Erzählung aus der Zeitschrift „Der Tag“ vom 27. Januar 1927
Plötzlich – erschreckt – wacht sie auf. Was ist geschehen? Etwas Schreckliches ist geschehen. Nein. Nichts ist geschehen. Es ist bloß der Wind, der das Haus erschüttert, an den Fenstern rüttelt, eine Eisenstange aufs Dach trommeln läßt und ihr Bett erzittern macht. Blätter flattern am Fenster vorüber, auf und davon. Unten in der Allee wedelt eine ganze Zeitung in der Luft herum wie ein entkommener Drachen, fällt und spießt sich an einen Baum. Es ist kalt. Der Sommer ist vorbei – es ist Herbst -, alles ist häßlich. Die Karren rattern vorüber, schwingen von einer Seite zur andern. Zwei Chinesen hopfen daher, unter hölzernen Stangen, an denen Gemüsekörbe hängen, ihre Zöpfe und blauen Blusen flattern im Wind. Ein weißer Hund kommt kläffend, auf drei Beinen, am Gartentor vorbei. Es ist alles vorbei! Was denn? Oh, alles! Und sie beginnt mit zitternden Fingern ihre Haare zu flechten und traut sich nicht, in den Spiegel zu blicken. Die Mutter spricht unten in der Halle mit der Großmutter.
„So eine dumme Gans! Stell‘ dir vor, bei so einem Wetter läßt sie die Wäsche draußen hängen … Mein bestes Teneriffa-Tischtuch ist einfach in Fetzen. Was riecht denn da so merkwürdig? Jetzt hat sie die Hafergrütze anbrennen lassen. O Gott – der Wind!“
Um zehn Uhr hat sie Musikstunde. Bei dem Gedanken beginnt ihr der Mollsatz aus der Beethoven durch den Kopf zu gehen, die Triller lang und drohend wie kleine, wirbelnde Trommeln …
Aus dem Nachbarhause läuft Marie Swainson in den Garten, um die Chrysanthemen zu pfücken, ehe sie ganz zerzaust sind. Ihr Rock fliegt herauf bis zur Hüfte. Sie versucht, ihn hinunterzuschlagen, ihn zwischen die Beine zu klemmen, während sie sich bückt, aber es hilft nichts – er fliegt in die Höhe. Alle Bäume und Büsche um sie herum biegen und schütteln sich. Sie pflückt die Blumen so schnell sie kann, aber sie ist ganz zerstreut. Sie gibt nicht acht auf das, was sie tut, sie zieht die Pflanzen mit der Wurzel heraus und reißt und knickt, stampft mit dem Fuße auf und flucht.
Jemand ruft: Um Himmels Willen, lass‘ die Vordertüre zu! Geh‘ hinten herum!“ Und dann hört sie ihren Bruder „Krampus“:
„Mutter, du wirst am Telephon verlangt. Telephon, Mutter! Der Fleischhauer!“
Wie häßlich das Leben ist, empörend, einfach empörend … Und jetzt ist das Gummiband an ihrem Hut gerissen. Das hat noch gefehlt. Sie wird ihre alte, schottische Mütze nehmen und zur Hintertüre hinausschlüpfen. Aber die Mutter hat sie gesehen.
„Mathilde, Ma-thil-de! Komm‘ zurück, au-gen-blick-lich! Was hast du dir denn da wieder aufgesetzt? Es sieht aus wie eine Teepuppe. Und die Mähne hängt dir ganz über die Stirne.“
„Ich kann nicht, Mutter, sonst komm‘ ich zu spät in die Stunde.“
„Komm‘ sofort zurück!“
Nein. sie kommt nicht zurück. Sie haßt die Mutter. „Geh‘ zum Teufel,“ schreit sie, während sie die Straße hinunterläuft.
In Wellen, in Wolken, in großen runden Wirbeln kommt der stechende Staub, und mit ihm kommen Stückchen von Stroh und Abfall und Mist. Aus den Bäumen in den Gärten tönt ein lautes Brausen, und wie sie am Ende der Straße vor Mr. Bullens Haus steht, kann sie das Meer stöhnen hören: Aah! Aah! Aah! Aber in Mr. Bullens Zimmer ist es still wie in einer Höhle. Die Fenster sind geschlossen, die Vorhänge halb zugezogen, und sie hat sich nicht verspätet. Das Mädel vor ihr hat gerade angefangen, Max Dowells „An einen Eisberg“ zu spielen. Mr. Bullen sieht zu ihr herüber und lächelt ein wenig.
