Klaus Mann – Junges Mädchen im Tivoli

Erzählung, gefunden im Simplicissimus, Heft 25, 1927

Da das junge Mädchen vor der Kasse umsonst bis fast zehn Uhr gewartet hatte, wurde sie über die Unpünktlichkeit ihres Kavaliers ärgerlich, löste auf eigene Faust ein Billett – das teurer war, als sie erwartet hatte – reckte sich und trat ein. Sie fiel in die Masse der Menschen wie in lauwarmes Wasser, ihr entgegen kamen Lärmen und Licht – gleich hier, beim Portale, schien sich etwas Phantastisches zuzutragen, und so drängte sie hin. Welcher Glanz auf dieser breit ragenden Bühne! Und wie raffiniert sie gebaut war, aufsteigend nach hinten, so daß die bunte Dekoration allen sichtbar sein mußte, mit Girlanden und italienischen Häusern. Vor der Dekoration hüpften Choristinnen in phantastischen Röcken, hochfrisiert, sich freundlich neigend und beugend. Aber vorn, direkt an der Rampe, tanzte das eigentliche, das erlesene Paar. Weißer Pierrot – wie er zu springen verstand, federnd, gestreckt, das Kreuz hohl, mit triumphierendem Lächeln – und nun, die Pierrette auf seinen Schultern, oh, wie viel Liebreiz, da sie ihr buntes Gesicht an seine Wange legte. Dazu Händeklatschen der Choristinnen vor den südlichen Häusern, Werfen von Blumen, Hüten, Kichern und Reigentanz. Sie hüpfen nach vorne, sie ringen die Zärtlichen ein; diese aber bekümmert es nicht, mögen die Buntgeschürzten nur hüpfen, sie verharren in der schwierigen Pose ihrer Seligkeit, bis der Vorhang sich schließt.

Jubel bricht los, das einsame junge Mädchen klatscht inmitten der Menge.

Sehen wir sie uns an: sie heißt Margarete und sie studiert Kunstgeschichte. Aschblondes Haar, in Hannover geboren. Bürgerlich, von der Frisur bis zum Halbschuh, aber nichts weniger als romantisch – tatkräftig vielmehr und vollkommen auf eigenen Füßen. Mit etwas verkniffenem Mund spaziert sie also aufrecht zwischen der Menge, man lacht um sie herum, man scherzt dänisch hinter ihr drein. Aber ihr Aerger wird klein, schwindet hin, die Sommernacht legt sich zärtlich um ihre Stirn, von überallher winkt ihr das Licht, bunte Buden, wohin sie sich wendet. Die Bäume stehen magisch beleuchtet, Schein von elektrischen Lampen harrt auf den Blättern, so daß sie in giftigem Grün schimmern und, gleich dahinter, schwarz im Schatten hängen.

An der Schießbude drängen sich junge Kerle, Margarete tritt hin – diese Schießbude ist wahrhaft paradiesisch herausstaffiert! Lila Dolden hängen von Wänden und von der Decke, man gewinnt Einblick in die üppigste Landschaft. Dazwischen stehen, lässig gruppiert, Zwerge, die man in die Herzgegend treffen soll, und man darf es erleben, daß sie mit Haupt und Mütze wackeln und ein drolliges Liedlein schnurren. Welche Anspannung in den Gesichtern der Studenten, Matrosen und Gassenjungen, die hier ihre Schießlunst zeigen, das eine Auge kneifen sie zu, um ihren Mund ist erbitterter Ernst. Es knallt los! – schlecht getroffen. Der Zwerg verharrt unbeweglich, aus seinem Mund kommt kein schnurrendes Tönchen. Da ergreift Margarete tollkühn das Schießgewehr, das ein beredtes Fräulein ihr schon lange aufzunötigen sucht, sie legt an, sie zielt, sie drückt los. Geraschel geht durch das violett-üppige Papierparadies, das schöne Ereignis ist da: der Zwerg schüttelt unwirsch den Kopf, er hält mit seinem mechanischen Lied nicht länger mehr hinterm Berg. – Bewunderung umringt Margarete, es fehlte nicht viel und man hätte sie im Triumph getragen. Es drängt sich um sie herum, es lacht ihr entgegen – wie viel Blond, wie viel Atem von Jugend!

