiko. Aber man kann sich nichts aussuchen. Jeder hat seinen Beruf, wozu er taugt, wozu er bestimmt ist. Der eine, der wohnt in dem eleganten Hotel, geht vorn ungeniert hinein, der Portier sagt: „Habe die Ehre, ergebenster Diener.“ Der andere muß vom Balkon bei Nacht heimlich einsteigen … sehr unbequem. Aber auch ein Beruf.

Sylvia (sichtlich beruhigt): Also ein Einbrecher …

Wulff (klemmt das Glas ein, nimmt Haltung an): Ein Einbrecher!

Striebel: Sehr richtig bemerkt. Ein Einbrecher … muß es auch geben.

Wulff: Das ist doch unglaublich. Mitten in der Nacht.

Striebel: Bei Tag wäre mir’s auch lieber. Tut mir leid um jede schlaflose Nacht, die ich mir bereiten muß – und natürlich auch den anderen.

Wulff: Und so etwas passiert in einem erstklassigen Kurort, wo man zur Erholung ist. Nette Zustände.

Sylvia (ihn ängstlich beruhigend): Um Gottes willen, nicht schreien. Er wird schon mit sich reden lassen.

Striebel: Natürlich lasse ich mit mir reden. (Tritt ins Zimmer, schließt die Balkontür hinter sich.)

Wulff (auf ihn heftig losgehend): Aber was, ich packe den Kerl einfach.

Striebel: Einfach packen? Bitte sehr (zieht einen Browning und hält ihn Wulff vors Gesicht.) Vielleicht da …?

Sylvia (kreischt gedämpft auf, mit ängstlich schützender Gebärde.)

Striebel: Bitte nur keine Aufregung. Der Revolver ist wirklich scharf geladen, 6 Schüsse, aber ich schieße sehr ungern … ich bin überhaupt kein gefährlicher Mensch. Außer, wenn mir die Herrschaften oder die Polizei Scherereien machen. Sonst bin ich sehr gemütlich. Gewalt, Chloroform oder solche ordinären Mittel, das gibt’s bei mir nicht. Ich arbeite sehr solid – aber Sie werden ja sehen. (Geht zur Tür rechts.) Sie gestatten, daß ich Licht mache. Man will ja schließlich sehen, mit wem man es zu tun hat … (Schaltet den Mittellüster ein.) Prachtvolles Zimmer. Appartements mit Bad … das kostet was. Bin genau orientiert. Ich gehe nicht in jedes Zimmer. Nur zu besseren Herrschaften. Ich bitte Sie, bei dem Risiko! (Er prüft sachverständig einige Gegenstände, nimmt vom Toilettetisch eine Dose.) Louis seize? Ist das echt? Diese Antiqitätenhändler sind die größten Gauner. Da kann man nicht genug vorsichtig sein …

Wulff: Der Kerl richtet sich ja hier häuslich ein. Da möchte man doch …

Striebel (dreht sich sofort zu ihm, zielt mit dem Revolver, dabei sehr nett): Möchten Sie doch …? Wär‘ mir sehr unsympathisch. Wo wir uns jetzt schon so gut vertragen.

Sylvia: Ja, sagen Sie mir nur … wie sind Sie auf den Balkon gekommen – im zweiten Stock?

Wulff: Die Kerls klettern wie die Katzen.

Striebel: Keine Spur. Ich kann’s, wenn’s sein muß. Auch vier Stockwerke. Aber hier ist das nicht nötig. Ein Hotel im Schweizer Stil, lauter Balkons, alle in Verbindung. Nebenan ein leeres Zimmer – kinderleichte Sache. Ich liebe den Schweizer Stil …

Sylvia (beunruhigt): Da sind Sie wohl schon eine ganze Weile auf dem Balkon gestanden?

Wulff: Und haben gehorcht?

Striebel: Tu‘ ich nicht, tu‘ ich nicht. Fremde Geheimnisse sind mir heilig. Ich hab‘ genug mit dem Eigentum zu tun. Bloß hereingeschaut habe ich ein bißchen … Sie verzeihen, das sind so die kleinen unschuldigen Freuden meines Berufes.

Sylvia: Hereingeschaut? Eben jetzt? Entsetzlich.

Wulff: Sehr peinlich.

Striebel: Aber warum denn? Sie brauchen sich doch nicht zu genieren. War sehr nett. Hat mir sehr gut gefallen. Die zärtliche Umarmung …

Sylvia: Sie dürfen deshalb nicht glauben …

Striebel: Natürlich glaub‘ ich’s. Sie haben sich wirklich gern. So gehört sich’s auch bei verheirateten Leuten.

Sylvia (erleichtert, lächelt Striebel zu und sucht sich gleichzeitig mit Wulff mit einem Blick zu verständigen): Verheiratet … ja natürlich …

Wulff: Ja, ja, verheiratet. Alles ganz legitim.

Sylvia: Aber erst kurze Zeit …

Striebel: Jung verheiratet? Doch nicht Hochzeitsreise? Flitterwochen? Wenn ich das gewußt hätte …

Sylvia: Nein, nein, so arg ist es nicht. (Zu Wulff mit Betonung, um ihn aufmerksam zu machen, den Ehemann besser zu spielen.) Nicht wahr, Erich?