„Setzen Sie sich“, sagt. „Setzen Sie sich in die Sofaecke dort, kleines Fräulein.“
Wie komisch er ist! Er lacht einen nicht gerade aus, aber hat so eine gewisse Art … Oh, wie friedlich es hier ist! Sie hat dieses Zimmer gern. Es riecht nach Kattunvorhängen, kaltem Rauch und Chrysanthemen … Eine große Vase voll steht auf dem Kaminsims, hinter der verblaßten Photographie von Rubinstein … „A mon ami Robert Bullen …“ Über dem schwarzglänzenden Klavier hängt „Einsamkeit“ – ein dunkles, tragisches Frauenzimmer in weißem Gewand, auf einem Felsen, mit überschlagenen Beinen, das Kinn in den Händen.
„Nein, nein!“ sagt Mr. Bullen und beugt sich über das andere Mädel, streckt seine Arme über ihre Schultern und spielt ihr die Stelle vor. Die dumme Person – sie wird rot! Wie lächerlich!
Jetzt ist das Mädel vor ihr gegangen. Die Haustüre schlägt zu. Mr. Bullen kommt zurück und geht auf und ab, sehr leise, und wartet auf sie. Wie sonderbar! Ihre Finger zittern so, sie kann ihre Notentasche nicht aufbringen. Das ist der Wind … Und ihr Herz klopft so stark, sie fühlt, daß es ihre Bluse heben und senken muß. Mr. Bullen sagt kein Wort. Der schäbige, rote Klaviersessel ist breit genug für zwei. Mr. Bullen setzt sich nben sie.
„Soll ich mit Skalen anfangen?“ fragt sie und preßt die Hände zusammen. „Ein paar Dreiklänge hab‘ ich auch aufgehabt.“
Aber er antwortet nicht. Er scheint nicht einmal gehört zu haben. Und dann plötzlich langt seine kühle Hand mit dem Ring daran herüber und öffnet den Beethoven.
„Spielen wir was von dem alten Herrn“, sagt er.
Aber warum spricht er so freundlich, so unglaublich freundlich, als hätten sie einander jahrelang gekannt und kennten einander ganz genau.
Er blättert die Seiten um. Sie betrachtet seine Hand. Es ist eine sehr schöne Hand, und sie sieht immer aus, als sie sie gerade gewaschen worden.
„Hier“, sagt Mr. Bullen.
Oh, die freundliche Stimme! Oh, der Satz in Moll! Und jetzt kommen die kleinen Trommeln …
„Soll ich die Wiederholung spielen?“
„Ja, mein Kind.“
Seine Stimme ist viel, viel zu freundlich. Die Kreuze und Auflöser hüpfen auf den Linien wie kleine, schwarze Buben auf einem Zaun. Warum ist er so … sie wird nicht weinen … Sie hat doch keinen Grund, zu weinen …
„Was hast du denn, Kind?“
Mr. Bullen ergreift ihre Hände. Seine Schulter ist da – gerade bei ihrem Kopf. Sie lehnt sich daran, nur ein ganz klein wenig, die Wange an dem runden Stoff.
„Das Leben ist ja so schrecklich“, murmelt sie, aber sie fühlt, daß es gar nicht so schrecklich sei. sagt etwas von „Warten“, und „Zeit kommen“, und „seltenem Ding, eine Frau zu sein“, aber sie hört nicht darauf. Es ist so angenehm … für immer …
Plötzlich geht die Tür auf, und herein stürmt Marie Swainson, um Stunden zu früh für ihre Lektion.
„Spielen Sie das Allegretto ein wenig schneller“, sagt Mr. Bullen und steht auf und beginnt wieder auf und ab zu gehen.
„Setzen Sie sich in die Sofaecke, kleines Fräulein“, sagt er zu Marie.
