Alfred Döblin – Wallenstein

Roman, S. Fischer Verlag, 1920
Warum ist der Roman kein klassischer Historienroman? Was lobt die englische Times an Döblins Werk? Warum wurde der Roman in Deutschland als so aktuell empfunden?

Am 6. April 1923 meldet die „Vossische Zeitung“ eine Nachricht, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt – und doch viel über die Literatur in der Weimarer Republik verrät:

Der Roman „Wallenstein“ von Alfred Döblin finde auch in England großen Anklang. Die Voss verweist dazu auf eine Besprechung in der „Times“, die Döblins Werk mit ungewöhnlicher Klarheit würdigt:

„Der wundervolle Hintergrund, vor dem der Held seine tragische Rolle spielt, ist von einem meisterhaften Schilderer entworfen worden.“

Was hier gelobt wird, ist nicht in erster Linie die Figur des Feldherrn Wallenstein, sondern die Art, wie Döblin Geschichte gestaltet. Genau darin liegt die Besonderheit dieses Romans.

Denn „Wallenstein“ ist kein klassischer Historienroman. Döblin erzählt den Dreißigjährigen Krieg nicht als lineare Handlung, sondern als vielstimmiges Geflecht aus Perspektiven, Stimmen und Szenen. Schlachten, Intrigen, Gerüchte, Machtverschiebungen. Alles steht gleichberechtigt nebeneinander. Der „Hintergrund“, den die Times hervorhebt, ist in Wahrheit das eigentliche Zentrum des Romans.

Dass die „Vossische Zeitung“ diese englische Stimme aufgreift, ist dabei mehr als nur ein Hinweis auf internationale Aufmerksamkeit. Es ist auch ein Akt kultureller Selbstvergewisserung. 1923 ist ein Jahr der Krise: Inflation, politische Spannungen, gesellschaftliche Unsicherheit. In dieser Lage bekommt die Anerkennung aus London ein besonderes Gewicht.

Deutsche Literatur, so die implizite Botschaft, wird gelesen und verstanden.

Bemerkenswert ist zudem, wie präzise die „Times“ Döblins Leistung erfasst. Sie erkennt, dass es hier nicht um die heroische Erzählung eines großen Mannes geht, sondern um die Darstellung einer aus den Fugen geratenen Welt. Wallenstein ist Teil dieses Gefüges, nicht sein souveräner Mittelpunkt.

Vielleicht liegt gerade darin die Aktualität des Romans für seine Zeitgenossen: Inmitten einer Gegenwart, die selbst von Instabilität geprägt ist, erscheint die Geschichte des 17. Jahrhunderts plötzlich erstaunlich nah.

Die Notiz in der „Vossischen Zeitung“ ist also weit mehr als eine Randmeldung. Sie zeigt, wie Literatur in der Weimarer Republik funktioniert: als Spiegel der Gegenwart und als Medium, das nationale Grenzen überschreitet.

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