Walter List – Verschwörung der Prima

Eine Schulgeschichte, abgedruckt im „UHU“ im Juli 1930

Im Februar 1916 sollte an unserer Realschule, in einem Gebirgsstädtchen gelegen, die allgemeine Abschlußprüfung abgehalten werden.

Wir, die Prüflinge, bangten sehr vor diesem Ereignis, weil es um unser erworbenes Wissen sehr trübe aussah, an welcher Tatsache die Kriegsverhältnisse nicht ganz unschuldig waren. Die besten Lehrkräfte hatte man ja längst eingezogen, und die Ersatzlehrer – meist aus der Pensionierung zurückgeholte alte Herren – waren uns, die wir noch in den Flegeljahren steckten, kaum gewachsen. Am schlimmsten sah es in den Fremdsprachen, im Französischen und Englischen, aus. Der Ersatzlehrer hierfür, den unser Direktor nach langem Suchen irgendwo aufgetrieben hatte, war ein kränklicher Mann, zwischen fünfzig und sechzig, kurzsichtig, asthmatisch und mit den Nerven derart herunter, daß er nichts sagen konnte, ohne vorher gewissermaén Anlauf zu nehmen, indem er mit den Lippen wackelte und mit den Armen höchst seltsame Bewegungen ausführte, was uns Bengel ungeheuer komisch vorkam. Wir nannten ihn „Moosch“. Der arme Mann hatte schwer unter uns zu leiden; er vermochte ja nicht im geringsten, dieser zuchtlosen Bande Respekt einzuflößen, die bei jeder Gelegenheit mit ihm Allotria trieb. Chaotische Zustände herrschten in seinen Stunden: ungeniert lasen wir Schundromane, pfiffen, lärmte, warfen Knallerbsen oder Stinkbomben, – und wenn „Moosch“ es wirklich einmal wagte, über den oder jenen Strafen zu verhängen, so konnte er sicher sein, daß wir ihn unsererseits für diese Dreistigkeit bestraften, indem wir vor seiner abgelegenen Wohnung ein Feuerwerk mit Katzenmusik veranstalteten.

Wenn aber unsere Kenntnisse vermittels der Extemporalien auf die Probe gestellt wurden, so hatten wir alle möglichen Hilfsbücher offen neben uns liegen und klappten sie durchaus nicht zu, wenn „Moosch“, von ohnmächtigem Mißtrauen erfaßt, über seine Brillengläser hinweg einige schüchterne fragende Blicke herüberwarf. Wirklich, ich könnte heute noch schamrot werden, wenn ich daran denke, wie gemein und tückisch wir den hilflosen Mann ausgenutzt und geärgert haben. Natürlich lernten wir dabei nichts. Und so, wie die Dinge lagen, schien bei der Abschlußprüfung, die sehr genau, auch von einem Beauftragten des Kultusministeriums kontrolliert wurde, eine Katastrophe unvermeidlich zu sein. Kein Wunder, daß wir es erheblich mit der Angst kriegten, je näher die Prüfung heranrückte, und schließlich krampfhaft zu arbeiten, zu „büffeln“ anfingen, was freilich angesichts des ungeheuren Pensums, das wir vertrödelt hatten, ein zweifelhaftes Beginnen war.

Doch das Schicksal meinte es wohl gut mit uns: es schickte den Bangenden einen Engel, einen rettenden Engel, und zwar in der Gestalt eines Buchdruckerlehrlings aus jener Druckerei, die das Stadtblättchen „Der Bote vom Berge“ herausgab, und die von unserer Schule alljährlich den Auftrag erhielt, die französischen und englischen Prüfungs-Aufgaben auf hübsche weiße Zettel zu drucken. Besagter Lehrling und Engel aber, der in gewissem Sinne an der Quelle saß, ließ eine streng vertrauliche Nachricht an uns gelangen, dahingegend, daß er gegen eine kleine Entschädigung einige Abzüge dieser Aufgaben, hintenherum natürlich, uns liefern wolle …