Ein großer Matrose fragte sie in entgleisendem Deutsch, ob sie nicht einmal mit ihm „Achterbahn“ fahren wolle, er lade sie ein, ganz gewiß, es koste sie nichts. Er hatte sie am Arm, da sie noch lachen und sich wehren wollte. – Sie saßen im langgestreckten Wagen zuvorderst, sie wollten nach oben, es führte durch Dunkelheit – nun waren sie auf dem Gipfel! Sommernacht unter ihnen, Spiel von Lichtern, Menschengedränge, Karussellmusik und Gelächter. Margarete sah sich den Kavalier an ihrer Seite jetzt das erstemal an; sie erschrak beinah, das hatte sie nicht gewußt: er war schön. Wie breit und selbstverständlich er saß, die Kniee breit auseinander, den Oberkörper gebeugt, die großen Hände schwer auf die Kniee gestemmt. Es war wirklich besser, wenn sie sich gleich nach der Fahrt von ihm trennte – – –

Während sie es beschloß, ging’s auch schon zur Tiefe mit ihr. Hatte sie etwas so Tolles schon jemals erlebt? Höllenfahrt, daß man jubeln mußte! Aus der schwarzen Finsternis sprangen ihr rote Lichter entgegen, so rasend wurde die Fahrt. Und wieder hinauf – und wieder hinunter – hell, durch den Schein von elektrischen Lampen – pechschwarz durch Schluchten, wo das Licht nicht mehr hinkam. Schreie um sie herum, und jetzt legte ihr der Matrose den Arm um die Schulter. Sie ließ es geschehen, sie lehnte sich an ihn, da es besonders grausig gen unten ging. Da sie aber seinen Atem an ihrem Halse spürte, beschloß sie mit letztem Aufwand von Nachdrücklichkeit, daß sie sich, nach der Höllenfahrt, von ihm trennen wolle.

Als sie ausgestiegen waren, erzählte sie ihm mit einer gewissen Strenge: es sei schade, aber der Herr Bräutigam warte auf sie. Es verdroß den Matrosen, aber was sollte er tun? Sie gab ihm die Hand, wobei sie ihren strengen Mund zu machen suchte, aber es gelang nicht: sie lächelte ihm entgegen. Da spürte sie plötzlich seinen Mund im Gesicht, es war geschehen: er hatte sie zum Abschied geküßt. – Nun sah sie nur noch seinen breiten Rücken. –

Was gab es noch alles zu sehen? Ein bißchen melancholisch mit einemmal, aber immer noch unternehmenslustig, wollte sie nichts versäumen und machte überall halt. Sie aß rötliches Eis, das vergiftet schmeckte, und selbst vor der Bude blieb sie stehen, in der vier übermüdete Damen saßen und ihre Beine in kunstseidenen Strümpfen hinhielten, damit man Ringe über sie werfe.

In einer Bude gab es den großartigsten Spaß: dort durfte man irdenes Geschirr zerschmeißen. Scherben klirrten, man jubelte und man schrie, von der tiefen Wollust ergriffen: zerstören zu dürfen. Töpfe rasselten vom Regal, man jauchzte vor Glück: ein großer Teller zerbarst auf der Erde. So haben früher Soldaten geschrien, denen man die eroberte Stadt zur Plünderung überließ.

