Charlotte Till – Der Mann an der Peripherie meines Lebens

Erzählung, abgedruckt am 9. Januar 1932 im Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung

„Sag mal ehrlich: liebst du ihn?“

Und da sollte ich nun beichten. Erika ist meistens diskret, sie fragt selten so plötzlich und abrupt. Aber wenn ich ihr aus heiterem Himmel, unvermittelt, ohne jegliche Vorbereitung etwas erklären muß, dann ist das immer sehr gesund für mich und mein Leben. Ich muß mich mit mir und den jeweiligen Umständen laut auseinandersetzen und erkenne vieles überdeutlich, was ich vorher nie genau gewußt hatte. Es war zwar da, natürlich, aber es war nicht in Worte gefaßt, nicht ausgesprochen. Das ist ein großer Unterschied … Antworten auf Erikas unvermutete merkwürdigen Fragen sind selten ohne Folgen, sie bleiben nie ohne gefühlsmäßig neu geschaffene Situationen, ohne Erkenntnisse.

Um Zeit zu gewinnen – ich war etwas erschrocken – sagte ich das immer Passende: „Wieso?“ 

Weise und erhaben und eine Spur diktatorisch skandierte sie ruhig: „Weil sein Bild seit Jahren das einzige in deinem Zimmer ist. Weil du fast nie von ihm sprichst. Weil du, fällt sein Name, immer genau über ihn und sein Tun Bescheid weißt. Und weil ich das endlich wissen will. – – Ich möchte ganz gern die Wahrheit hören“, murmelte sie noch drohend, als ich anfing, ernsthaft nachzudenken …

Es hatte keinen Zweck, ihr etwas vorzumachen. Es war im Gegenteil mit einem Male sehr wohltuend, davon zu reden. Und ich gestand. Erzählte. Gestikulierte. 

„Nein. Lieben? Nein. Wir sind beide seltsam unsentimental miteinander. Wir würden sehr lachen, wenn uns jemand, der uns beglückt zusammen wo sitzen sähe, erklärte: „Ihr liebt Euch ja!“ Das ist etwas ganz anderes. Das ist: Kontakt. Das ist: ewig lange kennen. Das ist: immer innerlich füreinander da sein. Vielleicht eine Abart Liebe. Liebe ist nicht immer „Liebe“. Liebe ist überhaupt nicht so, wie man sich das vorher denkt … Neulich fühlte ich mich einsam. Das schrieb ich ihm: „Ich fange an, den Kontakt mit dir zu verlieren.“ Und bekomme die herrlich dumme Antwort, in einem seiner kurzen drolligen Briefe: „Ich freue mich wenig, daß du Kontakte gewinnst und verlierst. Alberne Person!“ Das ist der liebevollste Ton, den es zwischen uns gibt. Liebe? Aber nein. Wir sehen uns so selten. Mal acht Tage hintereinander, mal ein ganzes Jahr überhaupt nicht. Und schreiben uns nur knappe Briefe mit wesentlichen Tatsachen.  Er reist immerzu in der Welt umher. Plötzlich kommt ein Telegramm: „Ich bin eine Woche in Mailand.“  Das heißt: Komm! Und am nächsten Tag fahre ich. Oder es ist Dresden oder Hamburg. Ich komme an, wir sehen uns: Vom ersten Augenblick an Kontakt, nichts Fremdes, Wärme, Kennen, Wissen, kein Theater. Aus der vorgesehenen Woche werden entweder zwei Tage, weil er ganz unzuverlässig ist, oder es werden zwei Wochen, weil die Sonne so schön scheint. Er hat zum Beispiel zu tun, und ich nehme mir für diese Zeit irgendwas vor. Gut. Keiner ist gebunden, keiner nimmt dem anderen etwas übel, denn jeder geht unbeschwert, ungestört seiner Wege. Er ist der einzige Mann, auf dessen Telefonanruf ich dann geduldig warte, und wenn ich gar nichts von ihm höre, beunruhige ich mich auch nicht. Man wird sich morgen sehen … Er ist der einzige Mann, auf den ich bei Verabredungen stundenlang warte, ohne nervös zu werden, und er wieder wird nie auf die Idee kommen, mir Vorwürfe zu machen, wenn ich aus meinem Hotel wegging, ohne Genaues zu hinterlassen. Er sitzt friedlich in der Halle: „Da bist du ja. Können wir jetzt essen?“ Ohne Fragen, ohne Enervement. 

Ich wundere mich auch nicht, wenn er morgen unangemeldet in meinem kleinen Zimmer sitzt. „Guten Tag“, würde er sagen, „kommst du eben mal mit in den neuen Film?“ Und es wäre selbstverständlich, daß ich alles andere im Stich ließe und, solange er hier ist, für ihn allein da bin. Aber siehst du: auf die Dauer könnte ich ihn mir absolut nicht in meiner bürgerlichen Alltäglichkeit vorstellen,  weder mit Besorgungen für ihn, noch mit Pflichten um ihn, mit Mühe und Unannehmlichkeiten. Das ist wohl das Wesentliche daran … Er ist lediglich der  Mann an der Peripherie meiner Existenz. Ein kleines Stück unvorhergesehenes Glück in meinem Leben. Aber er ist da, Gott sei Dank, er ist da. Sonst wäre man ein bißchen sehr allein auf der Welt …“

*

Schweigen.

*

„Erika, warum willst du eigentlich wissen, ob ich ihn liebe? Warum fragst du gar nicht, ob e r mich liebt?“

„Du Dummes“, sagte sie still und so grandios, wie sie es manchmal ist, „weil Frauen, wie du eine bist, nicht geliebt werden wollen. Sie wollen nur selbst lieben dürfen …“

„Geh jetzt“, bat ich etwas jämmerlich. 

Und wußte es endlich, und fühlte es zum erstenmal schmerzhaft klar, wie wunderbar es ist, daß es ihn gibt. Zwar im Augenblick sehr weit weg in Aegypten bei Nil und Krokodilen – aber doch: Sehr, sehr schön ist das … Und ich schrieb ihm schnell einen ungewöhnlich langen Brief.

Mitten in der Nacht telefonierte Erika. (Sie hat solche bohememä0ige Anwandlungen.) 

„Ich habe es mir überlegt. Du liebst ihn. Glaub` mir, man kann auch einen Mann lieben, der nur am Rande seines Lebens eine Rolle spielt!“

„Nein!“ schreie ich wütend, und lege den Hörer auf.

Ich muß es schließlich besser wissen.

Liebe kann doch nicht so unbeschwert sein.

Und so ohne Angst und Unsicherheit.

Aber ich fing an, mich über meine Gefühle zu beunruhigen …

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