Zum Teufel, das ließ sich hören, das war Hilfe in der Not! Wir berieten und beschlossen einstimmig – einstimmig vom Primus bis zum Ultimus – auf das Angebot des Lehrlings einzugehen. In einer Zusammenkunft, die wir abseits vom Städtchen an einer einsamen Stelle mit ihm arrangierten, boten wir ihm als „kleine Entschädigung“ zwanzig Mark an, worauf er zu unserer Verwunderung rundweg erklärte, daß ein solcher Vorschlag für ihn indiskutabel sei. Entrüstet rief der Sechzehnjährige aus:

„Was denken Sie, meine Herren, ich riskiere Stellung, Ehre und bin glatt ein verlorener Mann, wenn die Sache herauskommt!“

„Wieviel verlangen Sie denn?“ fragte man ihn.

„Sechzig Mark ist das mindeste, meine Herren! Bedenken Sie, bitte, was für mich auf dem Spiele steht!“

„Na, für uns steht auch allerhand auf dem Spiele!“ schallte es aus unserer Mitte.

Sechzig Mark, – das war denn doch etwas hahnebüchen. Gewiß, es war ein ungemein wertvoller Dienst, aber sechzig … das war Wucher und keine „kleine Entschädigung“! Gleichwohl standen wir unter Druck und hätten zweifellos zugestimmt, wenn der Lehrling unerbittlich gewesen wäre.

Nach längerem Hin und Her einigten wir uns auf vierzig Mark, und diese Einigung wurde alsbald im „Ratser“, auf deutsch: „Ratskeller“, unserem Stammlokal, dessen Besuch uns verboten war, in aller Ausgelassenheit kräftig begossen. Obwohl auch vierzig Mark für uns keine Kleinigkeit waren, brachten wir sie doch im Handumdrehen durch gleichmäßige Beiträge auf und glaubten nun bestimmt, daß wir die schriftliche Prüfung in den Fremdsprachen bestünden, über die spätere mündliche, die in diesen Kriegszeiten nur einen formalen Charakter hatte, hofften wir, ohne weiteres hinwegzukommen.

Es klappte großartig. Die Druckerei erfüllte ihren Auftrag. Und eines Tages begaben wir uns zu einer abermaligen Zusammenkunft nach einer verschneiten Schutzhütte weitab mitten im Walde, allwo der Akt der Uebergabe stattfinden sollte. Ziemlich eine Stunde ließ der Lehrling uns in der Kälte warten. Endlich kam er atemkeuchend an:

„Kleine Verspätung, meine Herren! War leider nicht eher möglich, mußte erst noch Druck eines Extrablattes besorgen! Man hat nämlich fünftausend Russen gefangen und sechzig Maschinengewehre erbeutet!“

„Donnerwetter, ja großartig!“ rief Hegewald, unser Primus, während wir anderen mit kalten Füßen ungeduldig im Schnee trampelten.

„Ja, die Sache macht sich jetzt“, fuhr der Lehrling fort, „doch ich sehe schon, die Herren sind ungeduldig, verstehe das durchaus … bitte sehr!“

Und indem er mit schönem Schmelz in der Stimme „bitte sehr“ sagte, übergab dieser ausgekochte Junge dem Primus die Abzüge und empfing dafür, sozusagen Zug um Zug, seinen Sündenlohn in Fünfmarkscheinen, die er gelassen nachtzählte und umständlich in seine feuerrote Brieftasche beförderte, ohne die geringsten Spuren von moralischen Skrupeln zu zeigen. Man wechselte noch einige Worte, er ermahnte uns zu strengster Verschwiegenheit, denn alles stehe für ihn auf dem Spiel, er sei sonst ein verlorener Mann usw. – -, dann verabschiedete er sich, seinen steifen schwarzen Hut feierlich hochhaltend:

„Also, machen Sie’s gut, meine Herren! Leben Sie wohl!“

Nun ja, gut wollten es die Herren schon machen, daran sollte es nicht fehlen. Zunächst blieben wir in der Schutzhütte, wo der Primus die je zwei Seiten langen Aufgaben vorlas, die mit Schwierigkeiten nur so gepfeffert waren. „So ein Schuft, dieser Moosch“, hieß es, „der hat uns ja ordentlich reinlegen wollen, aber warte nur, Freundchen, wir machen dir einen Strich durch die Rechnung!“

