René Schickele – Die alte Eiche

Auszug aus dem Roman „Die himmlische Landschaft“, abgedruckt im „Prager Tagblatt“, Ausgabe vom 1. Januar 1925

Die Ebene ist eine Küste, von einer Springflut zerstört. In langen Reihen liegen die Bäume, einzeln und zu Haufen an einander geworfen, verworfen. Der Rebberg steigt auf, müde, graue Flächen, mit Schneestreifen dort, wo die Wege gehn oder ein Stück Acker ausruht am Weinstock, der ihn ausgesogen.

Ein Mensch, schmal, zierlich, wendet sich ab und geht mit kleinen Schritten den rotsandigen Weg weiter, der aus den Bäumen des Parks in den Himmel über die Rheinebene hineinläuft und als kehre er schnell einer Versuchung den Rücken, wieder unter die Bäume und an die Böschungen zurückkommt. Hier gehn die Wege wie an der Leine, und auch der Mensch fühlt seinen Herrn. Ob er auf den kunstvollen Pfaden hinaufsteigt, wo eine Schloßruine in der Umarmung des Efeus vergeht, oder talwärts, wo der Park in Wiesen ausatmet und vorsichtig freigelassene Bäche den Uebergang zur Erde herstellen, die nicht mehr der „Herrschaft“ allein, sondern aller Welt gehört, oder ob er die Allee weitergeht, die, eine flache Hand, die wandert, die Besitzer vom Kindes- zum Greisenalter um den Schloßberg herumträgt, als hätten sie weiter nichts zu tun, als die Parade der merkwürdig heitern Landschaft abzunehmen – kein Schritt, der nicht vorgezeichnet, kein Sandhaufen, in dem nicht schon der Vater gespielt, keine Bank auf der nicht die Großmutter gesessen, kein Baum, der nicht schon vor hundert Jahren den kurzen, eilenden Tritt der Breisach gekannt hätte!

Ein Mensch, schmal, zierlich, blieb vor einer Eiche stehen, deren ausladene, doch gewaltig geschlossene Krone auf die Ulmen und Buches ihres Hofstaats aus dem Himmel herabsah. An dem einen Tag der Woche, wo der Park den Fremden geöffnet war, sammelten sich hier die Amerikaner, Engländer und Russen, denen das Reisebuch den Weg gewiesen, und versuchten, fromme Helden zu sein. Keiner von ihnen beachtete das Gnadenbild der Muttergottes von Szenstochau, das wie ein Marienkäferchen auf dem Stamm der Eiche saß, ein Zeichen des Heimwehs, das eine russische Frau der Breisach in die Rinde des Götzen hatte schmieden lassen. Das Gnadenbild in der Nische vermochte kaum, den Umriß eines Traumes im hellen Tag zu bewahren.

Der Baum trug noch einen anderen Fremdkörper, von dem die Fremden aber nicht das geringste wahrnahmen, das war, zuhöchst in der Krone, eine Stange, an der ein dunkler Tuchstreifen klebte. Der Mensch, schmal, zierlich, tief unter der Eiche, hüpfte in weitem Abstand um den Stamm, bis er entdeckte, was er suchte: die Vogelscheuche, die Adlerscheuche in der Krone des tausendjährigen Baumes, die Stange mit dem Rest abgerissenen Tuchs. Die hatte am Abend des vierten August 1914 seine welsche Frau in dem Wipfel der Eiche befestigt. An der Stange flatterte ein blau-weiß-rotes Tuch. Graf Breisach, der gerade eine frische Dragoneruniform um den Rundweg spazieren führte, kam dazu, wie seine Frau vom niedersten Ast des Baumes auf die Erde sprang. Sie ging tief in die Knie, stürzte nicht. Er blickte abwechselnd in die Höhe, wo das Franzosentuch im goldenen Abendwind eine Fanfare blies, die ihre Unerreichbarkeit verkündete, und auf Ada. Sie stand da, wie er sie am meisten liebte, im Sportdreß, den kleinen Lederhut ein wenig auf der Seite, und sah ihn ernst an. Er wollte mehrmals zornig fragen und blieb immer an der kleinen Falte zwischen ihren Augenbrauen hängen, die ihn von jeher gefangen hatte – jetzt aber dachte er, bitter und süß entzückt zugleich, daß Ada ihn, plötzlich anspringend, ins Gesicht schlagen könnte. „Weißt du, was du tust?“ wollte er sie anschreien, er legte in Gedanken sogar die Hand an den Säbel. „Aber du hast ja nie gewußt, was du tatst, du gehörst gejagt und gesteinigt wie bissige Hunde und Hexen – du charmanter Junge du! Wie würdest du laufen in den Lederhosen, auf deinen hohen dünnen Beinen, den kleinen braunen Hals zur Seite gedreht, um deine Verfolger zu locken, ich weiß wohin, Frauenzimmer! Verrat, gemeiner Verrat an mir und am Vaterland, sofort holst du den Schandlappen herunter, oder -„

