Leo Korten – Kriegsmatura

Erzählung, veröffentlicht im Prager Tagblatt, Ausgabe vom 19. Juli 1930

„In welche Klasse gehn Se?“, sagte der Regimentsarzt, nachdem er einen langen Zug aus seiner Virginiazigarre getan und einen Augenblick lang den ausgemergelten Knabenkörper des Franz Bitter, zur Zeit noch Schüler der achten Klasse des Realgymnasiums, prüfend betrachtet hatte. Es hatte fast den Anschein, als sollte der durch Dörrgemüse- und Wruckenkost geschwächten Körperkonstitution des ohnehin zarten Mittelschülers Rechnung getragen werden. Er stand noch ganz verdattert da, weil ihm das bewegliche Stück des hölzernen Messapparates schmerzhaft auf den Kopf gefallen war. Aber ein Nicken des Vorsitzenden der Musterungskommission entschied seine Reife für die Schlachtbank. Schon eine halbe Stunde später sagte er mit aufgeregter Stimme „Wir schwören … zu Wasser und zu Lande …“ und dann durfte er, einen eilig beschriebenen Wisch in der Tasche, aus der Vorhölle des Soldatentums wieder ins Freie. Nur wenige Bereiche waren der bürgerlichen Autorität 1928 verblieben, und auch in den Klassenzimmern der Mittelschulen schien sie schon allmählich zu wanken. Da war der Professor „Mäh“, so genannt, weil er das französische Bindewort mais fast stets an den Anfang eines Satzes stellte und so lange dehnte, bis ihm die französischen Vokabeln einfielen, derer er sich bedienen wollte. Mäh war Klassenvorstand und legte in seinen Stunden nicht so sehr Gewicht auf den Französischunterricht als auf die „patriotische Erziehung“ der ihm anvertrauten Siebzehn- und Achtzehnjährigen und insbesondere darauf, daß in seiner Klasse ein jeder Kriegsanleihe zeichnen muß. Nur zwei Schüler hatten es vermocht, den beharrlichen Predigten und Ermahnungen des Mäh erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen und keinen Heller Kriegsanleihe gezeichnet. Dem einen, der die französische Sprache vielleicht besser als sein Lehrer beherrschte, konnte er trotz eifriger Bemühungen im Unterricht nichts anhaben. Während Mäh unregelmäßige Zeitwörter prüfte, las der Aufrührer sozialistische Broschüren unter der Bank. „Warum beteiligen Sie sich nicht am Unterricht?“, fuhr ihn der kurzsichtige Mäh an. „Bitte, Herr Professor, ich kann alles,“ war die bescheiden-liebenswürdige Antwort des Schülers. „Mais … das wollen wir mal sehen,“ erwiderte Mäh mit zornbebender Stimme. Aber der unbotmäßige Schüler blieb keine Antwort schuldig und er konnte sich in der Folge ungestört seiner verbotenen Lektüre hingeben. Trotz der beiden schwarzen Schafe in seiner Schülerschar erhielt Mäh übrigens das Zivilverdienstkreuz zweiter Klasse.

Wenn nach den Musterungsterminen die Ergebnisse stolz verkündet wurden, benahmen sich die Professoren wie Heldenmütter in patriotischen Kitschgedichten. Sie waren stolz, daß ihre Schüler „zu den Fahnen eilen durften“. Nur ein Professor bildete eine Ausnahme, der aus seiner Kriegsgegnerschaft kaum einen Hehl machte und auch vor der zivilen Autorität des Direktors unerschrockene Angriffslust bewies. Freilich lebte er in der steten Besorgnis, daß der Direktor an der Klassentüre lauschen könnte und unvermittelt schrie er, wenn er ein verdächtiges Geräusch am Korridor zu hören glaubte, einen in der ersten Bank sitzenden Schüler an: „Jetzt laufen’s mir aber rasch auf den Gang, und wer imm draußen ist, den zarren’s mir eini!“ Nie aber nahmen die Häscher den Direktor gefangen, sondern immer nur einen „Ersten Klassler“, der in der Lateinstunde „Bitte, darf ich hinaus?“, gesagt hatte, um auf dem Gange sein Frühstücksbrot in Ruhe verzehren zu können. Und wenn der rothaarige „Direx“ einmal den Unterricht inspizieren kam, gelang es den bald offen, bald versteckt stichelnden Reden des Professors, von denen „I‘ sag’s ja immer, i‘ kann kan Roten leiden“, noch die harmloseste war, den ungebetenen Gast in die Flucht zu schlagen.