Unsere Leistungsstärksten in den Fremdsprachen, „Sprachenhähne“ genannt, erhielten den Auftrag, eine mustergültige Uebersetzung anzufertigen, die später die anderen kurzerhand auswendig lernten. Um aber ganz geschickt vorzugehen und gar keinen Verdacht zu erregen, wiesen wir den minderbegabten Schülern gewisse Fehler zu, ohne die sie ihre Arbeiten keinesfalls abliefern sollten, welches Verlangen sie durch ihr männliches Ehrenwort beschwören mußten. In unserem Uebermut ließen wir es leider bei dieser Sache an der nötigen Gründlichkeit fehlen, und sie war es wohl, die später unser Verhängnis herbeiführte.

Vorher stiegen wir leichten Herzens in die schriftliche Prüfung. Wir amüsierten uns köstlich, als Moosch die säuberlich gedruckten Aufgaben verteilte. Auf alle üblichen Examentricks, als da sind: Vokabeln auf Manschetten und Handballen kritzeln, Liliput-Wörterbücher in Aermelfutter verboren halten, Kassiber zum Nachbar wandern lassen – konnten wir großmütig verzichten. Wir hatten ja einen Trick erfunden, der schlechterdings nicht zu übertreffen war.

Alles ging gut. Auch in den anderen Fächern, in denen wir schriftliche Beweise unseres Könnens geben mußten, verliefen die Dinge zufriedenstellend.

*

Der Tag kam, da wir in unseren guten Anzügen, mit weißen Krawatten geziert, zur mündlichen Prüfung wanderten.

Ziemlich hochgespannt versammelten wir uns in unserem Klassenzimmer, wo wir warten sollten, bis man uns holen würde. Aber zur vorbestimmten Zeit, um zehn, kam niemand, uns zu holen. Es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde … Endlich, gegen dreiviertel elf, riß der Turnlehrer (von uns „I“ genannt, was die Abkürzung von „Idiot“ war) die Tür auf, steckte seinen kugelrunden, kahlgeschorenen Kopf herein und rief mit einer Stimme, die hören ließ, daß eine ungemein wichtige Mission ihm übertragen worden war:

„Hegewald, folgen Sie mir sofort nach der Aula!“

Wir stutzten, grübelten, was das zu bedeuten habe … Was wollte man von dem Primus? Schuldbewußt, wie wir waren, vermuteten die meisten gleich einen Zusammenhang mit unserem Schwindel. Ob man Wind von der Sache bekommen hatte? Unsinn, – sicherlich lag es so, daß man vor Prüfungsbeginn mit dem Primus noch etwas besprechen wollte … das war doch natürlich und ganz in Ordnung:

Indessen: „I“ erschien nach einer Viertelstunde abermals und holte Müller I, den Zweiten der Klasse. Wo aber blieb Hegewald? Kein Zweifel – etwas stimmte hier nicht! Wir wurden unruhig, sehr unruhig. Ein nervöses Hinundhergerufe setzte ein: „Paßt auf, die haben was rausgekriegt! … Man hat uns verraten! … Nichts zugeben, nichts zugeben! …“ Diejenigen meldeten sich, die alles im voraus gewußt haben wollten. Wieder andere verzweifelten schon und brüteten angstvoll vor sich hin.

In diesem Wirrwarr erhob sich der athletische Mittenzwey, der sich vermöge seiner Körperkraft der größten Autorität in der Klasse erfreute. „Menschenskinder“, begann er in seinem gedämpften Baß, „seid Ihr denn ganz und gar verrückt? Wer sagt Euch denn, daß die Pauker Lunter gerochen haben, was? Ich vermute: man will uns einzeln prüfen, nach einer neuen Methode wahrscheinlich, habe letzthin sowas gehört … Sollte aber wirklich etwas herausgekommen sein, dann Ruhe behalten, eiserne Ruhe! Und nichts zugeben! Nichts!! Versteht Ihr? Soviel sag‘ ich euch: Wenn einer sich einschüchtern läßt und etwas verrät, so drehe ich dem heute nacht eine Tulpe, daß er sein ganzes Leben daran denkt! Nun wißt Ihr meine Meinung!“