Wulff (gekünstelt zwanglos): Wie meinst du, Sylvia?

Striebel: Also wie lange sind die Herrschaften schon verheiratet?

Wulff: Drei Jahre.

Sylvia (fast gleichzeitig): Zwei Jahre.

Striebel (etwas verwundert): Zwei – drei …. wieso?

Sylvia: Wir wissen es manchmal selbst nicht genau. Die Zeit ist uns so rasch vergangen …

Wulff (nüchtern): Wie im Traum. Drei Jahre lang wie ein Traum.

Striebel: Drei Jahre? Und dann sind sie noch so (deutet eine zärtliche Umarmung an) miteinander? Kolossal. Gefällt mir sehr gut.

Sylvia: Es war eine Liebesheirat.

Wulff (sachlich): Sehr richtig, liebes Kind, das war es.

Striebel: Sehr seltsam, heutzutage. Ich weiß das am besten. Ich komme ja viel herum. In den feinsten Häusern … Man macht seine Beobachtungen. Diese modernen Ehen: Er betrügt sie, sie betrügt ihn, beide wissen es – was ich oft für Briefe finde, skandalös. Es ist mir direkt peinlich, bei solchen Herrschaften einzubrechen. Verkehren möcht ich mit solchen Leuten nicht …

Wulff: Erstaunlich, was Sie für moralische Grundsätze haben.

Striebel: Gar nicht erstaunlich. Hat mit meinem Beruf nichts zu tun. Privatmoral. (Sieht Wulff forschend an.) Ich weiß nicht – Sie kommen mir so … nein, unmöglich. Wo leben denn die Herrschaften für gewöhnlich?

Sylvia: Das ist doch egal.

Wulff: Bald da, bald dort.

Striebel: Nicht in Leipzig … Merkwürdig … Ich weiß nicht, der Herr kommt mir so bekannt vor.

Wulff (etwas verwirrt): Ich wüßte nicht woher, Sie irren sich …

Striebel: Sie sehen ganz anders aus … und doch …

Wulff (abwehrend): Eine Täuschung …

Striebel: Sie erinnern mich so …

Sylvia: An wen denn?

Striebel: An einen ekelhaften Kerl – aber Sie sind es nicht. Unmöglich. Der war viel älter … Nein, nein. Der, den ich meine, der hat sicher keine so nette Frau. Überhaupt, ihr seid beide reizende Leute. Richtiges glückliches junges Paar. So hab‘ ich’s gern. Ist schon Familie da?

Wulff: Kann nicht dienen.

Sylvia: Noch nicht …

Striebel (vorwurfsvoll): So fesche junge Leute? Da zuschauen. Muß auch sein. Nehmen Sie sich an mir ein Beispiel. Ich hab‘ drei Stück. Lauter Buben. Prächtige Buben und so brav.

Wulff: Auch in Ihrem Beruf tätig?

Striebel: Gott bewahre. Bei der Konkurrenz heutzutage. Mit Bohrer und Dietrich arbeiten, das ist ja veraltet. Ich bin meinen Jungen ein guter Vater, sie sollen es besser haben. Die laß ich nicht einbrechen. Die sollen gleich lieber mit Valuten anfangen … Aber es ist wunderschön. Wird bei Ihnen auch noch kommen. Wenn man so (Gebärde der Umarmung) miteinander ist …

Wulff (mit mühsam verhaltener Gereiztheit): Es ist wohl nicht der Zweck Ihres Besuches, uns gute Lehren zu geben. Sie haben wohl (Gebärde des Diebeszirkels) greifbare Absichten.

Striebel: Allerdings, allerdings. Geschäft ist Geschäft. Aber heute fällt es mir direkt schwer. Gar nichts wegtragen, das geht leider nicht. Das wäre gegen mein Geschäftsprinzip. Vielleicht bloß eine Kleinigkeit, irgendein Andenken, zur Erinnerung an die schöne Stunde … (Geht zum Schreibtisch, bemerkt die offene Schmuckkassette, greift hinein, holt einige Stücke heraus.) Aha, Familienschmuck. Alles punziert … ich hab‘ ja gewußt: bessere Leute. (Bemerkt das Bild.) Wer ist denn das? (Zu Sylvia.) Der Herr Papa?

Sylvia (verwirrt): Ja … nämlich … das ist …

Striebel: Sehr sympathischer Mann. Schaut so herzlich und gutmütig drein. (Nimmt das Bild in die Hand.) Da steht ja was drauf – man darf doch lesen? (Liest.) „Meine liebe Sylvia! Nach fünfjähriger Ehe trennen wir uns heute zum erstenmal. Deshalb stelle ich Dir mein Bild auf den Schreibtisch, damit Du Deinen Mann immer ansehen kannst, wenn Du Dich einsam oder unsicher fühlst. In treuer Liebe Dein Karl.“ Karl – Karl? Sie heißen doch Erich? Und sehen ganz anders aus …

Sylvia (verwirrt): Natürlich … Das Bild stellt nämlich meinen ersten Mann vor, von dem ich schon lange geschieden bin.

