Alexander Roda Roda – Pension Stierli

Erzählung, erschienen im Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung am 11. September 1932

Ich sollte drei Monat in Basel bleiben. War knapp im Geld – da hieß es, dem Hotel rasch entrinnen, es war teuer. Jemand – wer, zum Teufel? – empfahl mir: Pension Stierli.

Man zeigte mir ein ziemlich großes Zimmer, es war mir recht.

Erst als ich eingezogen war, betrachtete ich es genauer.

Blick: nach Norden, Sträßchen. Tapete: dunkelrote Trauben in blau-violettem Gerank. Es gab einen Tisch, den hatte ein gotischer Zimmermann gefügt; aus Bohlen der Pfahlbauern? Drei Stühle: ein gebogener mit Rohr; zwei von Ebenholz gedreht, aus dem Dogenpalast; der Brokat etwas abgeschabt. Da lag rotgewürfelter Barchent. Das Sofa muß einst einer großen Kurtisane gehört haben. Rechts stand ein zweites, ein Sofachen: Lokalzug, Polsterklasse. Bilder an den Wänden: Oeldruck – „Hafen von Amsterdam“; „Die Leidenschaften“ – Heliogravüre. Quer darunter eine Art Handtuch mit verblichener Stickerei: „Grüß Gott, tritt ein, bring G ück herein.“ Ein Buchstabe fehlte.

Die übrigen Räume des Hauses Stierli habe ich niemals erforscht, niemals. Sie dehnten sich hinten ins Dunkel mächtig unheimlich – vielleicht meilenweit ins Dunkel – oh, sicher meilenweit. Hie und da stand eine Tür offen, daraus drangen Zugluft, Zwielicht, Zwiebelgeruch. Eine Tür führte nach dem Klosett – das Dienstmädchen lehrte mich, den Weg dahin im Finstern tappen. Irgendwo in der Polarnacht pflegte ein Telefon zu schrillen; ich brauchte es nicht – da bin ich ihm auch nicht nachgegangen.

Einmal wurde mein Zimmer geräumt, ich mußte draußen warten, in der Vorhöhle der Katakomben, auf einem Stuhl. Die Damen Stierli setzten sich zu mir; so lernte ich sie kennen.

Die Alte unermeßlich dick. Sie atmete schwer. Schon bei unserer ersten Begegnung, und später immer wieder, erzählte sie von einem Baron Rosen, der hatte vor fünfzehn, zwanzig Jahren da gewohnt. Balte, aus Reval. Schon ein älterer Herr. Hatte wunderbare englische Zigaretten, zu einem Frank die Schachtel (natürlich heute ist das kein Wunder, aber damals waren Zigaretten so wohlfeil …) Die schenkte er immer Madame, oft eine ganze Schachtel auf einmal. Er hatte zuweilen Besuch einer Nichte, Gräfin Kaltenhofen; sehr feinen Frau. – Wenn die Alte so hinschwatzte, fehlte ihr immer ein Konsonant; wie auf dem Handtuch.

Auch über die Tochter Stierli erfuhr ich bald das Notwendigste. Sie ging immer im Samtschlafrock, mit offenem Haar. Der Bengel, der da umherlief, gehörte ihr, war ihr Sohn; fünfte Klasse, Volksschule. Sie war zuerst beim Theater gewesen; aber da sind die Menschen sehr schlecht, der Neid herrscht, Gemeinheit und Intrigue. Man muß sich dem Regisseur preisgeben, um es zu was zu bringen als junges Mädchen – das aber wollte sie nicht, haha! Lieber hatte sie geheiratet, überaus jung, kaum sechzehn. Der Sohn ist erst acht. – Sie sah sehr verbraucht aus; sollte das Sofa drinnen am Ende … – schrecklicher Gedanke – … sollte es ihr gehört haben?

Scharfe Züge wie ein albanischer Häuptling. Nur das schöne Haar war ihr geblieben aus besseren Tagen. – Ich war im Augenblick zu Hohn gestimmt und sagte: „Sie sollten zum Film.“ – Daran hätte sie auch schon gedacht.

Ich hatte auf dem Schrank im Zimmer meinen Koffer mit dem Patentschloß, darin verwahrte ich meine Dokumente. Stierlis öffneten den Koffer und stöberten ihn durch. So oft ich die Wochnung verließ, stand die Alte am Fenster Schmiere; die Tochter stöberte.

