Was will wer in Berlin?

Beobachtungen eines Hoteldirektors
Reportage von H. R. Berndorff, abgedruckt in der Vossischen Zeitung, Ausgabe vom 9. Dezember 1927

Was will der Mann aus der Provinz sehen, der zu seinem Vergnügen und zur Bereicherung seiner Kenntnisse nach Berlin kommt? Was sucht der Ausländer, der Amerikaner, der Engländer, der Franzose, der Italiener, in der deutschen Hauptstadt, und welche Kritik übt er an dem Gebotenen? Der Direktor eines der größten Berliner Hotels erzählt uns:

Der Deutsche, der aus einer Provinzstadt zu seinem Vergnügen nach Berlin fährt, tut das mit der dem Deutschen eigenen Gründlichkeit, die sich zunächst darin äußert, daß er mit Frau und Kind erscheint, und zwar kommt er fast immer mit den erwachsenen Töchtern. Es ist noch niemandem gelungen, das Rätsel zu lösen, wieso es gerade Töchter sind. Die erste Frage der Dame ist: „Was gibt es augenblicklich in den Berliner Theatern?“ Mit sehr energischer Abwehr werden Revuen und Operetten abgelehnt, und es werden fast immer entweder ein ernstes Schauspiel oder eine klassische Oper gewählt. Motivierung: Wir wollen an den langen Abenden über das Gebotene Gedanken austauschen, Probleme und Lebensfragen erörtern, und wollen von unserem Besuch in Berlin vor allen Dingen einen ideellen Wert nach Hause tragen. Bevorzugt werden die staatlichen und städtischen Theater. Man geht in Stücke, die sich seit Jahren auf dem Spielplan bewährt haben. Klassiker-Aufführungen sind ebenso wie die allerletzte Moderne leicht unbeliebt. Nach dem Wieso und dem Warum dieser Geschmacksrichtung befragt, schüttelt der Hoteldirektor betrübt sein Haupt. Er hat es im Laufe seiner langjährigen Praxis verlernt, nach Motiven zu fragen. Er registriert lediglich die Tatsachen.

Der Deutsche bleibt im Durchschnitt drei bis vier Tage und stellt dann fest, daß der Verkehr ungeheuer ist, spricht mit großer Befriedigung von seinem Theaterbesuch und gelobt, im nächsten Jahre wiederzukommen, denn erstens hat er sich alles teuerer vorgestellt, als es wirklich ist, und zweitens sind nach Elisabeth und Minna dann Gretchen und Lottchen an der Reihe, und für die Bildung seiner Kinder fühlt sich jeder Deutsche noch immer verantwortlich.

Der Deutsche will sich in Berlin bilden.

Der Amerikaner. Schon beim Eintritt ins Hotel weiß der Manager sofort: U. S. A. Seine erste Frage, nachdem ihm das Zimmer angewiesen worden ist: warum das Logis so unnötig groß sei und wo er im Hotel schwimmen könne. Nachdem er mißvergnügt mit der Badewanne vorlieb genommen hat, verlangt er, immer wieder in Hut und Mantel und mit der Pfeife im Mundwinkel, „a Ticket for the finest Revue.“ Nachdem er das erhalten hat, sieht er herausfordernd den Portier vor der großen Drehtür auf dem Bürgersteig an. Dieser weiß Bescheid, winkt ein Taxi heran und nennt dem Chauffeur die Adresse des größten Revuetheaters, denn anderswo wird der Mann aus U. S. A. bestimmt nicht hinfahren wollen. Nachdem die Vorstellung aus ist, erscheint der Amerikaner pünktlich sofort im Hotel, ißt zu Abend und ist lebhaft erfreut und überrascht, daß er in der Bar seinen gewohnten „old Judge“ Whisky nicht zu entbehren braucht.

Das Bild zeigt eine Hotelbar.
In dieser gut sortierten Bar muss niemand auf sein Lieblingsgetränk verzichten.

Hier überkommt ihn meistens eine Anwandlung von generöser Menschenfreundlichkeit, in der er dem Hoteldirektor zu erzählen pflegt, daß Berlin nicht ganz so trostlos sei, wie er sich das ursprünglich vorgestellt habe, und daß er doch etwas länger als beabsichtigt zu bleiben gedenke. Außerdem sei die Revue viel großartiger gewesen, und vor allem mit viel mehr Menschen, Licht und Seide gemacht als in Paris.

Am andern Morgen erlebte der Hoteldirektor eine sich stets gleichbleibende persönliche Beschwerde unseres Amerikaners. In der Nacht hat er, da sein Zimmer nach vorne heraus liegt, nicht schlafen können, denn das Hupen der Autos sei skandalös. In New York werde erheblich weniger gehupt und vor allen Dingen sei dieses Lärmen in der Nacht überhaupt verboten. Anschließend wird gesagt, daß sich der Verkehr drüben überhaupt viel geräuschloser abspiele, ohne daß es deshalb im Verhältnis zu mehr Unglücksfällen komme. Danach folgt sofort eine für den deutschen Hotelier sehr interessante Bestellung: der Amerikaner hat am Morgen bemerkt, daß er noch einige bunte Oberhemden braucht, und hat am Telephon verlangt, daß man sie aus dem „Hotelbazar“ sofort heraufschicke. Ind nun ist natürlich die Katastrophe da: so etwas gibt es nicht; er muß erst über die Straße gehen, um sich einzudecken. Infolge sich dieses sich stets und fast jeden Morgen wiederholenden Vorganges hat sich die Hoteldirektion entschlossen, im Hotel selber ein kleines Warenhaus aufzubauen.

Wenn er abreist, gibt er seiner Genugtuung über das Gesehene und Genossene unzweideutig Ausdruck. Er lobt die Gründlichkeit in seinem Hotel, lobt den deutschen Kellner, und alles in allem hat auch er es sich teurer vorgestellt. Auch er wird also wiederkommen, aber nur dann, wenn ihm der Manager schwört, daß er das nächste Mal im Hotel schwimmen kann. Das wird ihm versprochen, und tatsächlich baut dieses Hotel jetzt ein großes Schwimmbad.

Der Amerikaner will vergleichen.

Der Franzose hält sich in Berlin sehr zurück. Er geht viel in die Museen, viel in die Operette und im übrigen sucht er sofort Anschluß an die Zirkel seiner Landsleute, die er im Westen der Stadt findet. Er kommt weniger zum Vergnügen als zu seiner Information nach Berlin. Wenn er abreist, hat er sich an der deutschen Küche den Magen verdorben.

Der Italiener findet Berlin eine „angenehm vergnügte Stadt“. Er kostet die vielen Vergnügungsmöglichkeiten reichlich aus, ist im allgemeinen froh, keine fascistische Miliz zu sehen und tun und lassen zu können, was ihm beliebt.

Den Italiener treiben fast ausschließlich Geschäfte nach Berlin.

Der Engländer ist im großen und ganzen mit unwesentlichen Aenderungen dem Amerikaner gleichzustellen.

„Für mich aber,“ so schließt der Hoteldirektor seine Erzählung, „ist bei alledem folgendes am wichtigsten: Oft sitze ich abends in später Stunde mit unseren Gästen aus dem Auslande in der Bar. Selten wird vom Krieg gesprochen. Wenn aber doch einmal die Erinnerung daran wach wird, dann machen alle, Amerikaner, Engländer, Franzosen und Italiener, eine wegwischende Handbewegung: Laßt uns nicht von diesem Unglück sprechen. Freuen wir uns, daß wir jetzt wieder zusammensitzen.“

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