Wulff: Aus seinem Verschulden.

Striebel (liest wieder, dann mit zunehmender Gereiztheit und Entrüstung): Lang geschieden? … Wie lang denn? … Bemühen Sie sich nicht. Ich werde es Ihnen ganz genau sagen. Seit heuge geschieden … was? Sie haben vergessen, daß auf dem Bilde Ihres lang geschiedenen Mannes das heutige Datum steht! … Was sagen Sie jetzt? Jetzt sagen Sie gar nichts. Aber jetzt werde ich Ihnen etwas sagen. Ein Skandal ist das. Da glaubt man einmal eine glückliche Ehe zu finden, und dann ist es bloß – ich will gar nicht aussprechen. Wenn ich das gewußt hätte, dann hätt‘ ich gar nicht hereingeschaut.

Sylvia (hilflos): Sie irren sich. Es hat nur so ausgesehen.

Striebel: Nur so? (Gebärde der Umarmung.) Was denn noch? … Und ganz ungeniert vor dem Bild des Mannes. Ein so braver Mann, dem man die Güte ansieht. Und wie gewählt er sich ausdrückt … kaum ist er einen Tag fort, wahrscheinlich geschäftlich, gleich wird er betrogen. Es ist niederträchtig. Gibt es denn gar keine anständigen Menschen mehr? …

Wulff (in zunehmender Erregtheit und Heftigkeit): Unglaublich! Sie haben es nötig, sich sittlich zu entrüsten. Ein Mensch, der gewohnheitsmäßig einbricht.

Striebel: Tu‘ ich, gewiß, tu‘ ich. In Wohnungen, in Kassen, aber in eine Ehe – nie!

Wulff: Unverschämt! Sehen Sie, Frau Sylvia, ich habe Ihnen gleich gesagt, Sie sollen sich mit dem Menschen nicht einlassen.

Sylvia: Aber nicht. Sie reizen ihn noch mehr … Der Herr wird gewiß keinen Gebrauch machen und eine schwache, hilflose Frau uns Unglück stürzen.

Striebel: Auf einmal hilflos, schwach? Das früher (Gebärde der Umarmung) war gar nicht hilflos, gar nicht schwach. (Schreiend.) Das war sehr stark! Und mir so eine Komödie vormachen. Einem harmlosen Besuch, der es ehrlich mit Ihnen meint … Aber jetzt gibt’s auch keine Nachsicht mehr, keine Schonung. Jetzt will ich kein Andenken, keine Erinnerung. Gar nichts. Jetzt nehm‘ ich die ganze Kassette … (Greift danach.)

Wulff (vor Zorn und Erregung vibrierend): Das lasse ich mir nicht länger bieten. Jetzt muß ich …

Sylvia (hält ihn angstvoll beschwichtigend zurück): Um Gottes willen, nicht. Lassen Sie ihn … Der Mensch ist zu allem fähig.

Wulff: Das ist mir ganz egal! Ich kann da nicht ruhig zusehen. Ich darf nicht, nicht ich!

Striebel (vor sich hin, als ob ihm allmählich etwas dämmern würde): Dieser Ton … den kenn‘ ich, diesen Ton …

Sylvia (exaltiert, verzweifelt, fast schluchzend): Erich, ich flehe Sie an … lassen Sie ihn. Er wird sich rächen, alles verraten … lassen Sie ihn.

Wulff (drängt sie weg, reißt sich los): Keine Angst, Sylvia. Ducken wird er sich, wenn er weiß, mit wem er es zu tun hat. Mit dem Kerl muß man in der Tonart reden, wie er es gewöhnt ist.

Striebel (ihn wie ein Phantom anstarrend): Dieser Ton … Die Stimme … die muß ich schon wo gehört haben …

Wulff (geht auf ihn zu, hoch aufgerichtet, mit kalter Schärfe): Diese Stimme – die haben Sie schon gehört – Wilhelm Striebel! … – Alter, oft abgestrafter Verbrecher!

Striebel (ihn anstarrend, vor sich hin,als ob er alles erst allmählich begreifen würde): Er ist es … aber wie kann ein Mensch sich so … Damals schwarzer Talar, Schnurrbart, Hornbrille – finster und unerbittlich … aber er ist es, er ist es!

Wulff: Natürlich bin ich es. Erich Wulff, Staatsanwalt am Leipziger Landgericht, das Sie wegen Einbruchs und gemeinen Raubes zu acht Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt hat. Jetzt erkennen Sie mich wohl?

Striebel (scheinbar klein): Ja … Jetzt erkenn‘ ich Sie … (Mit einem Blick durchs Zimmer und auf Sylvia.) Ja, jetzt kenn‘ ich Sie, noch besser als damals … ohne Talar, ohne Brille … fescher junger Mann, Monokel, Sommeranzug, schöne Frau … jetzt kenn‘ ich Sie erst.

