Katherine Mansfield – Mörder im Haus

Erzählung, gefunden in der Zeitschrift „Jugend“, Nr. 16, 1928

Millie lehnte an der Verandatür, bis die Männer außer Sehweite waren. Als sie schon ein gutes Stück die Straße hinunter waren, wandte sich Willie Cox im Sattel um und winkte. Aber Millie winkte nicht zurück. Sie nickte ein wenig mit dem Kopf und schnitt ein Gesicht. Kein übler junger Mann, dieser Willie Cox, aber ein wenig zu frech und frei für ihren Geschmack. Du mein Gott, was das eine Hitze! Genug, einem die Haare zu versengen!

Millie legte sich ihr Taschentuch auf den Kopf und beschattete die Augen mit der Hand. In der Ferne, die staubige Straße entlang, konnte sie die Pferde noch wie braune Punkte auf und nieder tanzen sehen. Es war halb drei. Die Sonne hing am blaßblauen Himmel wie ein brennender Spiegel, und in der Ferne, jenseite der Koppeln, flimmerten und wogten die Berge wie ein Meer.

Sid würde nicht vor halb elf zurück sein. Er war mit vieren von den Burschen hinübergeritten in die Stadtsiedlung, um mitzuhelfen, den Kerl zur Strecke zu bringen, der den Williamson ermordet hatte. Es war wirklich schrecklich! Und Frau Williamson jetzt ganz allein mit dem Haufen kleiner Kinder. Sonderbar! Sie konnte sich nicht vorstellen, daß der Williamson tot war! Er war solch ein lustiger Mann. Mit jedermann hatte er seinen Spaß. Willie Cox hatte erzählt, sie hätten ihn in der Scheune gefunden, den Kopf durch und durch geschossen, und der junge englische „Johnny“, der Volontär auf der Landwirtschaftlichen Versuchsstation, – sei verschwunden. Sonderbar! Sie vermochte sich nicht vorzustellen, daß irgend jemand Williamson erschießen könnte, wo er doch so beliebt war. Wenn sie den Burschen erwischten! Nein, solch ein Kerl konnte einem nicht leid tun. Und Sid hatte gesagt, wenn man den nicht aufknüpfe, wohin würde das noch führen! Solch ein Mensch bleibt nicht bei dem einen Mal stehen. Und Willie Cox hatte gesagt, er sei so verdutzt gewesen, er habe eine Zigarette aus einer eingetrockneten Blutlache aufgelesen und sie geraucht.

Millie ging zurück in die Küche. Sie warf Asche auf den Herd und besprengte sie mit Wasser. Träge räumte sie das Eßgeschirr fort, während ihr der Schweiß übers Gesicht rann und von Nase und Kinn herabtropfte. Dann ging sie in den Schalfraum, bestarrte sich in dem von Fliegenspuren bedeckten Spiegel und trocknete sich Gesicht und Hals mit einem Handtuch. Sie wußte nicht, was diesen Nachmittag eigentlich mit ihr los war. Sie hätte sich ordentlich ausweinen mögen – ganz ohne jeden Grund – und dann ihre Bluse wechseln und eine gute Tasse Tee trinken.

Ja, danach war ihr zu Mut! Sie ließ sich auf die Bettkante sinken und starrte auf den Farbendruck an der Wand gegenüber: „Gartenfest in Schloß Windsor“. Im Vordergrund smaragdgrüner Rasen und ungeheure Eichenbäume und in ihrem Schatten ein Durcheinander von Damen und Herren und Sonnenschirmen und kleinen Tischen. Den Hintergrund füllten die Türme von Schloß Windsor und in der Mitte des Bildes war die alte Königin und glich einer Teepuppe. „Möcht‘ wissen, ob es wirklich so ausgesehen hat.“ Millie starrte auf die blumengleichen Damen, die geziert zu ihr herüberlächtelten. „Wie es heute wohl aussehen mag?“ Sie gähnte. „Mir machte so was kein’n Spaß. Zu viel Getue. Mit dem König und der Königin dabei und all dem Drum und Dran.“