Die ersten Zeichen des Aufruhrs in der Schülerschaft wurden aber erst offenbar, als die Eingerückten der Reihe nach als „Kriegsmaturanten“ aus der Etappe oder dem Schützengraben auf die Schulbank zurückkehrten. In sechs Wochen Studienurlaub sollten sie den versäumten Lehrstoff der achten Klasse nachholen. Professor Mäh berief eine Professorenkonferenz ein, weil der Schüler und k. k. Fähnrich Grüner auf dem Gange geraucht hatte. Die Schulaufsätze wurden immer weniger patriotisch, die Lehrer warben vergeblich für die achte amortisable Kriegsanleihe, die militärischen Uebungen unter Leitung des Turnlehrers hatten stets sinkenden Zuspruch, kurz, nicht nur in den Reihen der k. u. k. Armee, sondern auch im k. k. Realgymnasium ließ die Disziplin immer mehr zu wünschen übrig. Einen nicht geringen Teil der Schuld an so verderblichen Sitten mußte man wohl dem Schüler Franz bitter zur Last legen, der aus der Etappe in seiner Kadettenuniform, die er übrigens schon nach einigen Tagen mit seinem abgetragenen, um seinen mageren Körper schlotternden Schulanzug vertauschte, auf die Schulbank zurückgekehrt war, um ein Maturazeugnis, ein „Reifezeugnis fürs Leben“, wie sich der unentwegte Mäh ausdrückte, zu erwerben. Sein rebellischer Geist lehnte es ab, sich auch nur dem Scheine nach in die slawischen Sitten des Schulbetriebes zu fügen. Ohne Entschuldigung blieb er einmal der Latein- und der darauffolgenden Französischstunde fern und erklärte, zur Rede gestellt, unter dröhnend-beifälligem Gelächter der Klasse, er habe ein Rendezvous mit einem Mädel im Stadtpark gehabt. Auf Prüfungsfragen antwortete er nicht selten: „Das weiß ich nicht und es interessiert mich auch nicht!“ Er lehnte es ab, Punkt acht Uhr morgens zum Unterricht zu erscheinen, weil er sich, wie er sagte, während seines Urlaubs ausschlafen wollte. Und sein französischer Aufsatz über das von Mäh gestellte Thema „Quels sont les liens qui nous joignent à la patrie?“ („Welches sind die Bande, die uns mit dem Vaterland verknüpfen?“), der Gegenstand einer eigens einberufenen Professorenkonferenz war, soll nahezu an Hochverrat gegrenzt haben. So kam es, daß es Mähs Einfluß fast gelungen wäre, die anderen Professoren zu überreden, dem aufrührerischen Bitter das sonst niemandem versagte Reifezeugnis zu verweigern. „Aber trotzdem erkläre ich,“ so sagte Mäh immer wieder, „dieser aufgeblasene Bursche ist nie und nimmer reif fürs Leben!“

Im Juni 1918 mußte Bitter erkennen, daß die „Bande, die ihn mit dem Vaterland verknüpften“, noch recht kräftige Bande waren. Sein sechswöchiger Studienurlaub war abgelaufen und es galt, sich so rasch als möglich wieder bei seinem Truppenkörper zu melden. Ein Brief, den er durch Vermittlung eines befreundeten Urlaubers in die Heimat sandte, begann mit den Worten: „So bin ich also wieder von der Schulbank zur Schlachtbank zurückgekehrt …“

Kurze Zeit später begegnete Mäh Franz Bitters Mutter. Es wäre nicht von Nöten gewesen, daß sie Trauerkleidung trug, um zu erkennen, daß ihr Sohn in seinem letzten Briefe die Wahrheit geschrieben hatte. „Mein tiefstes Beileid zu Ihrem schmerzlichen Verlust“, sagte Mäh, „möge es Ihnen ein Trost sein, daß Ihr Sohn für unser geliebtes Vaterland den Heldentod erlitten hat“. Diese letzten Worte soll Mäh vielmehr nicht zu Ende haben sprechen können: irgendein gänzlich unvermutetes Ereignis soll ihm die Rede verschlagen haben. Die einen sagen, daß die also Angesprochene vor ihm ausgespuckt habe, andere berichten, daß seine Brillengläser alsbald klirrend zu Boden fielen. Beides ist unverbürgt. Verbürgt ist lediglich, daß jener Professor, der während seiner Unterrichtsstunden so oft vergebliche Jagden nach dem lauschenden Direktor veranstaltet hatte, vor diesem und der versammelten Schülerschaft eine kurze Rede hielt, die also ausklang: „Mein Kollege, Ihr Herr Klassenvorstand, hat die Ansicht vertreten, daß Ihr Mitschüler Franz Bitter nicht würdig war, fürs Leben reif erklärt zu werden. Er hat sein Maturazeugnis dennoch erhalten. Und nun erweist sich, daß man ihm freimütig noch eine ganz andere Reife zuerkannt hatte: Reif, im Schützengraben zu krepieren!“

Es war der letzte Schultag des Schuljahres 1917-18.

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