Wulff: Sind wohl ausgebrochen aus dem Zuchthaus? Steckbrieflich gesucht? Man wird Sie finden und Ihnen noch etwas draufgeben. Darauf garantiere ich Ihnen.

Striebel (lauernd, allmählich ausholend): So … Herr Staatsanwalt garantieren?

Wulff: Verlassen Sie sich drauf. Sie haben Pech, mein Lieber, daß Sie gerade hier hereingeraten sind, in die Falle.

Striebel: Ich … ich habe Pech? … Gerade hier – eine Falle? Natürlich eine Falle.

Sylvia: Herr Doktor, mäßigen Sie sich. Es ist ja schrecklich …

Striebel: Er soll nur, das ist der Ton, der für einen Kerl wie mich paßt.

Wulff: Was, Stirebel, Sie haben wohl nicht gedacht, mir so bald wieder zu begegnen?

Striebel: Gedacht – nein. Aber gehofft, immer gehofft.

Wulff: Was sagen Sie?

Striebel (mit wachsendem leidenschaftlichem Ausdruck): Gehofft, jawohl, gehofft … Gott darum gebeten … einmal dem Herrn Staatsanwalt Dr. Wulff gegenüberzustehen … Kein Tag, an dem ich das nicht gehofft habe. Seit damals, seit Ihrer berühmten Rede. (Ihn nachahmend.) „Dieser Striebel, meine Herren Geschworenen, gehört zu den Verbrechern, die nicht zu bessern, nur unschädlich zu machen sind. Er kennt kein Gewissen, keine Moral. Er handelt nicht bloß aus Habgier, sondern aus niedrigen Instinkten, aus Freude am Bösen und Schlechten. Wenn Sie ihn einstimmig schuldig sprechen, erfüllen Sie nur Ihre Pflicht, die gesittete Gesellschaft von einer Bestie in Menschengestalt zu schützen.“ Oh, ich kann sie noch auswendig, Ihre herrliche Rede.

Wulff: War es nicht so? Haben Sie Ihre acht Jahre nicht verdient?

Striebel: Acht Jahre … das war es nicht. Aber die Rede, der Ton … die hochmütige, unmenschliche Verachtung. Bin ich kein Mensch? Ich habe gestohlen, eingebrochen … was wissen denn Sie? … Bestie … Habe ich nicht Familie, Kinder, drei brave Jungen – aber kein Mensch. Was wissen denn Sie …

Wulff: Lächerlich. Spielen Sie nicht den edlen Gauner, der sich aufopfert. Den Trick haben Sie schon in der Verhandlung vergeblich versucht. Sie sind vollständig überführt worden. Nicht bloß des großen Kasseneinbruchs, auch des gemeinen Raubes an der alten kranken Frau –

Striebel (dazwischen aufschreiend): Nein, nein!

Wulff: Die Sie in einer grausamen Weise betäubt haben, daß es schon an Mordversuch gegrenzt hat.

Striebel: Nein, nein … alles gebe ich zu. Mehr, als Sie und Ihresgleichen von mir wissen. Aber das ist nicht wahr … kranke Leute, alte Frauen … nie, nie …

Wulff: Wohl verletzte Berufsehre?

Striebel: Von dem Tag an hab‘ ich gehofft, gehofft, gewartet. Heimzahlen, heimzahlen … Geschworen hab‘ ich mir’s … und jetzt ist die Stunde da, Dr. Wulff.

Wulff: Jetzt ist die Stunde da, wo man Sie wieder vor den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt bringt.

Striebel (in höhnischem Eifer): So, bringt man mich? Bitte sehr, sofort. Und als Hauptbelastungszeuge: Staatsanwalt Dr. Erich Wulff … Hochinteressanter Fall.

(Kleine Pause. Wulff beißt nervös erregt auf die Unterlippe. Sylvia schluchzt leise.)

Striebel: Also, was ist denn? Gehen wir. Sagen Sie aus – alles – auch das, was ich hier gesehen hab‘ … Hm? … Herr Kronzeuge, wo ist Ihre berühmte Beredsamkeit? Mir scheint, Sie möchten sich der Aussage lieber entschlagen – wir sind aber weder verwandt, noch verschwägert, bloß sehr – intim … Herr Staatsanwalt scheinen ein schlechter Zeuge zu sein. Dafür ein um so besserer Angeklagter. (Geht dicht auf ihn zu, mit haßerfülltem Triumph.) Jawohl, das sind Sie: Angeklagter! Jetzt hab‘ ich Sie. Jetzt bin ich Ihr Staatsanwalt.

(Kleine Pause. Dr. Wulff zündet sich eine Zigarette an, sieht auf die Uhr, mehr aus Nervosität und um ruhe zu markieren. Sylvia hat sich auf die Ottomane gesetzt, den Kopf in die Hand gestützt, und starrt vor sich hin. Striebel geht zwischen beiden hin und her, bleibt vor jedem einen Moment stehen, vor Wulff herausfordernd und drohend, vor Sylvia aber mitleidig).

Striebel: Also wozu haben sich die Herrschaften entschlossen?

Sylvia (blickt Wulff etwas verwundert an, als ob sie auf ein entscheidendes Wort von ihm warten würde): Nun, Herr Doktor … nun sagen Sie doch etwas.