Ueber dem Ankleidetisch aus einer alten Kiste hing eine große Photographie von ihr und Sid, aufgenommen an ihrem Hochzeitstag. Ganz hübsches Bild, – wem’s gefiel. Sie saß in einem Korbsessel, in ihrem cremefarbenen Kaschmirkleid mit Samtbändern, und Sid stand, eine Hand auf ihrer Schulter, neben ihr und blickte auf ihr Bukett. Und hinter ihnen waren ein paar Farnbäume und ein Wasserfall und in der Ferne die Neuseeländer Alpen mit dem schneebedeckten Mount Cook. Sie hatte ihren Hochzeitstag beinahe vergessen. Die Zeit verging so rasch, und wenn man niemand hatte, mit dem man von all den Sachen reden konnte, kamen sie einem bald aus dem Sinn. „Möcht‘ wissen, warum wir nie Kinder gehabt haben …“ Sie zuckte die Achseln, – gab es auf. „Na, ich habe sie nie vermißt, aber ob Sid nicht manchmal … Er ist weicher als ich.“ Und dann saß sie still und dachte an gar nichts, die roten, gedunsenen Hände in die Schürze gewickelt, die Füße vor sich ausgestreckt, ihren kleinen Kopf auf die Brust gesenkt. Ticktock ging die Küchenuhr, die Aschenstücke klickerten im Rost, und die Jalousie schlug gegen das Küchenfenster. Ganz plötzlich empfand Millie Furcht. Ein sonderbares Zittern begann in ihrem Inneren – in ihrem Magen – und lief dann in ihre Knie und Hände. „Da schleicht jemand herum.“ Sie ging auf den Zehenspitzen zur Türe und lugte in die Küche. Niemand da. Die Türen der Veranda waren geschlossen, die Jalousien herabgelassen, und in dem dämmerigen Lichte schimmerte weiß das Zifferblatt der Uhr, und die Möbel schienen sich zu bauchen und zu atmen … und auch zu lauschen. Die Uhr – die Asche – und die Jalousie – und dann wiederum – etwas anderes, wie Schritte im Hinterhof. „Geh‘ und sieh nach, Millie Evans.“

Sie schoß zur Hintertüre, öffnete sie, und im selben Augenblick duckte sich jemand hinter den Holzstoß. „Wer ist da?“ rief sie mit lauter, mutiger Stimme. „Komm raus dort! Hab* dich schon geseh’n. Ich weiß, wo du steckst. Ich hab ’ne Flinte. Komm ‚raus dort, hinter dem Holzstoß!“ Sie hatte jetzt keine Furcht mehr. Sie war unmäßig zornig. Ihr Herz schlug wie eine Trommel. „Ich werd‘ dich lehren, mit ’ner Frau Stückchen zu spielen“, schrie sie und nahm eine Flinte aus der Küchenecke und rannte die Stufen von der Veranda hinab, über den glutheißen Hof und um den Holzstoß herum. Ein junger Mann lag dort auf dem Bauch, einen Arm vor dem Gesicht. Steh‘ auf! Verstell‘ dich nicht!“ Die Flinte noch immer in der Hand, stieß sie ihn mit dem Fuß in die Schulter. Er rührte sich nicht. „O mein Gott, ich glaub‘, er ist tot.“ Sie kniete nieder, ergriff ihn und drehte ihn auf den Rücken. Er rollte herum wie ein Sack. Sie richtete sich halb auf und starrte ihn an, ihre Lippen und Nasenflügel bebten vor Abscheu.

Er war nicht viel mehr als ein Knabe, mit blondem Haar und einem schwachen, blonden Flaum auf der Oberlippe und am Kinn. Seine Augen waren offen, verdreht, und zeigten das Weiße, und sein Gesicht war von einer Staubkruste überzogen und schweißverklebt. Er trug ein blaues Hemd und Baumwollhosen, und Leinwandschuhe an den Füßen. An dem einen Bein klebte die Hose mit einem Fleck dunklen Blutes fest. „Ick kann nicht“, sagte Millie und dann: „Du mußt aber.“ Sie beugte sich über ihn und fühlte nach seinem Herzen. „Wart‘ ’n Augenblick,“ stammelte sie, „wart‘ n Augenblick,“ und sie rannte ins Haus zurück um Brandy und einen Eimer Wasser. „Was wirst du denn jetzt tun, Millie Evans? O, ich weiß nicht. Ich hab‘ noch nie wen so ohmächtig geseh’n.“ Sie kniete nieder, schob ihren Arm unter den Kopf des Burschen und goß ihm ein wenig Brandy zwischen die Lippen. Er floß zu beiden Seiten des Mundes herab. Sie tauchte einen Zipfel ihrer Schürze in das Wasser und fuhr damit über sein Gesicht und sein Haar und seinen Hals, und ihre Finger zitterten dabei. Unter dem Staub und Schweiß war sein Gesicht weiß wie ihre Schürze, schmal und verzerrt. Ein sonderbares, schmerzliches Gefühl preßte Millie Evans das Herz zusammen, – eine Saat, die niemals dort geblüht hatte, ging auf und schlug tief Wurzel und brach auf in schmerzlichen Blättern. „Kommst du wieder zu dir? Fühlst du dich besser?“ Der Bursche atmete stoßweise, halb erstickt, seine Augenlider zitterten, und er bewegte den Kopf hin und her. „Geht dir schon besser“, sagte Millie und strich ihm das Haar glatt. „Fühlst dich wieder ganz wohl, nicht wahr?“ Der Schmerz in ihrer Brust erstickte sie beinahe. – „Hat keinen Zweck zu weinen, Millie Evans. Du mußt klaren Kopf behalten.“ – Mit einem Male setzte er sich auf, lehnte sich an den Holzstoß, rückte von ihr ab, starrte zu Boden. „Na also!“ reif Millie Evans mit einer ihr fremden, bebenden Stimme.