Der Wind, der Wind. Es ist unheimlich ganz allein hier in ihrem Zimmer. Das Bett, der Spiegel, der weiße Krug und das Waschbecken glänzen wie der Himmel draußen. Es ist das Bett, das so furchterregend aussieht. Da liegt es, tief im Schlaf … Bildet sich die Mutter wirklich ein, daß sie all die Strümpfe stopfen wird, die da verknotet auf der Bettdecke liegen wie ein Knäuel Schlangen? Sie wird sie nicht stopfen. Nein, liebe Mutter, ich sehe nicht ein, warum … Der Wind, der Wind: Ein komischer Geruch von Ruß kommt aus dem Kamin herunter. Hat nicht jemand Gedichte an den Wind geschrieben? … „Den Blättern bring‘ ich frisches Blühen und Regensprühen …“ Solch ein Blödsinn.
„Bist du das, Krampus?“
„Komm, Mathilde, geh’n wir uns auslaufen auf der Esplanade. Ich halt‘ es hier nicht länger aus.“
„Gut. Ich ziehe mir nur meinen Mantel an. So ein elender Wind.“ Sie und Krampus haben die gleichen Mäntel. Während sie den Kragen hochknöpft, sieht sie sich im Spiegel an. Ihr Gesicht ist weiß, sie haben beide dieselben aufgeregten Augen und heißen Lippen. Ah, die zwei im Spiegel wissen schon … Auf Wiedersehen, ihr Lieben; wir kommen bald zurück.
„Hier draußen ist’s besser, nicht?“
„Nimm meinen Arm,“ sagt Krampus.
Sie können nicht schnell genug gehen. Die Köpfe gesent, die Beine dicht aneinander, so rasen sie wie eine einzige Person, die es eilig hat, durch die Stadt, den asphaltierten Zickzackweg hinunter, wo der wilde Fenchel blüht, und auf die Esplanade. Es ist dämmerig, eben beginnt es zu dunkeln. Der Wind ist so stark, daß sie sich jeden Schritt erkämpfen müssen, schwankend wie zwei alte Trunkenbolde. Alle die armen, kleinen Bäumchen auf der Esplanade sind zu Boden gebeugt.
„Komm‘ weiter! Komm‘ weiter! Ganz nahe heran.“
Drüben beim Wellenbrecher geht die See sehr hoch. Sie nehmen die Hüte ab und ihr Haar weht ihr über den Mund und schmeckt nach Salz. die See geht so hoch, daß sich die Wellen überhaupt nicht brechen; sie klatschen gegen den Damm aus unbehauenen Steinen und saugen die mit Unkraut bewachsenen, triefenden Stufen ein. Ein feiner Sprühregen treibt vom Wasser her über die Esplanade. Sie sind ganz mit Tropfen bedeckt. Des Innere ihres Mundes schmeckt naß und kalt.
Die Stimme von Krampus schlägt alle Augenblicke um. Wenn er spricht, läuft er die ganze Tonleiter hinauf und hinunter. Es ist komisch – es zwingt einem zum Lachen – und doch paßt es gerade zu diesem Tag. Der Wind trägt ihre Stimmen fort, die Sätze fliegen davon wie kleine, schmale Bänder.
„Schneller! Schneller!“
Es wird sehr finster. Die Kohlen-Hulks im Hafen habe jeder zwei Lichter – eines hoch oben am Mast, eines vorne am Bug.
„Schau, Krampus. Schau, dort drüben.“
Ein großer, schwarzer Dampfer, dem eine lange Rauchschleife entströmt, die Luken erleuchtet, Lichter überall, sticht in See. Der Wind hält ihn nicht auf. Er durchschneidet die Wellen und steuert auf das offene Tor zu, zwischen den spitzen Felsen hindurch, nach … Es ist die Beleuchtung, die ihn so schrecklich schön und geheimnisvoll macht … Sie sind an Bord und lehnen an der Railing, Arm in Arm.
“ … Wer sind die Zwei?“
“ … Bruder und Schwester.“
„Schau, Krampus, da ist die Stadt. Wie klein sie aussieht. Da schlägt die Uhr auf dem Postgebäude zum letzten Mal. Da ist die Esplanade, wo wir an dem Tag, wo’s ja windig war, gewesen sind. Erinnerst du dich? Ich hab‘ geweint an dem Tag, in der Klavierstunde. – Wie viele Jahre das schon her ist! Leb‘ wohl, kleine Insel, leb‘ wohl …“
Jetzt streckt die Finsternis ihre Flügel über das wogende Wasser. Sie können die Beiden nicht mehr sehen. Lebt wohl, lebt wohl … Vergeßt nicht … Aber das Schiff ist schon verschwunden.
Der Wind – der Wind.
Dankeschön!
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