Robert Musil – Hellhörigkeit

Skizze, veröffentlicht im Prager Tagblatt vom 20. April 1924

Ich habe mich vorzeitig zu Bett gelegt, ich fühle mich ein wenig erkältet, ja vielleicht habe ich Fieber. Ich sehe die Zimmerdecke oder vielleicht ist es der rötliche Vorhang über der Balkontür des Hotelzimmers; es ist schwer zu unterscheiden.

Als ich gerade damit fertig war, hast auch Du angefangen, Dich auszukleiden. Ich warte. Ich höre Dich nur.

Unverständliches Auf- und Abgehn; in diesem Teil des Zimmers, in jenem. Du kommst, etwas auf Dein Bett zu legen; ich sehe nicht hin, aber was konnte es sein? Du öffnest inzwischen den Schrank, rufst etwas hinein und nimmst etwas heraus; ich höre ihn wieder schließen. Du legst harte, schwere Gegenstände auf den Tisch, andre auf die Marmorplatte der Kommode. Du bist unablässig in Bewegung. Dann erkenne ich die bekannten Geräusche des Oeffnens der Haare und des Bürstens. Dann Wasserschwälle in das Waschbecken. Vorher schon das Abstreifen von Kleidern; jetzt wieder; es ist mir unverständlich, wieviel Kleider Du ausziehst. Nun bist Du aus den Schuhen geschlüpft. Danach aber gehn Deine Strümpfe auf dem weichen Teppich ebenso unablässig hin und her wie vordem die Schuhe. Du schenkst Wasser in Gläser; drei-, viermal hintereinander; ich kann mir gar nicht zurechtlegen, wofür. Ich bin in meiner Vorstellung längst mit allem Vorstellbaren zu Ende, während Du offenbar in der Wirklichkeit immer noch etwas Neues findest. Ich höre dich das Nachthemd anziehn. Aber damit ist noch lange nicht alles vorbei. Wieder gibt es hundert kleine Handlungen. Ich weiß, daß Du dich meinethalben beeilst; offenbar ist das alles also notwendig, gehört zu Deinem engsten Ich, und wie das stumme Gebaren der Tiere vom Morgen bis zum Abend ragst Du breit, mit unzähligen Griffen, von denen Du nichts weißt, in etwas hinein, wo Du nie einen Hauch von mir gehört hast.

Zufällig fühle ich es, weil ich Fieber habe und auf Dich warte.

2 Kommentare zu „Robert Musil – Hellhörigkeit

  1. Toll, dass man über Deinen Blog, in diesen Zeiten, innehalten kann um sich für ein paar Minuten mit so einem wunderbaren Text zu beschäftigt! Bin gespannt und freue mich auf mehr. Viele Grüße aus dem hohen Norden, Carolin

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