Der Bursche wandte sich ihr zu und blickte sie an. Er sprach noch immer nicht, aber seine Augen waren so erfüllt von Schmerz und Schrecken, daß sie die Zähne zusammenbeißen und die Fäuste ballen mußte, um sich am Weinen zu hindern. Nach einer langen Pause sagte er mit der Stimme eines Kindes, das aus dem Schlaf spricht: „Ich hab‘ Hunger.“ Seine Lippen zitterten. Sie richtete sich auf und stand vor ihm. „Du kommst jetzt schön ins Haus ‚rein und setzt dich ordentlich zum Essen“, sagte sie. „Kannst du gehen?“ – „Ja“, flüsterte er und folgte ihr schwankend über den glühenden Hof in die Veranda. Auf der untersten Stufe hielt er inne und blickte sie wiederum an. „Ich geh‘ nicht hinein“, sagte er. Er setzte sich auf die Stufen der Veranda, in den schmalen Kranz von Schatten, der um das Haus lag. Millie beobachtete ihn. „Wann hast du zuletzt was gegessen?“ Er schüttelte den Kopf. Sie schnitt ein Stück fettiges Büchsenfleich ab und ein Stück Brot, das sie mit Butter bestrich. Aber als sie es ihm brachte, war er aufgestanden, blickte umher und achtete nicht auf den Teller mit Essen. „Wann kommen sie zurück?“ stammelte er.

In diesem Augenblick wußte sie. Sie stand da, den Teller in der Hand uns starrte ihn an. Er war Harrison. Er war der engliche „Johnny“, der den Williamson umgebracht hatte. „Ich weiß, wer du bist,“ sagte sie sehr langsam, „mich kannst du nicht beschwindeln. Du bist schon der. Ich muß ja blind gewesen sein auf beiden Augen, daß ich dich nicht gleich erkannt hab‘.“ Er machte eine Handbewegung, als sei dies alles nicht von Bedeutung. „Wann kommen sie zurück?“ Und sie wollte sagen, „jeden Augenblick, sie sind schon unterwegs.“ Statt dessen sagte sie zu dem schrecklichen, angstvollen Gesicht: „Nicht vor halb elf.“ Er setzte sich und lehnte sich an einen der Verandapfosten. Sein Gesicht löste sich in kleine Zuckungen auf. Er schloß die Augen, und Tränen rannen ihm über die Wangen. „Noch ein halbes Kind. Und alle die Kerle hinter ihm her. Er hat nicht mehr Aussicht, zu entkommen, als ein Kind.“ „Iß ein wenig Fleisch“, sagte Millie. „Dir fehlt nur das Essen, daß du wieder ins Gleichgewicht kommst.“ Sie durchschritt die Veranda und setzte sich neben ihm, den Teller auf dem Schoß. „Da, – versuch‘ ein Stück.“ Sie schnitt das Butterbrot in kleine Stücke und dachte: „Sie werden ihn nicht erwischen. Nicht, wenn ich’s verhindern kann. Männer sind alle Bestien. Geht mich nichts an, was er getan hat, oder nicht getan hat. Schau, daß du ihn durchbringst, Millie Evans. Er ist ja noch ein Kind.“

