Andreas Zeitler – Ein Kellner findet Stellung

Erzählung, abgedruckt im Prager Tagblatt am 9. Oktober 1931

Am Abend, als ich in dem fast leeren Speisesaal mein Essen bezahlte, hatte er noch ein verschlossenes, ermüdetes Gesicht. Er grüßte flüchtig. Sein gescheiteltes, blondes Haar hing in wirren Strähnen auf die Stirn. Ich verließ das Restaurant. Unter der Tür holte er mich ein. „Noch spazieren?“ fragte er. Ich nickte. Er sah mich mit einem Ausdruck an, der mich beunruhigte. Es lag etwas Gieriges in seinen Augen. Ich kannte das. In diesem Sommer, wo die Fremden plötzlich ausblieben, ist jeder Gast ein kostbares Wild. Der Kellner tat, als stände er unbefangen neben mir. In Wirklichkeit wollte er mich zur Strecke bringen. „Kennt der Herr Schwetzingen?“ Ich verzögerte meine Antwort mit dem Anzünden einer Zigarette. Beim Feuergeben fuhr er fort: „Sehr schön. Großer, vielbesuchter Park. Der Herr kann mit dem Auto hinfahren. Soll ich es arrangieren?“

Ich dachte, das ist es, er bekommt ein paar Mark von dem Autobesitzer. Darum kreisen seine Gedanken. Kriegt er mich, folge ich einem anderen? In dieser Stadt, die auf die Fremden angewiesen ist, vermittelt jeder etwas, verdient jeder, was ein anderer ihm vermittelt hat. Ich dankte beklommen. Wir standen vor einem Platz, umsäumt von Hotels. Die Fenster der Hotels waren dunkel. Die Türen ihrer lustigen Balkone geschlossen. Ihre Restaurants leer. Auf den Kübeln der bestaubten Lorbeerbäume vor den Portalen hockten gelangweilt die braungekleideten Pagen. Der Platz lag still. Zur Linken parkten drei Automobile. Nur eines trug ein fremdes Zeichen.

„Ich kenne Schwetzingen“, sagte ich.

„Ach, der Herr ist kein Fremder?“

Er wurde vertraulich. Die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, lehnte er an der Tür. „Eine ganz schlechte Saison“, er wies mit dem Daumen hinter sich auf die leeren Tische. „Auch die Amerikaner und Holländer bleiben schon weg.“ Sein Gesicht wurde klein und fahl. „Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt“, sagte er unvermittelt. „Ich war schon zweimal arbeitslos. Einmal vier, später acht Monate. Ich weiß, wie das ist. Seit zwei Jahren will ich heiraten. Meine Braut lebt in Stuttgart. Früher schrieben wir uns oft. Jetzt nur noch alle vier Wochen. Das geht hier bis zum 1. Oktober. Dann schließt das Hotel. Ich kann sehen, wo ich bleibe.“

Ich nickte und schwieg. Was sollte ich sagen? Ich war ein Gast. Ich hatte einen Koffer. Ich reiste. Wie ein Dieb kam ich mir vor. Am Büffet schellte die Klingel. „Guten Abend!“ Ich stahl mich aus dem Ring der verlassenen Hotels. –

Am nächsten Morgen kam ich später als sonst zum Frühstück. Das erste, was ich vernahm, war die Veränderung des Kellners. Er begrüßte mich mit einem lauten, fröhlichen Zuruf. „Guten Morgen! Gut geruht, der Herr? Jawohl, Kaffee, nicht wahr, wie immer? Mit Ei? Welches Zimmer? Ach, Entschuldigung, ich weiß! Neunzehn.“ Er stob davon. „Einmal Frühstück mit Kaffee, Zimmer neunzehn!“ Ich sah mich erstaunt um.

Am Tisch vor mir saß ein älteres Ehepaar. Der Mann drehte mir den Rücken zu. Die Frau war klein und dick und aß mit ungeschickten Bewegungen. Sie trug einen Hut auf dem Kopf. Er saß hoch und schien sie zu stören. Sie griff oft nach oben. Der Mann las, vornübergebeugt, die Zeitung. In gewissen Abständen tauchte er eine Buttersemmel tief in den Milchkaffee. Zuletzt trank er aus der Untertasse das Uebergeflossene, indem er sich weit nach hinten bog. Tropfen benetzten seinen Bart. Er wischte sie mit dem Daumen weg.

Inzwischen brachte mir der Kellner mein Frühstück. Er rückte alles zurecht, daß ich es bequem erreichen konnte. Der Zucker hob er mit der Zange vor meine Augen. „Ein Stück? Zwei Stück?“ Sein Gesicht strahlte. Ich sah, daß er seinen Scheitel mit Wasser gebürstet hatte. Das Haar lag glatt und spiegelte. „Haben Sie gesehen, das Wetter macht sich. Sie bleiben noch?“ Ich verneinte, die Luft war trübe und roch feucht, der Asphalt glänzte schwarz vom Regen der Nacht.“Nein? Ich bringe sofort die Rechnung.“ Er ließ den Zucker in meine Tasse fallen. Aus dem Kaffee stieg eine kleine Fontäne und zerspritzte. Wir sahen uns an und lachten. Da drehte sich der dicke Herr vor mir um. Sofort legte der Kellner die Zuckerzange weg. Er tat sie nicht wieder in die Dose, sondern neben meine Tasse. Der Herr wandte sich an ihn. „Nun geben Sie mir Ihre Adresse, daß wir es nicht noch vergessen. Wir müssen gehen.“ Er zog ein kleines, verschmiertes Notizbuch aus der Weste, schlug es auf und reichte es herüber. Ich betrachtete den Kellner. Seine Finger suchten nervös einen Bleistift. Der dicke Mann hielt ihm seinen hin. Der Kellner beugte sich über den Tisch und schrieb. Es ging ihm nicht von der Hand. Er malte Buchstaben um Buchstaben, es dauerte lange, der Mann sah ihm zu. Dann gab er ihm das Buch zurück. Sein Gesicht war rot. Der Mann stülpte sich einen Hut auf den Kopf. „Also am ersten Oktober in Düsseldorf“, hörte ich ihn sagen. Er reichte dem Kellner die Hand. Der erschrak. Er begann zu flüstern. Der dicke verstand ihn nicht. Er beugte sich vor und sagte: „Wie?“ Der Kellner versuchte wie gewöhnlich zu sprechen. Seine Stimme klang heiser und undeutlich. Da wurde sein Gesicht noch röter und er schrie den Dicken an, während er die Hand schüttelte: „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von Herzen, ich bin so froh!“ Der Mann nickte und lüftete noch einmal den Hut. Seine Frau folgte ihm beschwerlich. Ihr Hut wackelte bei jedem Schritt. Von Herzen, hatte der Kellner gesagt. Es war die Wahrheit. Er war bis zur Türe mitgegangen, und kam zurück. Neben meinem Tisch blieb er stehen. Ich sah an seinen Augen, daß es ihm an den Worten fehlte. „Sie haben eine Stellung?“ fragte ich. Er nickte, stumm, hilflos, glänzend. „Für den Winter? In einem Hotel? Ich gratuliere!“

Er brachte kein Wort über die Lippen. Plötzlich streckte er mir die Hand hin. Sie war schmal und Länglich wie bei einem Jungen. Ich fühlte, daß sie zitterte.

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