Wir erschauerten. Denn von Mittenzwey eine Tulpe gedreht zu kriegen, war kein Spaß. Es handelte sich bei dieser Sache um eine ziemlich barbarische Internatsstrafe, die nächtlicherweise vollzogen wurde. Man holte den Deliquenten aus dem Bett, stülpte ihm das Nachthemd nach oben über den Kopf, drehte es fest zusammen (daher „Tulpedrehen“), so daß die Arme samt dem Kopfe in der Tulpe wie in einer Zwangsjacke steckten … In dieser wehrlosen Verfassung trieb man den armen Kerl durch den Schlafsaal, wobei von allen Seiten Hiebe auf den nackten Körper prasselten.

Felber, der Klassendritte, wurde geholt. Und dann war ich, der Vierte, an der Reihe. Ich hatte heftiges Herzklopfen und bangte schrecklich …

Die Tür flog auf … „List“ schmetterte I. Eiskalt lief’s mir über den Rücken. Kaum kann einer, der vom Scharfrichter geholt wird, schlimmere Gefühle haben, als ich in diesen Minuten sie hatte. Ich vernahm noch eine eindringlich geflüsterte Mahnung Mittenzweys, dann torkelte ich hinaus, einige Treppen hinan und alsbald in die riesige Aula hinein, wo ich zitternd an der Tür stehenblieb. Ich blickte scheu umher, sah den Direktor, sah den Lehrer, die alle an schmalen Tischen längs der Fensterbank saßen. In ihrer Mitte aber, auf dem Ehrensessel der Schule, thronte ein würdiger Mann mit weißem Bart, nämlich der Beauftragte des Kultusministeriums, Wirklicher Geheimer Rat Dr. Schlabe. Er hielt nach mir Ausschau, rief ungeduldig:

„Hierher, junger Mann! Warum so schüchtern? Treten Sie ruhig näher … hierher … ja!“

Der Geheimrat sah mich musternd an, dann begann er:

„Wie heißen Sie?“

„List, Herr Geheimrat!“ antwortete ich, ängstlich an meinem Schlipse nestelnd.

„Lassen Sie Ihren weißen Schmetterling in Ruhe“, sagte er, nicht unfreundlich, was mich ermutigte … Plötzlich fuhr er in strengem Tone fort: „Also List, erklären Sie uns, bitte, wie es kommt, daß die englischen und französischen Prüfungsarbeiten Ihrer Klasse einander sehr ähnlich sind … sehr wenige, aber von allen fast immer die gleichen Fehler gemacht und die gleichen falschen oder richtigen Wendungen gebraucht worden sind? Haben Sie gegenseitug abgeschrieben? Oder … na, antworten Sie!“

Ich erschrak trotz aller Vorahnung fast zu Tode … stotterte:

„Ich ha … habe nicht abgeschrieben, Herr Geheimrat.“

„Wer spricht denn von Ihnen, junger Mann?! Ich will nur wissen, warum alle Arbeiten so auffallend gut und einander so ähnlich sind! Hören Sie mal her: Es sieht nämlich so aus, als ob Sie alle vorher, vor der Prüfung, von den Aufgaben gewußt haben! … Und dann: Sie wissen doch, daß – na, wie heißen die Leute gleich? – Knust, Müller II, Stöckel, sehr wenig in Sprachen leisten, in den Extemporalien durchweg vieren und fünfen schreiben, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr Geheimrat“, erwiderte ich zögernd.

„Gut! Und welche Erklärung haben Sie dafür, daß eben diese Leute in der schriftlichen Prüfung die reinsten Musterarbeiten geliefert haben?“

Ohne zu wissen, worauf ich hinaus wollte, fing ich an:

„Wir, Herr Geheimrat …“

„Was denn ‚wir‘ …?“

„Wir … wir haben nichts vorher gewußt.“

„Was haben Sie nicht gewußt?! Antworten Sie doch auf meine Frage! Mensch, ich lasse Sie von der Prüfung zurückweisen und auf der Stelle in den Karzer sperren, wenn Sie mich anzulügen wagen!“

Beinahe wäre ich mürbe geworden. Schon am Ertrinken, ergriff ich einen Strohhalm. Ich stöhnte nämlich, mich gleichzeitig auf den Fußboden fallen lassen, höchst jämmerlich:

„Mir wird schlecht, Herr Geheimrat.“

I schnellte herbei und hob mich auf. Ein anderer Lehrer brachte Wasser. Ich trank … und wieder sank ich zu Boden. Ob ich nun gut simulierte oder ob der Geheimrat bestimmte Zwecke verfolgte: er brach zu meiner inneren Freude das Verhör ab und ließ mich von I hinausführen, der mich in ein weitab gelegenes Klassenzimmer brachte, in welchem sich Hegewald, Müller I und Felber befranden. Ich legte mich wie gebrochen auf eine Bank, um sogleich, als I sich entfernt hatte, wieder aufzuspringen.

Was sie gesagt hätten, fragte ich die drei. Alle behaupteten, nichts verraten zu haben, und das behauptete auch Felber, Lukas Felber, der ungewöhnlich fromm war, tagtäglich in der Bibel las, öffentlich betete und von Natur aus eigentlich gar nicht lügen konnte.

Dann brachte man Schmiedel, den Klassenfünften.

„Schmiedel, wie steht’s?“ platzten wir ihm fast einstimmig entgegen.

„Nicht die Bohne hat die Bande aus mir rausgekriegt!“ sagte Schmiedel stolz. Und daß sie nichts verraten hatten, verkündeten alle, die nun nach und nach, in Abständen von fünf und zehn Minuten, aus der Aula zurückkamen.

Wir waren guten Mutes, freuten uns unserer Standhaftigkeit, glaubten, daß nun alles in Ordnung sei und die Prüfung bald beginnen werde … Aber kaum, daß die Klasse vollzählig beisammen war, stürmte der Direktor herein. Sein zornrotes Gesicht verkündete nichts Gutes. Sonst ein Weltmann von gepflegtem Aeußeren und beherrschter Haltung, war er jetzt ganz aus dem Häuschen, schlug mit beiden Fäusten aufs Katheter und wetterte hemmungslos … Das wäre ja eine bodenlose Unverschämtheit, die wir da angestellt hätten … Die ganze Schule wäre blamiert … Ob er es überhaupt mit Menschen und nicht vielmehr mit moralisch verkommenen Individuen zu tun habe … Natürlich wisse die Direktion längst von unserem Komplott mit dem Buchdruckerlehrling, den wir bestochen hätten, aber der Geheimrat habe sehen wollen, ob wir unsere Schandtat wenigstens offen und ehrlich gestehen würden … Nun, er habe einen fürchterlichen Eindruck von uns gewonnen, von uns, die wir schamloser als abgefeimte Verbrecher lügen könnten … Er, der Direktor, habe uns im Auftrag des Geheimrats hiermit zu erklären, daß wir von der Prüfung zurückgewiesen seien.

Ohne sich auf Erörterungen einzulassen, kehrte er uns den Rücken und rannte davon. Wir aber saßen käseweiß, wie vom Schlage getroffen, da. Hatten wir bei den ersten Worten des Direktors noch Hoffnung gehabt, daß er uns bloß des Abschreibens oder ähnlicher harmloser Dinge beschuldigen würde, so war uns, als er von dem Buchdruckerlehrling sprach, ganz und gar die Butter vom Brote gefallen. Also doch! Also wußte man alles! … Ein Unglück, wahrhaftig ein Unglück, das unser ganzes Leben nachteilig beeinflussen konnte! Denn damit, daß man uns von der mündlichen Prüfung zurückwies, war auch die schriftliche hinfällig, und es war sehr die Frage, ob man uns nach dem, was geschehen, Gelegenheit zur späteren Wiederholung geben würde … Weigerte man sich, so blieb nichts übrig, als die Schule zu verlassen. Und die Eltern … was würden sie sagen, wenn sie von dieser Schandtat erfuhren … Bei Gott, ja – wir hatten Grund zum Verzweifeln! Ich überlegte mir denn auch ernstlich, ob ich mich erschießen oder lieber einen der vielen Gashähne aufdrehen sollte.