*

Millie lag mit weit offenen Augen auf dem Rücken und lauschte. Sid drehte sich auf die Seite, zog die Decke um seine Schulter und murmelte: „Gute Nacht, Alte.“ Sie hörte, wie Willie Cox und der andere Mann draußen in der Küche ihre Kleider und Schuhe zu Boden warfen und dann ihre Stimmen, und wie Willie Cox zu seinem Hund sagte: „Leg‘ dich, Gummiball. Leg‘ dich, du Mistvieh.“ Im Hause wurde es still. Sie lag und lauschte. Es war heiß. Sid’s wegen wagte sie nicht, sich zu rühren. „Er muß davonkommen. Er muß. Ich kümmere mich nicht um Gerechtigkeit und all den Quatsch, den sie heute Abend geredet haben“, sachte sie mild. „Wie sollt ihr wissen, wie etwas ist, bevor ihr es kennt. Das ist alles Quatsch.“ Sie horchte angestrengt in die Stille. Es wäre schon Zeit für ihn … Ehe noch von draußen ein Laut ertönte, stand Gummiball auf, und sie hörte seine Pfoten deutlich auf dem Boden der Küche. Jetzt schnupperte er an der Hintertüre. Entsetzen befiel Millie. „Was treibt denn der Hund? O Gott! Was der Junge für ein Narr ist, wo doch ein Hund im haus ist. Warum legt er sich nicht nieder.“ Der Hund blieb stehen, aber sie wußte, er horchte.

Plötzlich, mit einem Laut, der sie vor Schrecken aufschreien machte, begann der Hund zu bellen und hin und her zu rasen. „Was ist das? Was ist los?“ Sid sprang aus dem Bett. „Nichts, es ist nichts. Es ist nur der Hund. Sid, Sid!“ Sie umklammerte seinen Arm, doch er schüttelte sie ab. „Heiliger Christus, da ist etwas los!“

Sid führ in seine Hosen. Willie Cox öffnete die Hintertür. Gummiball stürzte wie ein Wütender in den Hof, um die Ecke des Hauses herum. „Sid, da ist wer in der Koppel!“ brüllte der andere Mann. „Was ist los? – Wer ist da?“ Sid stürzte auf die Veranda hinaus. „Da, Millie, nimm die Laterne! Willie, irgendein Gauner ist auf die Pferde aus.“ Die drei Männer rasten aus dem Haus, und im selben Augenblick sah Millie, wie Harrison auf Sids Pferd über die Koppel und die Straße hinunter jagte. „Millie, bring‘ die verfluchte Laterne her!“ Sie lief barfuß, ihr Nachtgewand schlug ihr um die Beine. Sie waren im Nu hinter ihm her. Und beim Anblick Harrisons, der schon ferne war, und der drei Männer, die ihm heiß nachsetzten, erstickte eine jähe, rasende Lust alles andere in ihr. Sie eilte auf die Straße hinaus, – sie lachte und kreischte und tanzte im Staub und schwenkte die Laterne. „A – ah! Ihm nach, Sid! A-a-a-h! Fang‘ ihn, Willie! Vorwärts! Vorwärts! A – ah, Sid! Schieß ihn ‚runter! Schieß!“

3 Kommentare zu „Katherine Mansfield – Mörder im Haus

  1. Hallo Jörg,
    da hast Du ja eine Entdeckung gemacht. Die Erzählung ist in der Sammlung »Sämtliche Erzählungen« von C. Mansfield von Diogenes nicht enthalten.
    Weißt Du wie der Originaltitel lautet?
    Ich bin zur Mansfield durch die Berliner Autorin und Hoteliersfrau (Literaturhotel Friedenau) gekommen. Sie hat mehrfach Reisen auf der Spur der Mansfiel unternommenund erzählt davon in ihrem eigenen Buch »Aus tausend grünen Spiegeln«.
    Schön, hier etwas über die Neuseeländerin Mansfield zu finden.

    Gefällt 1 Person

    1. Sorry für die späte Antwort, Michael. Ich mag Katherine Mansfields Erzählung sehr. Endlich hatte ich Gelegenheit, eine ihrer Erzählungen zu veröffentlichen (weitere werden folgen). Ich kannte die Erzählung bislang nicht, sondern habe sie in der Zeitschrift „Jugend“ gefunden. Zum Originaltitel werden dort keine Angaben gemacht. Danke für deinen Buchtipp!

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