Heinrich Hauser – Donner überm Meer

Roman, S. Fischer Verlag, 1929

Welche zwei Erzählebenen gibt es in dem Roman? Was ist mit „Donner überm Meer“ gemeint? Warum war das Erscheinen bei S. Fischer Fluch und Segen für den Roman?

„Ich traf einen großen Stein. Er war doppelt so groß wie ein Mensch, er lag am Boden neben einem verrosteten Eisentor bei Doe Castle, County Donegal, eine Meile von der Küste. Ungeschickt steht mit schwarzen Buchstaben auf den Stein geschrieben: „Hier liegt die Leiche von Gott-weiß-wem.“ Der Stein und ich lächelten uns an aus den vielen Falten, die der Regen und der Wind in uns hineingewaschen hatte. Unsere Gesichter glänzten vor Nässe.“

Das sind die ersten Sätze in Heinrich Hausers Roman „Donner überm Meer“. Und bereits kurze Zeit später, der Erzähler beobachtet Kormorane, die Fische jagen, macht er sich die Jagd der Schwimmvögel zu eigen und nimmt Papier und Stift zur Hand: „Ich fischte nach dem Anfang eines Romans.“

Mit einer Wanderung des Ich-Erzählers an der irischen Küste setzt Hausers Werk ein. Der Ich-Erzähler scheint Schriftsteller zu sein, er ringt nach Worten, er sucht einen Romananfang und macht nebenbei für uns Leser die Landschaft um ihn herum erlebbar – denn wenn Wind durch seine Kleidung dringt, frösteln wir mit ihm.

Schließlich scheint es mit seinem Roman voranzugehen. Er findet die Figur des Fliegers Fonk, später die von Lala, einer modernen Frau, die in einer Großstadt lebt. Sie kommt von einem zweifelahften Arzt und hat eine Abtreibung vornehmen lassen. Der Zufall führt Fonk und Lala in einem Autobus zusammen. Dort, auf der Plattform, sinken sie – wildfremd – einander in die Arme, küssen sich, nicht nur zur Verwunderung des Lesers, auch des Schaffners, der aus lauter Staunen vergisst, ihnen Fahrkarten anzubieten. Fonk nimmt Lala mit auf sein Hotelzimmer.

So außergewöhnlich das Kennenlernen von Fonk und Lala ist – der Rest ist schnell erzählt, der Roman bleibt Fragment, wird nicht auserzählt. Fonk, der sich von Lala angezogen fühlt, muss schon früh nach einem Arzt rufen, da ihre Abtreibung nicht professionell durchgeführt wurde. Eine Notoperation bleibt erfolglos, Lala stirbt. Fonk wird am Ende von Hausers Werk in ein Flugzeug steigen – „Donner überm Meer“ erklingt, es handelt sich um das Dröhnen des sich entfernenden Fliegers.

In diese Geschichte hinein ist immer wieder die Stimme des Ich-Erzählers zu hören – seine Wanderungen durch Irland, seine Reise, die ihn schließlich nach Hamburg führt. Seine Geschichte scheint mit der von Fonk und Lala verbunden zu sein. Ist er Fonk? Möglich ist das, aber das bleibt offen.

Was bleibt, sind traumhafte Tier- und Landschafts- und Naturbeschreibungen. Hauser ist ein Autor, der es zudem vermag, scheinbar in Gegensatz zueinander stehende Dinge in Verbindung miteinander zu bringen, sie miteinander zu versöhnen: Mensch und Technik, Mann und Frau, Stadt und Natur, Lärm und Stille, Leben und Tod. Hausers Sprache ist klar und kraftvoll. Er beobachtet, und bringt seine Beobachtungen zu Papier. Aber er sieht nicht nur mit den Augen, er sieht auch mit dem Herzen.

Die gute Nachricht: „Donner überm Meer“ ist lieferbar, der Weidle Verlag hat 2001 Hausers Roman aus der Vergessenheit geholt. 1929 im Erscheinungsjahr hatte es der Roman schwer, sich am Markt durchzusetzen. Der Segen, das Manuskript bei einem der renommiertesten Literaturverlage der Weimarer Republik, S. Fischer, unterzubringen, wurde schon bald nach Erscheinen zum Fluch: Fischers Gallionsfigur Thomas Mann erhielt den Literaturnobelpreis. Gelder, die für die Werbung von „Donner überm Meer“ eingeplant waren, wurden so wahrscheinlich anderweitig genutzt – jedenfalls ist mir keine Einzelwerbung von Hausers Buch bekannt.

2 Kommentare zu „Heinrich Hauser – Donner überm Meer

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