Wilhelm Matthiessen – Das Rote U

Eine Detektivgeschichte für Kinder, Hermann Schaffstein Verlag, 1932

An welches Kinderbuch erinnert mich die Detektivgeschichte? Warum habe ich „Das Rote U“ als Kind so geliebt? Was habe ich an der Ausgabe des dtv Verlags zu kritisieren?

Es ist erst wenige Jahre her, da veranstaltete das Düsseldorfer Online-Magazin „The Düsseldorfer“ für seine Leser*innen eine Schnitzeljagd durch die Rheinmetropole und suchte unter anderem nach einem Buch, „in dem auch der zugefrorene Rhein eine Rolle, ja ziemlich wichtige Rolle spielt“. Da jeder Düsseldorfer, der über Vierzig sei, die Antwort wie aus der Pistole geschossen geben könne, so „The Düsseldorfer“, verzichte man auf weitere Hinweise.

Natürlich ist von Wilhelm Matthießens Detektivgeschichte „Das Rote U“ die Rede – neben Wolf Durians Kai aus der Kiste aus dem Jahr 1926 und Erich Kästners Emil und die Detektive (1929 erschienen) der Kinderbuchklassiker der Weimarer Republik. Nachdem ich „Das Rote U“ nach zig Jahren nun erneut gelesen habe, fühlte ich mich vor allen Dingen an „Das fliegende Klassenzimmer“, ebenfalls von Erich Kästner, erinnert. Auf die Gemeinsamkeiten beider Bücher komme ich später zu sprechen.

Mala, Döll, Knörres, Boddas und Silli sind immer für einen Streich zu haben. Selbst Schandtaten wie das Schießen von Kaninchen mit dem Luftgewehr sind ihnen nicht fremd. Die fünf Kinder zwischen 13 und 14 Jahren, die alle in der Düssedorfer Altstadt wohnen, haben eine Bande gegründet, besuchen dieselbe Schule und verbringen ihre Freizeit miteinander. Trotz ihrer Streiche haben sie das Herz am rechten Fleck.

Anführer der Bande sind Mala und Boddas. Mala heißt eigentlich Matthias, ist ruhig, verantwortungsbewußt und hält sich mehr im Hintergrund auf. Weil er so gern und herrlich flucht und es einen spanischen Berg namens Maldetta – der Verfluchte – gibt, wird er von allen nur Mala genannt. Wilhelm Boden ist Boddas – ein Lese- und Rechengenie, das sogar die Tageszeitung liest. Boddas ist gelassen, mutig und unerschrocken.

Sybille Boden, Boddas Schwester, wird von ihren Freunden nur Silli genannt. Sie brät die geschossenen Kaninchen und flickt die zerschlissenen Hosen der Jungs, über die sie, selbstbewusst wie sie ist, auch schon mal die Kontrolle übernimmt. Vor allen Dingen weiß sie auch in aussichtslosen Situationen immer einen Rat.

Döll ist der stärkste Junge der Gruppe und daher auch für alles zuständig, was Kraft und körperliches Geschick erfordert. Knörres ist der kleinste in der Gruppe. Zusammen mit Döll ist er eine Klasse unter den anderen Kindern. Knörres ist mutig, zeigt aber auch schon mal, wenn es sein muss, Angst.

Die Geschichte setzt ein, als Mala im Unterricht in seinem Lesebuch einen Zettel findet. Es ist ein Brief vom Roten U, das sich darin zum Hauptmann der Bande erklärt und den Kindern befiehlt, abends in eine verlassene Villa einzusteigen. Sollte die Bande den Befehl verweigern, würden dem Lehrer alle Streiche verraten werden.

Fortan haben die Kinder einige Aufgaben zu erfüllen. Schnell merken sie, dass das Rote U nichts Kriminelles von ihnen verlangt und sind mit Feuereifer bei der Sache. Geholfen wird der Bande von Herrn Behrmann, der ein Freund von Malas Vater ist und als Aushilfsjournalist bei der Tageszeitung arbeitet. Eigentlich ist Herr Behrmann kein Journalist, sondern ein ewiger Student.

Zum Schluss wird es gefährlich: Der Bande gelingt es, einen entführten Mitschüler zu retten, der von einem Verbrecher über den zugefrorenen Rhein auf die andere Flussseite getragen werden soll. Und schließlich wird auch noch das Rätsel über das Rote U gelöst.

Spannung, aber auch ganz viel Herz und Humor finden sich in dieser Detektivgeschichte. Kein Wunder, dass ich das Buch als Kind so geliebt habe. Vor allen Dingen die Ausgestaltung der Charaktere überzeugt. Da jede Figur ausgeprägte Eigenschaften hat, fällt es leicht, sich mit einem Kind zu identifizieren. In meinem Fall war das Knörres, weil ich auch einer der kleinsten in der Klasse war.

Diese Ausgestaltung der Kindercharaktere findet sich auch in Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“. Und dann ist da noch Herr Behrmann. Unweigerlich musste ich beim kürzlichen Lesen an den Nichtraucher denken.

Einen bitteren Beigeschmack bot die neuerliche Lektüre doch noch für mich: Der Autor Wilhelm Matthießen war bekennender Nationalsozialist und veröffentlichte während der Nazi-Diktatur völkische und antisemitische Schriften. In seiner Detektivgeschichte ist dieses Gedankengut nicht enthalten. Es ärgert mich und macht mich fuchsteufelswild, wenn der dtv Verlag in Bezug auf Matthießen in der Titelei lediglich von einer „umstrittenen Haltung im Nationalsozialismus“ spricht – man darf die Dinge schon beim Namen nennen.

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