„Moosch“ erschien. Wie sonst üblich, setzte er sich umständlich hinters Katheder, als wolle er unregelmäßige Verben durchnehmen, ließ die Lippen wackeln, beschrieb mit der Hand ellipsenähnliche Luftlinien und sagte endlich: „Es ist nichts so fein gesponnen – alles kommt ans Licht der Sonnen!“ Erhob sich, stellte den Stuhl zurecht und ging, worauf wir uns verdutzt ansahen und trotz der allgemeinen Depression unvermittelt und in hohem Maße blödsinnig zu feixen angingen. Dieses dumme Gelächter hatte immerhin das Gute, daß wir, anstatt weiterzubrüten, uns überlegten, was nun am besten zu tun sei …

Es blieb uns ja ein gewaltiger Trost, nämlich dieser, daß alle beteiligt waren. Dieses Gefühl der Solidarität und des gemeinsamen Unglücks gab uns ein wenig Halt und trug dazu bei, daß wir an der Zukunft nicht völlig verzweifelten.

Mittenzwey war es, der athletische Mittenzwey, der die Notwendigkeit erkannte, erst einmal den Eltern, die um diese Stunde Telegramme von bestandener Prüfung erwarteten, von dem Eklat so schonend als möglich Kenntnis zu geben. Er glaubte, daß es am ehesten sie trösten würde, wenn wir die Tatsache unserer Solidarität im Unglück in den Vordergrund stellten. So beschlossen wir denn, daß die Briefe, die wir an diesem Tage noch abschicken wollten, von allen unterschrieben werden sollten. Noch heute besitze ich die Hiobsbotschaft, die damals meine Eltern von mir erhielten. Sie ist in gewisser Feierlichkeit auf doppelseitiges Reichskanzleipapier geschrieben und lautet also:

„Liebe Eltern! Ich muß Euch von einem großen Unglück Kenntnis geben, das uns unerwartet betroffen hat. Der Der Prüfungskommissar, Geheimrat Dr. Schwabe, hat uns von der mündlichen Prüfung zurückgewiesen, weil wir in der schriftlichen Prüfung nicht korrekt gehandelt haben. Es dürfte Euch aber trösten, daß alle meine Mitschüler beteiligt sind, auch der Primus. Unergründlich sind manchmal die Wege des Schicksals!!! Das Weitere teile ich Euch dann mündlich mit. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Euer dankbarer Sohn.

NB, Wir bescheinigen hierdurch, daß auch wir von dem obengenannten Unglück betroffen worden sind: Alfons Hegewald, Siegfried Müller, Lukas Felber …“ (Vierzehn Unterschriften folgen noch unter diesem merkwürdigen Bekenntnis, reichlich versehen mit Schnörkeln und schwungvollen Unterstreichungen.)

Uebrigens hatten wir die tröstende Kraft der insgesamt achtzehn Unterschriften ganz erheblich überschätzt, denn es liefen alsbald von achtzehn Eltern achtzehn Briefe ein, die uns mit tiefer Kümmernis der kommenden mündlichen Auseinandersetzung entgegensehen ließen.

*

Der Krieg war unser Glück: man brauchte Leute, weil man Offiziere brauchte. Daher kam es, daß die Gesuche des Direktors – der sich bald beruhigte und nun mit vielem Geschick an die Auswetzung der Scharte ging – im Ministerium offene Ohren fanden und genehmigt wurden. So konnten wir die Prüfung schon nach einem Vierteljahr wiederholen und – trotz sehr mäßiger Einzelergebnisse – mit einer Ausnahme auch bestehen.

Wie man eigentlich die Sache entdeckt hat, haben wir nie erfahren. Sicherlich hatten die auffallend guten Arbeiten der unbegabten Schüler zu Nachforschungen Anlaß gegeben.

Was aus dem Buchdruckerlehrling geworden ist? Wenige Stunden nach der Katastrophe kam er mit geschwollenen Backen zu uns, unter heftigen Tränen erzählend, daß er Ohrfeigen von seinem Chef erhalten habe und nun Knall und Fall entlassen werden solle. Auf welche Aussage hin wir in einem Anfluge von Edelmut noch zwanzig Mark für ihn sammelten. Gleichwohl behielt er seine Stellung, die zwanzig Mark aber behielt er auch …

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