Wulff (dessen Sicherheit schwindet, mit erzwungender Kälte): Ich lasse mir nicht bange machen. Das Recht ist auf meiner Seite. Ich halte mich an das Gesetz.

Striebel: Halten Sie sich nur – recht fest. Ich werde mich auch an das Gesetz halten. Einmals zur Abwechslung die volle Wahrheit gestehen, alles.

Sylvia: Das werden Sie nicht tun – Herr Striebel.

Striebel: Herr Striebel – hören Sie, Angeklagter Wulff?

Wulff: Ich verbitte mir –

Striebel: Sie haben sich gar nichts zu verbitten. Zu bitten haben Sie – um Nachsicht, um Schonung. Keine Widerrede – und legen Sie das Monokel weg … Ich kann jetzt mit Ihnen tun, was ich will. Kostet mich höchstens ein paar Jahre. Darauf kommt’s mir nicht an. Ich kann den strengen Herrn Staatsanwalt für immer unmöglich machen. Adieu Geheimrat, adieu Exzellenz … Ich brauche mich nur mit Ihnen zusammen erwischen zu lassen.

Sylvia: Um Gottes willen – niemand darf Sie sehen.

Wulff (widerwillig einlenkend): Sie sind ein leichtsinniger Mensch. Wollen Sie denn durchaus wieder sitzen? Denken Sie doch an Ihre Familie, an Ihre vier Jungen.

Striebel: Drei bitte, nur drei – bis jetzt. Aber nicht die Gemütskiste öffnen. Das steht Ihnen gar nicht. Bleiben wir bei der Sache. (Setzt sich gravitätisch vor ihn hin, wie in einem Richterstuhl.) Also, Angeklagter Wulff, was haben Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen? Wie wollen Sie sich da herauslügen?

Wulff: Lassen wir die alte Geschichte. Es war leider meine verdammte Pflicht. Jung war ich auch – ich bin vielleicht zu scharf ins Zeug gegangen …

Striebel: Keine Ausflüchte, Angeklagter!

Wulff: Ich meine, wenn ich heute nochmals Ihren Fall zu beurteilen hätte – es kann ja sein … jetzt, wo ich Sie näher kenne –

Striebel: Angenehmen Bekanntschaft, was?

Wulff: Und wenn ich wieder einmal die Gelegenheit – ich meine, die Pflicht haben sollte, Ihr Ankläger sein zu müssen – so können Sie überzeugt sein, daß ich mein möglichstes …

Striebel: Zu gütig. Glaube aber kaum, daß Sie jemals wieder in die Lage kommen. Sie sind erledigt.

Wulff: Und wenn Sie jetzt verschwinden, so wie Sie gekommen sind, und alles vergessen, was hier … dann will auch ich das Ganze vergessen und von einer Anzeige absehen.

Striebel: Herr, das ist ja Bestechung! Mißbrauch der Amtsgewalt. Paragraph 333, 347 – wieviel Jahre würden Sie da beantragen? Nein, nein … Sie verteidigen sich sehr ungeschickt. Gar keine mildernden Umstände. Sie verdienen Ihr Schicksal. Nur die arme, kleine Frau tut mir leid. Daß Sie sich aber so vergessen konnten, und dazu noch mit einem Staatsanwalt …

Sylvia (nett): Lieber Herr Striebel, Sie dürfen mich nicht für schlechter halten, als ich bin. Zwischen diesem Herrn und mir war bis heute nicht so viel …

Striebel: Beweise, Beweise!

Slyiva: Ich bin sonst gar nicht so leichtsinnig. Aber der Sommerabend – das ungewohnte Alleinsein …

Striebel: Und wozu ist das Bild da? Mit der schönen Widmung – ein prächtiger Mensch.

Sylvia: Aber jetzt bin ich wieder zur Besinnung gekommen. Es soll mir eine Lehre sein, für mein ganzes Leben.

Striebel: Es geht mich ja nichts an, gegen Sie hab‘ ich auch gar nichts. Aber gegen diesen Menschen da – den kann ich nicht auslassen.

Sylvia: Lieber Herr Striebel, Sie sind doch im Grunde ein guter, braver Mensch, der ein Einsehen hat. Wenn Sie jetzt verschwinden, ist alles gerettet.

Striebel: Verschwinden? Und Sie mit dem allein lassen? Das könnte Ihnen so passen. Das gönn‘ ich ihm nicht.

Sylvia: Ich schwöre Ihnen –

Wulff: Wenn es gewünscht wird, kann ich mich ja gleich entfernen.

Sylvia: Ja, Herr Doktor, das wird das beste sein. Jetzt ist es draußen auf dem Gang ganz still.

4. Szene

(Die vorigen, die Stimme des Direktors und des Verehrers.)

(An die Tür rechts wird von außen mehrere Male energisch und dringlich geklopft. Sylvia fährt erschrocken zusammen. Wulff ist unangenehm überrascht und bemüht sich, es durch straffe Haltung zu verbergen. Nur Striebel bleibt ruhig, fast gemütlich, nickt, als ob er sagen wollte: „Jetzt wird’s interessant“, und hört dem folgenden neugierig zu.)

