Ralph Roger Glöckler – Berlin 1922/1923

Auszug aus der Marsden-Hartley-Novelle „Luzifers Patenkind“, Grössenwahn Verlag, 2022

Toll, dachte Hartley, als er den jungen Mann in der »Kaisergalerie« vor einem Schaufenster stehen sah, und verlangsamte, sich selbst zwischen ausgestellten Hüten spiegelnd, seine Schritte, um den Burschen zu begutachten, Figur, Alter, Aussehen, einen blonden, muskulösen, in einen braunen Anzug gekleideten Jugendlichen aus, was Haltung und Miene anbelangte, besseren Kreisen, adrett, wirklich, adrett, blieb unwillkürlich stehen, was den Fremden, der Hartley spiegelverkehrt beobachtet hatte, dazu bewegte, sich umzudrehen und ihm ein Lächeln zu schenken.

Verzeihen Sie, sagte Hartley und fragte, ob er wüsste, wo sich der Kartenvorverkauf befände, mehr in Richtung Friedrichstraße oder Unter den Linden, das Fräulein an der Kasse im Admiralspalast hätte gesagt, die Revue heute Abend wäre ausverkauft, vielleicht aber würde er bei Strobels in der Passage eine Restkarte finden, Gelegenheit, dachte er, den Burschen anzusprechen, mal sehen, wer weiß, was sich da ergäbe, keine Ahnung, vermutlich nichts, einer wie dieser, aus, so schien es ihm, guten Verhältnissen, ließe sich mit ihm gewiss nicht ein, nein, nein, so einer war das nicht …!

Der Kartenvorverkauf, antwortete der junge Mensch und sah Hartley freundlich an, befände sich vor dem Kuppelraum, rechts, nicht zu verpassen, weil an Plakaten und Postkartenständern zu erkennen, und schon liefen sie ohne weitere Worte zu verlieren nebeneinander her, wagten nicht, sich anzusehen, vielleicht aus den Augenwinkeln, der Begleiter blickte, Schüchternheit, Zurückhaltung, Desinteresse, vor sich nieder, während sie über den gefliesten Boden gingen, stumm verfolgt, oben, zwischen den Fensterbögen, von ritterhaft männlichen Terrakotta-Karyatiden, was für ein offenes, reizendes Gesicht, so Hartley, einer wie Karl, hilfsbereit, geschmeidig, das eine vom anderen nicht zu trennen, Ausländer, dachte der Junge, amerikanischer Akzent, die hätten es gut, nach dem Krieg, mit täglich sich multiplizierender Währung, im Gegensatz zu ihm und den seinen, nun ja, es käme eben, wie es kommen müsse, nichts zu machen, außer, alles Mögliche zu versuchen, da betrat der Künstler den Laden, nickte dem Jungen zu, der vor den drehbaren Ständern stehen geblieben war, um, als wollte er Grüße verschicken, einzelne Karten auszusuchen, Kaisergalerie, Wachsfigurenkabinett, Statuen, glasüberdachte Passagen, Café-Esplanaden mit Kaffee schlürfenden, Torten kostenden Damen, parlierenden Herren.

Glück gehabt, sagte der untersetzte Mann hinter der Theke, das letzte Billet für heute Abend, tauschte einen zuckenden Blick, während Hartley das Geld zählte, mit jenem jungen, Kartenständer drehenden Kunden, der sofort davon abließ und sich einige Schritte entfernte. Danke, der Herr, sagte der Verkäufer, schob das Billett über die Theke, verneigte sich kurz und wünschte, während der Amerikaner das Geschäft verließ, einen vollendeten Revuegenuss …!

Ob er ihn zu Kaffee und Zigarette oder etwas anderem einladen dürfe, fragte Hartley den Burschen, der ganz offensichtlich auf ihn gewartet hatte, schließlich stünden sie vor dem Wiener Café unter der Kuppel, das mit seiner von Buchsbaumkästen umgebenen Terrasse geradezu einlüde, sich auf ein Schwätzchen niederzulassen.

Das Bild zeigt ein Porträt von Ralph Roger Glöckler, Autor der Novelle "Luzifers Patenkind".
Ralph Roger Glöckler wurde 1950 in Frankfurt am Main geboren und hat Germanistik, Romanistik und Völkerkunde in Tübingen studiert. Er ist als Übersetzer, vorwiegend
portugiesischer Literatur, tätig. Von Glöckler wurden bisher zahlreiche Gedichte, Reiseerzählungen und Romane veröffentlicht. Außerdem schreibt er Texte für Kantaten und Oratorien. Heute lebt der Autor verheiratet mit seinem Lebenspartner in Frankfurt am Main und ist Mittglied des PEN-Zentrum Deutschlan
ds.
Das Bild zeigt das Cover der Novelle "Luzifers Patenkind".
Ralph Roger Glöckler, Luzifers Patenkind Größenwahn Verlag, ISBN ‎ 978-3957713032 300 Seiten. 13 €

Besser nicht, sagte der junge Mann flackernden Blicks, errötete, als sei er unsicher, ob er sich mit diesem Herrn einlassen sollte, hier, das sagte er nicht, auf keinen Fall, wollte nicht erkannt, wiedererkannt, in Dateien gebannt werden, verzeihen Sie, sagte er um sich blickend, als würde er einen Bekannten erwarten, aber er ziehe es wegen eines Termins vor, eine Karte für heute Abend zu erwerben, selbst ausverkauft, gäbe es genügend Menschen, die ihre Plätze vor dem Theater anbieten würden … Hartley sah ihn an, nahm einen Unbehagen, Überdruss, Angst spiegelnden Ausdruck in seinem Gesicht wahr, als würde er ausreißen wollen, befürchtend, der voluminöse, in der Glaskuppel hängende Kronleuchter könnte in Schwingung geraten, kreiseln, sich aus der Halterung lockern, herabstürzen und auf dem achteckigen Passagenplatz zerschellen, Hartley nahm also etwas Seltsames in dessen Gesicht war, das seinen Wunsch steigerte, ihn festzuhalten, auszufragen, näher kennen zu lernen, um mehr von ihm zu wissen.

Ich, so der junge Mann, würde, wenn es recht ist, nach der Vorstellung im Foyer des Admiralspalastes auf Sie warten, neben dem Eingang, wo man sich im Trubel nach der Vorstellung nicht verpassen könne …


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