„Wie bist du da hinauf gekommen?“ fragte er, den Blick in der Höhe.

Ada musterte ihn vom Uniformkragen bis zu den Sporen, starrte ihm dann ins Gesicht und antwortete leise:

„Ich hole sie wieder herunter, wenn du die Uniform ausziehst. Jetzt weißt du’s. Eigentlich hatte ich es für mich allein ausgedacht. Wenn du nicht zufällig des Wegs gekommen wärst, hättest du die Fahne nie entdeckt. Du blickst ja nie vom Boden auf.“

Jetzt aber sah Breisach täglich die Fahne, und bald sah er nur mehr sie. Er versuchte einigemal, bis in die Krone des Baumes zu klettern – ein aussichtsloses Unternehmen. Einen Fremden konnte er nicht damit beauftragen. Endlich, eines Nachts, fand sich jemand, der bis in den Gipfel der Eiche kletterte und das Tuch abriß. Die Weinhändlerswitwe Lore Gräslin. Da war schon die zweite Schlacht bei Mülhausen geschlagen und von den Franzosen in der Ebene nichts mehr zu sehn.

Als Lore, auf dem hohen Ast stehend, das Tuch abriß, verlor sie das Gleichgewicht und fiel. Breisach schrie, daß die Hunde im Schloßhof lostobten. Es gelang Lore, sich am benachbarten Ast auf den sie mit der Brust aufgeschlagen war, festzuhalten, sie hatte das Tuch nicht losgelassen, und zwei Minuten später sprang sie Breisach von der Muttergottesnische, in der sie Fuß gefaßt hatte, in die Arme. Sie riß ihn mit sich zu Boden. Er umschlang sie, während im Schloß Lichter aufflammten, und küßte sie, wahrhaft außer sich, mit Liebkosungen, die, unbekannt, aus ihm hervorbrechen, unter einem Regen von süßen Worten wie Blüten, die langsam, dicht, von einem sturmgeschüttelten Baume fielen.

Lore stöhnte wie ein Opfer.

Plötzlich hörte er Stimmen, Schritte. Sie sprangen auf, und jetzt flohen sie, vom Wege ab, durch Büsche, am Rand von Lichtungen entlang, über Brücken, er hatte seinen Arm um sie geschlungen und führte sie. Auf dieser Flucht wurde Lore seine Geliebte und nahm sie, die bisher nur sein versteckter Raub gewesen war, von ihm Besitz als ihrem Geliebten.

Dort, wo die Bäche dem Park ins freie Land entspringen und seine Bäume in kleinen Büschen das letzte vom Gärtner gelernte Wort vergessen, dort ruhten sie aus. Sie setzten sich in den Mondschein einer großen Wiese, gaben sich die Hand, und jeder horchte auf das Klopfen des andern Herzens. Einmal fragte er:

„Lore?“

Sie antwortete: „Ja.“

Dann schwiegen sie wieder, und dieses Schweigen war ihnen eben so neu und noch wunderbarer, als ihre Umarmung unter der Eiche gewesen.

Ja, und dann – und daran dachte der Mensch, schmal, zierlich, tief unter der riesigen Eiche – dann als sie aufgestanden waren, hatte sie beide Hände auf seine Schulter gelegt:

„So hoch wie deine Frau – du!“ hatte sie gesagt und ihn leicht geschüttelt, „so gut wie deine Frau klettere ich alleweil.“

Breisach schritt um die Eiche und blickte immer wieder nach oben, wo in der Krone das fremde Stück Holz hing. Der Stachel war geblieben.

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