Sylvia (leise): Wer kann das … mein Mann ist zurückgekommen …

Striebel (nickt dem Bilde anerkennend zu, leise): Das haben Sie gut gemacht.

(Nochmaliges, noch heftigeres Klopfen. Sylvia blickt ratlos auf die beiden Männer.)

Wulff (leise): So antworten Sie doch schon.

Sylvia (mit schläfriger, überraschter Stimme): Ja … was ist denn … Wer ist …?

Stimme des Hoteldirektors: Ich bin es, gnädige Frau … der Hoteldirektor.

Sylvia (erleichtert): Der Hoteldirektor … (viel sicherer): Ja, was wollen Sie denn, Herr Direktor? … Jetzt, mitten in der Nacht …

Direktor: Gnädige Frau, erschrecken Sie nicht … es ist etwas entsetzliches geschehen …

Sylvia: Etwas Entsetzliches …

Direktor: Im Hotel ist ein Einbrecher.

Sylvia (erschrickt, weil sie sich der Gefahr der Situation plötzlich bewußt wird): Ein Einbrecher … das ist schrecklich … aber was soll ich … Und deshalb schrecken Sie mich aus dem besten Schlaf auf? Holen Sie doch die Polizei.

Direktor: Die ist schon verständigt. Sie brauchen natürlich keine Angst zu haben, gnädige Frau. Für Sie ist gar keine Gefahr.

Stimme des Verehrers: Ich bin ja auch da!

Sylvia: Wer ist das?

Verehrer: Ich bin’s … Der Bertl. Ich bin noch nach der Tanzerei unter ihrem Balkom spazieren gegangen. Und wie ich das von dem Einbrecher gehört habe, bin ich sofort mitgegangen, um Sie zu retten.

Sylvia: Sehr lieb von Ihnen … aber … hier ist nichts zu retten …

Direktor: Gnädige Frau, das Ärgste wissen Sie ja noch nicht … Der Einbrecher ist bei Ihnen.

Sylvia: Bei mir …?

Direktor: Man hat beobachtet, daß ein Mann in ihrem Zimmer ist. Man hat den Schatten gesehen.

Sylvia: Das muß ein Irrtum sein … ich habe gar keinen Mann bemerkt …

Direktor: Er hat sich wahrscheinlich auf dem Balkon versteckt.

Sylvia: Auf dem Balkon? Ausgeschlossen. Ich bin gerade vorhin auf dem Balkon gewesen.

Direktor: Oder sonstwo. Wir müssen direkt Nachschau halten. In Ihrem Interesse … der Einbrecher soll ein gefährliches Individuum sein.

Striebel (leise): Der übertreibt …

Verehrer: Liebe Frau Sylvia. Sie müssen uns hinein lassen. Ich bins so aufgeregt. Wären Sie doch lieber tanzen gekommen. Es war so fesch …

Sylvia: Ich kann jetzt nicht öffnen. Ich bin im Negligé … und mir ist nicht gut …

Direktor: Gnädige Frau, es tut mir sehr leid – aber Sie müssen öffnen. Es ist meine Pflicht. Ich habe die Verantwortung für die Sicherheit unserer Gäste.

Verehrer: Frau Sylvia, ich beschwöre Sie. Ein fremder Mann in Ihrem Zimmer – Sie wissen ja gar nicht, was Ihnen der alles tun kann. Und gerade heute, wo der Herr Gemahl nicht da ist …

Direktor: Wir müssen alles durchsuchen, vielleicht ist er im Schlafzimmer?

Striebel (sucht komisch eifrig in den Ecken, hinter dem Schlafzimmervorhang, leise): Es ist niemand da …

Sylvia (leise, ratlos): Was tut man da?

Striebel: Das einfachste ist, ich öffne selbst und liefere mich der Gerechtigkeit aus.

Wulff (entrüstet, leise): Das verbiete ich Ihnen!

Sylvia (laut): Herr Direktor, nur noch eine Weile – bis ich mich angekleidet habe … Es ist ja sicher ein Irrtum. Vielleicht suchen Sie inzwischen anderswo.

Direktor: Ich gehe ungern. Aber in fünf Minuten komme ich wieder. Dann müssen Sie öffnen, oder ich müssten gewaltsam öffnen lassen.

Verehrer: Keine Angst, Frau Sylvia. Es draf Ihnen nichts geschehen. Da würde ich schön dastehen vor dem Herrn Gemahl … (Beide entfernen sich.)

5. Szene

(Sylvia, Wulff, Striebel.)

Sylvia: In fünf Minuten kommt er wieder – entsetzlich.

Striebel: Und der kommt bestimmt. Der Direktor scheint ein sehr einfältiger, aber gewissenhafter Mensch zu sein.

Sylvia. Öffne ich, bin ich verloren. Und wenn ich nicht öffne, wird das erst recht Verdacht erregen. (Zu Wulff mit bitterem Vorwurf) Das alles habe ich nur Ihnen zu verdanken.