Ich fing Gedichte an und ließ sie liegen – sie lasen meine Bekenntnisse. Lasen, wie ich Annetten bestürmte, und was mir Annette darauf schrieb.

Sie untersuchten meine Taschen, beim Kleiderbürsten, und schnüffelten mein Bett ab. Aus Medikamenten, die auf meinem Waschtisch standen, erfuhren sie erst um meine Krankheit; das war mir sehr unangenehm. Die Alte soff meinen Kognak. Sie nahm sich nicht mal die Mühe, das Manko durch Wasser zu ersetzen; bevorzugte doch den Kognak unverdünnt. Sie mausten meine Taschentücher und wischten sich damit die Wimpern, so oft sie eine meiner Verfehlungen erkundet hatten.

Der Rechtsanwalt drohte: wenn ich mit den Raten für das Kind in Rückstand bliebe … Ich verbrannte den Brief. Dann fiel mir ein: droht der Rechtsanwalt aus Dresden? – oder der aus Prag?

Ich musterte den Umschlag; hatten die Weiber ihn geöffnet, schon ehe sie ihn mir gaben; die Haarnadel der Alten stak noch drin.

Sie sahen eine Türspalte aufglühen, wenn ich Licht machte, sahen sie auch verlöschen. Hörten, wenn ich mich wusch. Sie wußten um meine Verdauung.

Ich hatte schlaflose Nächte. Sie spähten durchs Schlüsselloch: warum? – Ein Agent besuchte mich. Sie horchten: wozu?

Ueber das uneheliche Kind waren sie nun unterrichtet und über meine Krankheit. Im Koffer hatte sie auch meine Bankabrechnung entdeckt. Sie wußten um meine Geschichte in Dresden: Konkurs und Pfändung. In der Vorhöhle hockten sie im Dunkel, die bleichen Molche, und wenn ich vorbeiging, blickten sie mich mit grünen Augen an, vorwurfsvoll, bekümmert – mit Augen, des Dunkels gewohnt.

Sie kannten die Höhe meines Vermögens, die Ausgaben und Schulden; daß ich nur noch einen Monat zu leben habe. Das Dienstmädchen gab vor, ich hätte ihr zwei Frank Trinkgeld gegeben; sie errechneten aus meinem Portemonnaie: Nein, drei. Daß meine Tante in Prag ein schlimmes Café betreibt, muß ihnen der Agent gepetzt haben.

Ich machtemir Notizen, stenographisch. – die Tochter hatte mal den Handelskurs besucht. Da schrieb ich in griechischen Buchstaben; sie war auch auf dem Gymnasium gewesen.

Ich bewarb mich um einen Posten im Chemietrust; heut abend erfahr ich das Ergebnis. – Schon mittags sagte mir die Alte: Baron Rosen habe das seinerzeit ebenfalls versucht und sei abgewiesen worden; „obwohl er niemals wegen Veruntreuung vorbestraft war“, setzte sie hinzu; und ihre Augen leuchteten grünbekümmert.

Da erschrak ich, die Knie schlotterten mir; ich verkroch mich in meine Stube und heulte. Sie hörten es. – Ich sprang auf, ging hinaus zu ihnen und stammelte: leider müsse ich weg aus Basel – nächste Woche würde ich aus der Wohnung gehen. – O nein, sprach die Alte, sie nähmen nur Dauermieter; drei Monat wenigstens – das hätten sie mir von Anbeginn gesagt. – Die Tochter nickte entschlossen – schon sah ich sie vor Gericht die Finger zum Eid erheben.

Wie komme ich weg von hier? – Morgens sagte ich: „Hören Sie, Frau Stierli, ich muß Ihnen etwas gestehen. Ich habe bei der Schwarzen Reichswehr in Deutschland einen Mord begangen… – es ist ein großer Preis auf mich gesetzt.“ – Mutter und Tochter schüttelten nur ernst die Köpfe. Mord? – Wann könnte das gewesen sein? Sie kannten doch mein Vorleben Stunde um Stunde, wußte, daß ich log.

Endlich waren die drei Monate bei Stierli um. Ich zog nach Frankfurt; nach Stockholm; nach Budweis.

Fünfzehn Jahre später begegnete mir auf einem Dampfer im Mittelmeer eine Frau. Sie durchschaute mich wie einen Bergkristall – keins meiner Moleküle blieb ihr verborgen, Körper, Seele und Vergangenheit; wußte alles von mir- von mir und Baron Rosen, dem Balten. Alles, alles. Kam eben aus Basel; hatte bei Stierli logiert.

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