Willibald Kater – Die Geschichte eines einfachen Mordes

Erzählung, erschienen in der Wiener Arbeiterzeitung am 4. Oktober 1931

Der arbeitslose Dreher Kuczynski hatte etwas vor. Jetzt war er schon über neun Monate arbeitslos, aber noch immer war keine Arbeit für ihn da. „So geht das nicht weiter“, sagte er Dienstag abend zu seiner Frau, „so nicht. Mit den paar Pfennigen kann keiner leben. Das muß anders werden!“ Seine hochschwangere Frau unterbrach ihn nervös. „Das hast du schon oft gesagt, aber versucht hast du noch nichts.“ Franz Kuczynski antwortete nicht. Er nahm seine Mütze und schlug die Tür hinter sich zu.

*

Mittwoch um neun ging er zum Arbeitslosenamt, mittags kam er wieder. „Hast du nun Arbeit oder nicht?“ fragte sie ihn müde und gereizt – sie hatte vor zehn Minuten den Schuster zum dritten Male in dieser Woche wegschicken müssen, weil sie kein Geld mehr besaß -, „mit dir ist aber auch gar nichts anzufangen! Die Kinder brauchen neue Sohlen, dabei sind die alten noch nicht bezahlt. Mit den Kohlenraten sind wir rückständig. Die Miete muß bezahlt werden. Unten der Bäcker drängt – wo man hinblickt, steht einer und will Geld!“

Der Mann saß beim Tisch und hielt sich die Ohren zu. – „Nun, laß mich schon endlich in Frieden! Ich war oben und habe einen Bogen ausgefüllt, mehr kann ich auch nicht machen!“

„In Frieden lassen! Natürlich! Du hast es einfach. Gehst rüber in die Wärmehalle, spielst von früh bis spät Skat, und ich? … Ich plag mich hier ab mit dem Essen, mit den Kindern, ich mach mir den ganzen Tag und die ganze Nacht Sorgen, wie wir auskommen mit den paar Sechsern!“

Franz sprang wütend auf. „Meinst du etwa, ich mach mir keine Sorgen! Ich mach mir genau soviel Sorgen. Aber die Nörgelei hat doch keinen Zweck!“ 

Sie saßen am Tisch und aßen die trockenen Kartoffeln. Da schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch, daß alles im Zimmer wackelte. „Zum Teufel nochmal! Laß mich endlich in Ruh! Man kann schon gar nicht mehr nach Hause kommen, ohne daß du mit Vorwürfen anfängst. Was kann ich dafür? Was kann ich denn dafür, daß keine Arbeit da is?“

Die Frau zuckte mit den Achseln. „Möchte nur wissen, was du willst, wo ich doch jetzt gar nichts  gesagt habe.“

Er wollte erst wieder entgegnen, aber dann wandte er sich ab. Seine Hände zitterten. Er nahm sich nur eine Kartoffel, die andern schob er den beiden Kindern zu.  „Eßt ihr“, sagte er, „eßt ihr, ich bin satt, ich hab keinen Hunger.“

*

„Wieder nichts“, sagte Vater Kuczynski drei Tage später. Als er das sagte, schloß drüben der Fleischermeister Beierlein gerade seinen Laden, vom nahen Kirchturm schlug es siebenmal.  Kuczynski war – eine Seltenheit – den ganzen Nachmittag zu Hause geblieben. Durch das geschlossene Fenster hatte er auf den Hof gesehen. Stehend hatte er so seine Kinder beobachtet, den Sechs- und den Achtjährigen, die unten mit Gleichaltrigen Fußball spielten. Seine Frau saß hinter ihm und zerriß alte Hemden, sie machte Windeln. Er fühlte im Rücken, daß sie oft und unruhig auf ihn sah, aber er drehte sich nicht um. Manchmal trommelte er mit seinen spitzigen Fingerknöcheln im Gleichtakt gegen die klirrende Scheibe, aber komisch, heute reagierte die Frau überhaupt nicht. Das reizte ihn noch mehr. Vormittags hatte er den ablehnenden Bescheid bekommen, er mußte es doch sagen. Aber wie? Er konnte sich nicht setzen. Fast vier Stunden stand er so in der gleichen gespannten Haltung am Fenster. Als es dunkel wurde und ein Kind nach dem andern vom Hofe verschwand, sagte er hart, ohne sich umzudrehen: „Wieder nichts.“ 

Er lauerte, aber seine Frau schwieg. Er hörte nur einen langen Riß in altem Hemdenstoff, dann fiel etwas zu Boden, rollte bis zu ihm ans Fenster, es war der Fingerhut.

„Wieder nichts“, wiederholte er, aber seine Frau antwortete mich. Die Uhr tickte unverschämt laut.  Auf dem Treppenflur brüllte ein Kind. Kuczynski hielt den Atem an. Aber die Frau rührte sich nicht. Da nahm er seine Mütze und ging. 

*

Im Bierlokal spendierte Paul Schneider eine Runde, dann noch und noch und noch. Kuczynski soff sich einen Rausch an. „Das Leben hat so seinen Zweck nicht“, schrie er heiser. „Das Leben ist dreckig, Paul, du kannst mirs glauben. Als ich Arbeit hatte, da war die Alte zu genießen, aber jetzt ist die Hölle zu Hause bei mir. Es ist nicht zum aushalten, das kannst du mir glauben!“

Zu dritt, es kam noch ein andrer guter Freund von Paul mit, zogen sie vom „Biertunnel“ in den „Kaiserhof“, dann in die „Hafendiele“. Paul hatte eine Menge Geld. Erst früh um drei, als alles vertrunken war, warf man sie auf die Straße. Schwankend lief Kuczynski ganz allein nach Hause. Am jeder Ecke blieb er stehen und murmelte vor sich hin: „Du bist ein guter Kerl, Paul, aber das Leben taugt nichts, das ist kein Leben, das ist überhaupt nichts! Ich will dir was sagen, ich hab´ noch was vor heute, ich will was unternehmen gegen das Leben, das keines ist!“

Ein Schutzmann schloß ihm die Haustür auf. „Schon gut“, grunzte Kuczynski und tastete sich am Geländer das dunkle Treppenhaus hoch. Er machte kein Licht. In der Küche nahm er sein Rasiermesser aus dem Schrank, suchte dann im Finstern den Hammer und zog die Schuhe von den Füßen. „Paul“, brummte er dabei, „Paul, das Leben ist nichts, ich mache Schluß mit allem.“

Durch das Dunkel kroch er hin zur Flurtür, verriegelte sie, dann torkelte er auf den Socken in die Kammer.  Und während er mit dem Hammer auf seine jäh hochfahrende Frau losschlug, schrie er immer wieder: „Es muß anders werden, es muß anders werden, es muß anders werden, es muß! …“

*

Die Hausbewohner, die zwanzig Minuten später die Wohnungstür aufbrachen, fanden die Frau und beide Kinder blutüberströmt in  ihren Betten liegen.  Franz Kuczynski saß stumm und blaß auf dem Rand des Kinderbettes, in der  Linken hielt er die Hand des kleinen Richard, in der Rechten tropfte das Blut dick und  rot vom Messer.

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