Wulff: Für mich ist die Sache mindestens so peinlich wie für Sie. Wenn man mich hier im Tête-à-Tête mit diesem –

Striebel (hebt warnend den Zeigefinger): Höflich sein!

Wulff: Herrn Striebel erwischt.

Striebel: Wissen Sie, was Sie da getan haben? Sie haben mich eigentlich sofort ausliefern müssen. Aber Sie haben sich nicht gemeldet. Jetzt sind Sie quasi mein Komplice. Nützen wird Ihnen das in Ihrer Karriere nicht.

Wulff: Ich bin ruiniert, glatt erledigt!

Sylvia: Natürlich, Sie denken nur an sich und an Ihrer Rettung. Was mit mir geschieht, danach fragen Sie nicht.

Wulff: Liebe gnädige Frau, ich bin natürlich auch Ihretwegen verzweifelt. Aber schließlich, wenn’s an die Existenz geht …

Sylvia: Wenn man erfährt, daß zwei Männer in meinem Zimmer waren – es ist ja nicht auszudenken.

Striebel: Also, meinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich verschwinde in fünf Sekunden – wenn ich will, aber was fangen wir mit dem da an? Wissen Sie, was Sie sind? Ein Ballast!

Sylvia: Sie haben doch in diesen Dingen Erfahrung. Sie werden schon irgendeinen Ausweg wissen.

Striebel: Einen Ausweg? O ja. Über den Balkon. Zwei Stock hinunterklettern. Kinderleicht.

Wulff: Klettern? Ein Mann in meiner Stellung …

Sylvia: Wenn es nichts anderes gibt – Sie müssen. Herr Striebel wird schon auf Sie acht geben.

Striebel: Auf den? Er soll froh sein, wenn ich ihn nicht hinunterwerfe. Kommen Sie, Komplice. (Schleicht auf den Balkon.)

Wulff (schleicht ihm nach, blickt hinunter, schaudert zurück): Da hinunter? Ausgeschlossen. Ich bin kein Akrobat. Ich bin ein Staatsbeamter, Jurist … (Kehrt ins Zimmer zurück.)

Striebel: Jetzt sehen Sie, wie weit man damit kommt. (Kommt ins Zimmer zurück.) aus Ihnen wär nie ein anständiger Verbrecher geworden, das ist viel schwerer als Paragraphen. (Zu Sylvia.) Nachdem er nicht klettern will, bleibt nichts übrig, als daß wir uns beide den Behörden stellen – freiwillig – das ist doch mildernd, nicht wahr?

Sylvia (in wachsender Verzweiflung): Es muß noch etwas geben, Herr Striebel, Sie sind meine einzige Rettung.

Striebel (zuckt die Achseln).

Sylvia: Es gibt etwas. Dieser Herr wohnt nämlich da nebenan.

Striebel: Nebenan? Sehr praktisch.

Sylvia: Aber die Tür ist versperrt.

Striebel: Versperrt? Da kann man nichts machen.

Wulff: Sie schon.

Striebel: Ich?

Wulff: Sie haben doch gewiß Ihre Werkezuge bei sich.

Striebel: Sie kennen sich aus.

Wulff: Bitte, borgen Sie mir Dietrich und Stemmeisen. Ich treff’s schon. Ich hab‘ ja einen Kurs im Kriminalmuseum mitgemacht.

Striebel: Bei den Patzern? Na, zeigen Sie, was Sie dort gelernt haben. (Nimmt ein Etui heraus und wirft ihm die Werkzeuge hin.)

Wulff (hantiert am Schloß der Tür links): Gleich wird es sein … Geht schon … Es muß … weiß der Teufel, es will nicht … (Er tupft sich den Schweiß von der Stirn.)

Striebel (sieht ihm amüsiert und geringschätzig zu): Na, Herr Staatsanwalt, jetzt zeigen Sie, was Sie können. Ja,ja. Eine Menschen wegen Einbruchs auf acht Jahre einsperren, das ist leicht, aber eine einfache Tür aufbrechen, das ist etwas anderes. Lassen Sie sich das Lehrgeld zurückgeben.

Sylvia: Öffnen Sie doch selbst, Herr Striebel. Für Sie ist es eine Kleinigkeit.

Striebel: Eine Kleinigkeit? Ich soll meinen ärgsten Feind entwischen lassen, wo ich ihn so schön in der Hand hab‘? Das ist ein seltener Genuß.

Sylvia: Tun Sie es meinetwegen.

Striebel: Ihretwegen … und meine Rache, auf die ich jahrelang warte? … Rache … wenn ich ihn mir so ansehe, den furchtbaren Herrn Staatsanwalt – so hilflos, so klein … ich brauche keine Rache mehr. Ich hab‘ sie schon … (Geht zur Tür links.) Weg da, Dilettant, lassen Sie mich her. (Zu Sylvia.) Aber ich tu‘ es nur Ihretwegen. Weil ich eine Frau nicht im Stich lasse und wegen Ihres guten braven Mannes. Und weil ich hoffe, daß Sie jetzt von solchen Sachen genug haben.

