Oskar Baum – Erinnerungen an Franz Kafka

Abgedruckt im Prager Tagblatt, Ausgabe vom 21. Februar 1930

Unsere erste Begegnung steht mir noch in klarer Erinnerung. Max Brod vermittelte sie. Er brachte Franz Kafka zu mir und las uns an jenem Herbstnachmittag 1904 seine eben vollendete Novelle „Ausflüge ins Dunkelrote“ vor. Wir waren damals wenig über 20 Jahre alt. Aus dem begeisterten Meinungswechsel, in den uns die Probleme der Erzählung verwickelten, und der in äußerst gezügelter Wortsparsamkeit nach unserer damaligen Art geführt wurde, ist mir noch mancher Ausspruch erinnerlich. So sagte Kafka unter anderem: Wenn man nicht nötig hat, durch Stileinfälle vom Geschehenen abzulenken, so ist die Verlockung hierzu am stärksten.

Den tiefsten Eindruck hatte mir die erste Begegnung, mit der Kafka in mein Zimmer getreten war, hinterlassen. Er machte mir während der vorstellen Worte Brods eine stumme Verbeugung. Das war, sollte man glauben, eine sinnlose Förmlichkeit mir gegenüber, der ich sie ja nicht sehen konnte. Sein glattgestrichener Haarscheitel berührte indes, wohl infolge meiner etwas zu heftigen gleichzeitigen Verbeugung, flüchtig meine Stirn. Ich fühlte eine Ergriffenheit, deren Grund mir im Augenblick nicht in vollem Umfang klar war. Hier hatte einer als erster unter allen Menschen, die mir begegnet waren, einen Mangel als etwas, das nur mich allein anging, nicht durch Anpassung oder Rücksicht, nicht durch die geringste Veränderung seines Verhaltens festgestellt.

So war er. So wirkte seine einfache und natürliche Entfernung vom Zweckhaft-Ueblichen, so überbot seine strenge kühle Distanz die landläufige Güte, die ich sonst bei ersten Begegnungen durch grundlos gesteigerte Wärme der Reden, des Tonfalls, des Händedrucks kennen lerne, an Tiefe der Menschlichkeit.

Wenn er vorlas – das war seine besondere Leidenschaft -, dann unterordnete sich der Ausdruck des einzelnen Wortes bei voller Klarheit jeden Lautes, in zuweilen schwindelerregendem Zungentempo, ganz einer musikalischen Breite der Phrasierung von endlos langem Atem und gewaltig sich steigernden Crescendi der dynamischen Terrassen – wie ihn ja auch seine Person hat, deren abgeschlossene Stücke zuweilen wie „Die Zirkusreiterin“ im Wunderbau eines einzigen Satzes gewachsen sind.

Durch gewisse eigene Züge prägte sich mir die Zeit ein, da Kafka an seinem Drama schrieb, von dem niemand je ein Wort zu lesen bekam. Es sollte, glaube ich, „Die Grotte“ oder „Die Gruft“ heißen uns apielte – folge ich den Andeutungen, die ihm zuweilen in der aufgeschlossenen Freude nach der Arbeit entschlüpften – unter Hirten und Schäfermädchen vor dem Eingang zu bereitstehenden Grabgewölben. Ein Kampf gegen und für den Tod in einem heiteren Spiel der Gefühle, die ihre Macht und Süßigkeit aneinander messen. Man schämt sich des Todes wie etwas beinahe Ungehörigen und Unanständigen, weil er als Strafe gilt, ohne daß es sich freilich herausbringen ließe, für welche Art von Sünde er verhängt wird, denn es werden ja auch andere Strafen verteilt. Wenn junge Menschen sich den Tod zuschulden kommen lassen, fühlen sie es als besonders beschämend. Die Ehrfurcht vor alten Menschen kommt daher, daß sie so lange schon leben und den Tod noch nicht verdienten. Daß ihn einer nie verdienen würde, auf den Gedanken kommt man überhaupt nicht, aber sicher ist, daß es die gefährlichste Sünde ist, sich immer nur vor ihm zu hüten, nur an das Nicht-Sündigen zu denken. Von der Handlung des Dramas verriet er nichts.

Als das Drama vollendet war, weigerte er sich, daraus vorzulesen. Wir wußten von manchem früheren Werk her was es damit auf sich hatte, wenn er es für mißlungen erklärte. Aber er schlug unsere innigsten schlauesten und derbsten Angriffe ab. Er sagte: „Das einzig Nicht-Dilettantische an dem Stück ist, daß ich es nicht vorlese.“

Es war dann wohl unter der großen Zahl von Manuskripten, die er, vor seiner Abreise von Berlin an seine Sterbestätte, langsam eines nach dem andern ins Feuer warf.

Um die Zeit, als jenes Drama entstand, hatte er drei Wohnungen. Er, der sonst so Lufthungrige, wählte für die Arbeit eines der niedrigen, engen Zwerghäuschen mit einem einzigen Gelaß, in denen der Ueberlieferung nach die Alchimisten Kaiser Rudolfs gehaust haben. Der Ofen qualmte, aber hier war es unüberbietbar still, vollkommene Einsamkeit.

Für den Schlaf mietete er einen der überhohen luftigen saalartigen Räume mit riesigen Fenstern in einem alten Adelspalais, den freilich im Winter kein Ofen der Welt erwärmen konnte. Für das unausweichlich Uebliche: für Mahlzeiten, menschlichen Umgang diente sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern. Das war eine für sein Schaffen sehr günstige Einteilung, die ihn aber seine Gesundheit kostete.

Zu Anfang 1918 war ich acht Tage lang mit ihm in Zürau, einem damals tief verschneiten Dorf bei Saaz, wo seine tapfere Schwester ein Gütchen bewirtschaftete. In den langen Nächten, die wir oft bis zum Morgen durchplauderten, erfuhr ich mehr von ihm als in den zehn Jahren vorher und den fünf nachher. Vielleicht gelingt es mir einmal, eines einigermaßen zusammenhängendes Bild seines damals sehr bitteren und lebensabgewandten Seelenzustandes wiederzugeben.

Von den vielen Entwürfen und Plänen, die er mir in jenen Nächten ohne die Hoffnung, ja ohne die Absicht, sie je auszuführen, erzählte, möchte ich hier nur eine kleine phantastische Geschichte andeuten: Ein Mann will die Möglichkeit einer Gesellschaft schaffen, die zusammenkommt, ohne eingeladen zu sein. Menschen sehen und sprechen und beobachten einander, ohne einander zu kennen. Es ist ein Gastmahl, das jeder nach seinem Geschmack, für seine Person bestimmen kann, ohne daß er irgendwem beschwerlich fällt. Man kann erscheinen und wieder verschwinden, wenn es einem beliebt, man ist keinem Hauswirt verpflichtet und ist doch, ohne Heuchelei, immer gern gesehen. Als es zum Schluß tatsächlich gelingt, die skurrile Idee in Wirklichkeit umzusetzen, erkennt der Leser, daß auch dieser Versuch zur Erlösung des Einsamen nur – den Erfinder des ersten Kaffeehauses hervorgebracht hat.

Die Ausnahmestellung Franz Kafkas und seines literarischen Werks im Schrifttum unserer Tage läßt sich begründen, aber nur wer die tiefe innere selbstverständliche Uebereinstimmung jeder seiner flüchtigsten Aeußerungen seiner Worte, seines Tonfalls mit dem Geschehen und den Charakterphysiognomien in seinen Erzählungen erlebt hat, wird etwas von dem Rätsel dieses schöpferischen Geistes begreifen.

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