B. Traven – Die Brücke im Dschungel

Roman, 1927 (Vorabdruck im „Vorwärts“), 1929 Verlag der Büchergilde Gutenberg

Wie urteilt Kurt Tucholsky über den Roman? Was löst Travens Erzählstil im Leser aus? Hat er die Geschichte nur erfunden oder selbst erlebt?

Eine schlichte Erzählung. Ein Blick in eine fremde, seltsame Welt. Eine Brücke, die zwei Welten zu trennen scheint: die der mit moderner Technik ausgestatteten weißen Siedler von der ihr traditionelles Leben führenden Indigenen.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Der Ich-Erzähler, auf der Suche nach Jagdgründen für die Krokodiljagd, trifft auf einer Lichtung mitten im Dschungel an einem Fluss auf einen ihm bekannten Amerikaner, der sich durch Rodung des Waldes Platz für eine kleine Ranch geschaffen hat. In unmittelbarer Nähe siedeln Indigene. Auf der anderen Seite des Flusses liegt eine Pumpenstation, die Wasser ins Hinterland pumpt. Verbunden sind beide Ufer durch eine primitive Holzbrücke ohne Geländer.

Der Ich-Erzähler beschließt, die angebotene Gastfreundschaft seines Bekannten anzunehmen und einige Tage in dessen Haus zu verweilen. An einem der folgenden Tage findet in den Abendstunden im schummrigen Licht einer Öllampe neben der Pumpenstation eine Tanzveranstaltung statt, während der ein kleiner Indianerjunge unbemerkt von allen von der Brücke in den Fluss fällt und ertrinkt.

Und nun, im letzten Drittel des Romans, wird alles dicht erzählt: Wie das tote Kind im Fluss gesucht wird, wie eine alte indianische Zaubermethode den Leichnam findet, wie die Totenfeier und die Beerdigung begangen wird.

Kurt Tucholsky schreibt unter seinem Pseudonym in der „Weltbühne“ (Ausgabe vom 25. November 1930) dazu:

„Diese zwölf Stunden sind mit der Zeitlupe aufgenommen – welche Augen! Wie unerbittlich läuft das ab, wie farbig, wie strömend-bewegt, und mindestens alle vier Seiten eine unvergeßliche Wendung, ein Bild, eine Beobachtung …“

Gerade die Schlichtheit von Travens Erzählstil übt eine Wirkung größter Ergriffenheit aus. Wir Leser blicken auf eine Welt, die uns fremd ist, die uns aber wärmer und heller erscheint als die, in der wir leben. Denn der Schmerz eines Einzelnen, in diesem Fall der Schmerz der Mutter, wird zum Leid aller Menschen des Urwalds, die mit ihr fühlen.

Möglicherweise hat sich B. Traven die Geschichte nur ausgedacht. Möglicherweise wurde er selbst Zeuge eines solchen Unfalls. In einem Brief an Manfred Georg, der für die „Weltbühne“ seinen Artikel „Kennen Sie B.Traven?“ recherchiert (der am 24. Septmeber 1929 erscheint) und einen Briefwechsel mit dem in Mexiko lebenden Schriftsteller führt, schreibt Traven:

„Ich kann mir nichts aus den Bleistiften herauskauen, andre können das vielleicht, ich nicht. Ich muß die Menschen kennen, von denen ich spreche. Sie müssen meine Freunde oder Begleiter oder meine Widersacher oder meine Nachbarn oder meine Mitbürger gewesen sein, wenn ich sie schildern will. Ich muß die Dinge, Landschaften und Personen gesehen haben, ehe ich sie zum Leben in meinen Arbeiten erwecken kann. Darum muß ich reisen zu fernen Ranchos und zu unbekannte Seen und Flüssen. Ich muß mich erst selbst bis nahe zum Wahnsinn gefürchtet haben, ehe ich Grauen schildern kann; ich muß alle Trauer und alles Herzweh erst selbst erleiden, ehe ich es die Gestalten erleiden lassen kann, die ins Leben gerufen werden sollen.“

„Die Brücke im Dschungel“ ist lieferbar, und das ist auch gut so. Travens Roman hat mich sehr bewegt. Ein Buch, das auch heutzutage noch sehr lesenswert ist.

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