Sylvia: Ich schwöre Ihnen –

Striebel: Nicht schwören, dabei kommt immer was anderes heraus. (Arbeitet an der Tür.) Ist schon offen … Nur zusperren kann ich nicht wieder, bei dem Schloß geht das nicht. Aber von dem Herrn haben Sie heute nacht wohl nichts mehr zu befürchten.

Wulff: Ich danke Ihnen. Sie sind ein Ehrenmann – ich meine privat.

Striebel. So? Privat? Und wann sind Sie eigentlich ein Ehrenmann? (Hält ihn zurück.) Einen Moment noch. Bevor ich Sie auf freien Fuß setze, muß ich Ihnen noch eine kleine Rede halten – das ist ja so üblich. (Mit bitterernster Ironie.) Angeklagter Wulff: Sie sehen jetzt, wie leicht man strauchelt. Bessern Sie sich. Werden Sie ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft. Und merken Sie sich für die Zukunft, daß es auch außerhalb des Gesetzes Menschen gibt.

Wulff: Sie können auf meine Dankbarkeit rechnen.

Striebel: Lieber nicht … So reden Sie jetzt, in der Nacht, wo Sie ein anderer sind. Aber wenn ich morgen, bei Tag, wieder vor Ihnen als Angeklagter stehe, da haben Sie alles vergessen. Da sind Sie unerbittlich moralisch. Bei Tag offiziell anständig sein, das ist keine Kunst. Aber bei Nacht, wenn’s niemand sieht, da seid ihr alle gleich … Adieu; gehen Sie! (Schiebt ihn ins Nebenzimmer und schließt die Tür.)

6.Szene

(Sylvia, Striebel, dann Stimme des Direktors.)

Striebel (nach einer Weile): Auf meine längere Anwesenheit werden Sie jetzt wohl keinen Wert mehr legen.

Sylvia: Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. (Klopfen an der Tür rechts.)

Striebel (leise): aha, der gewissenhafte Direktor. Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob er den Einbrecher erwischt hat …

Direktor: Gnädige Frau!

Sylvia: Nur einen Moment noch, Herr Direktor. Gleich öffne ich.

Direktor: Bitte, es ist nicht mehr nötig. Die Polizei hat den Einbercher fast schon gehabt, aber im letzten Moment ist er entwischt und in einem Auto davon. Verzeihung, gute Nacht.

Striebel: Was sagen Sie: Ich hab‘ ein eigenes Auto. Aber jetzt werde ich mich doch empfehlen. Sie müssen ja schon todmüde sein.

Sylvia (reicht ihm die Hand, herzlich): Aber vorher muß ich Ihnen noch sagen, was Sie für ein prachtvoller Mensch sind.

Striebel (sehr einfach): Prachtvoll? Nein, nur ein Mensch.

Sylvia: Und daß es für mich direkt ein Glück war, daß Sie gekommen sind. Weiß Gott, was sonst geschehen wäre … Und als Zeichen meiner Dankbarkeit, bitte … nehmen Sie sich irgend etwas von dem Schmuck.

Striebel (greift in die Kassette): Schöner Schmuck … nein, das tu‘ ich nicht. Eine Kleinigkeit, die steht nicht dafür. Und nehm‘ ich etwas Größeres, so bemerkt es ihr Mann, er kommt auf die ganze Geschichte drauf, und dazu haben wir uns doch nicht aufgeregt. (Energisch.) Bitte, legen Sie den Schmuck weg! Ich bring‘ mir’s schon woanders ein – jetzt, in der Hauptsaison … Aber ich muß nach Hause, zu meiner Familie. Die ist sonst besorgt. Familienleben, das ist das Schönste. Auch für Sie. (Auf das Bild zeigend.) Wenn man einen so guten braven Mann hat.

Sylvia (pathetisch): Nie mehr werd‘ ich mich vergessen.

Striebel: Und wenn wieder einmal so eine Sommernacht ist, nur das Bild anschauen. (Liest) „Wenn Du Dich einmal einsam oder unsicher fühlst“ … sehr schön ausgedrückt. Sympathischer Mann. Schade, daß ich ihn nicht kennengelernt habe. Braver Mensch. Der paßt zu mir … Gute Nacht, gute Nacht. (Verschwindet leise über den Balkon.)

7. Szene

(Sylvia allein.)

Sylvia (blickt und horcht Striebel nach. Dann kommt ihr die ganze Müdigkeit und Abgespanntheit zum Bewußtsein. Sie fährt sich über die Stirne, hält die Hand eine Weile vor die Augen. Sie löscht den Lüster aus, schaltet die Stehlampe ein, lehnt sich an die offengebliebene Balkontür und seufzt, halb erleichtert, halb enttäuscht.)

( An der Tür links dreimaliges Klopfen, wie am Anfang des Stückes.)

Sylvia (horcht auf, halb empört, halb verwundert. Sie überlegt. Dann mit einem plötzlichen Entschluß, als ob sie nicht anders könnte, dreht sie das Bild ihres Mannes um, geht entschlossen auf die Türlinks zu und klopft dreimal zurück.)

Vorhang.

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