*

Wie hatte Margarete die Bekanntschaft der älteren Herren gemacht? Hatten sie die grauen Kavaliere schon beim Tellerschmeißen anzusprechen gewußt, oder später, beim „Eisernen See“, oder dort, wo es ganz verrückt war: im Lachkabinett? Aller Wahrscheinlichkeit nach war es im Lachkabinett gewesen; dort bot sich ja so viel Anlaß für Witze und Einander-näher-kommen. Der raffiniert geschliffene Spiegel ließ einen als unwahrscheinlichen Zwerg erscheinen, es wölbte sich gespenstisch der Bauch, man hatte ein Fettgesicht und trippelte hilflos auf kurzen, verbogenen Beinchen. Wandte man sich aber zum nächsten Glas, fand man sich spindeldürr, mit gramvoll verlängerter Miene. Es war ein spukhafter Aufenthalt – und hier machte Fräulein Margarete die Bekanntschaft der Herren im Bratenrock. Es waren vorzügliche alte Gesellen, aufgeräumt und dabei vertraueneinflößend.

So saß man bald beieinander; sie hatten Margarete in den Tanzpalast gebeten. Es gab Butterbrote, aber gleichzeitig trank man schon Sekt; Margarete mußte mit einem Backenbärtigen tanzen. Er drehte sie tüchtig, derweilen erzählte er ihr, daß er Schriftsteller sei. „Ich bin Lyriker,“ sagte er tanzend, „leider noch nicht sehr bekannt -“ Ein anderer war Großkaufmann, wie sich herausstellte, ein anderer Architekt. Sie bekamen gerötete Mienen, und ihre Scherze begannen immer vieldeutiger auszusehen. Fräulein Margarete trank reichlich vom Sekt und wußte schon nicht mehr, wie munter sie war. Der Lyriker ließ ihr „großes, südliches Vaterland“ laben; sie begriff erst gar nicht, daß er Deutschland meine, und bog sich dann vor Lachen, daß sie niemals darauf verfallen wäre, es „südlich“ zu nennen. Der Großkaufmann behauptete indessen, man müsse ein Schnapsglas mit geschlossen Augen leeren können, und man müsse sogar singen dabei. Er machte es vor, legte den Kopf tief zurück, grauer Bart stach in die Luft; er brummte melodisch, während er mit geschlossenen Augen den Alkohol schmeckte. Margarete versuchte es auch, aber sie mußte so lachen, daß sie ihr graues Sommerkostüm häßlich bespuckte.

Der Tanzpalast war weit und bunt, wie eine unterirdische Landschaft, Musik schrie – drehten die Paare sich nicht immer geschwinder? Unternehmungslustiges Fräulein: mutterseelenallein mit so viel älteren Herren. Wie nahe sie ihr nun gekommen waren, sie hatten steinalte Gesichter mit schlohweißem Bart, rötlich zwinkerten ihre Augen, sie flüsterten: „Du junges Ding – junges Blut – junge Person du -“ Margarete kicherte blind. Sie dachte an die Achterbahn, Höllenfahrt, daß man jubeln mußte – an zerberstende Teller – die üppige Landschaft der Schießbuden, wo Zwergkönige nickten. Sie dachte an den breiten Rücken ihres Matrosen, und darüber weinte sie, ohne zu wissen, warum. Diese alten Gesellen, sie hatte es gleich gemerkt, waren Waldgeister, faunische Greise, in weißen Pikeewesten und mit goldenen Brillen versehen. – Rote Lichter schwangen um Margarete, wie saß inmitten von wirbeldem Licht, sie kicherte, weinte, und ihr vergingen die Sinne. –

Wie war sie wieder in den Park gekommen? Sommernacht legte sich zärtlich um ihre Stirn; nur noch den alten Lyriker fand sie an ihrer Seite. „Siehst du,“ mahnte er sanft, „wir müssen uns eilen, sie machen die Pforte schon zu – – -“ Und er wies vage ins Dunkel. „Du hast geweint, junge Person,“ sagte er noch, während sie gingen, „gut so, gut so, junge Person. Das alles ist närrisch, verstehst du, närrisch, närrisch, nur Narretei. Nur Bewegung, verstehst du, nur Farben, nur Trauer – es geht vorbei, verstehst du, das ist es: es geht vorbei. Weinen ist also gut, das Einzige – junge Person – – -“

Sie hörte, wie von weit her, verklingend, sein altes Gelächter an ihrer Seite.

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