Elsa F. Friedmann – Maschinka, die Landstreicherin

Erzählung, abgedruckt in der Arbeiter-Zeitung, Ausgabe vom 9. Januar 1931

In regelmäßigen Zwischenräumen von mehreren Monaten wurde heftig an unserer Flurglocke gezogen. Spähte man durchs Guckloch, so konnte man ein kleines, verhutzeltes Mütterchen erblicken, das sich in den äußersten Winkel drückte, um nicht gesehen zu werden. Wurde die Tür aber nur handbreit geöffnet, so schlüpfte sie mit erstaunlicher Behendigkeit durch. Die Frau trug durchaus nicht jenes scheue und unterwürfige Wesen zur Schau das Bettlern für gewöhnlich eigen ist, sie blieb nicht zögernd stehen oder wartete auf eine Aufforderung, einzutreten, nein, mit ihren kleinen energischen Schritten ging sie schnurstracks der Küche zu, wo sie sich an der Seite des Herdes auf einem kleinen Bänkchen niederließ, als würde sie seit langem erwartet und würde ihr dieses Plätzchen bereitgehalten.

Es war eine alte Landstreicherin die aus der Heimatgemeinde meiner Mutter stammte und dort unter dem Namen Maschinka bekannt war. Sie hatte nie Familie oder Hausstand, auch nie eine ordentliche Beschäftigung gehabt und erwarb sich das zum Leben Notwendige auf originelle Weise.

Alles, was sich in den Städtchen, den Marktflecken, den Dörfern ihrer deutsch-böhmischen Heimat begab: Geburten, Krankheiten und Tod, Eheschließungen und andre Familienangelegenheiten, der Stand der Ernte, Getreidepreise, Hauskäufe, Gutes und Schlechtes, Wichtiges und Nebensächliches, wie es sich gerade zutrug, das hatte sie in ihrem Kopfe aufgespeichert, wie andre ihre Waren auf einem Wägelchen, trug die Nachrichten von Ort zu Ort und kramte bei ihren Besuchen dasjenige aus, was ihr gerade hier wichtig erschien. Sie, die keinerlei Dokumente besaß, ja nicht einmal ihr genaues Alter anzugeben wußte, kannte alle Sippschaften und die Geschlechter aller Familien meilenweit im Umkreis.

Mann kann nicht sagen, daß ihr Erscheinen irgendwo Freude hervorgerufen hätte, aber ebensowenig fiel es jemandem ein, ihr die Tür zu weisen. Man nahm ihr Kommen hin, als etwas, gegen das sich aufzulehnen nutzlos wäre, etwa wie man einen Platzregen über sich ergehen läßt. Hatte sie eine ausgiebige Mahlzeit und verschiedene abgelegte Kleidungsstücke in Empfang genommen, so wanderte sie ohne ein Wort des Dankes weiter, bewußt, den Gegenwert in den vielen wichtigen Nachrichten entrichtet zu haben. Auf diese Weise fristete sie ihr Dasein und blieb, allem Unbill des Lebens zum Trotz und ungeachtet der vielen Gefahren, die ihr auf einsamer Landstraße drohten, gesund und rüstig, wenngleich sie die Achtzug längst überschritten hatte.

Ja, nun mußte sie ihre Wanderungen gar bis nach dem weiten, unheimlich großen Wien ausdehnen, wohin nach und nach so viele Familien aus den deutschböhmischen Orten abgewandert waren. Dabei rechnete sie mit Sicherheit auf eine Gratisrückfahrt, denn mit unermüdlicher Geduld beförderte sie die Polizei immer wieder per Schub nach Hause.

Nun saß sie wieder einmal in unserer Küche, trotz der Wärme in ihr sonnengebleichtes und regenverwaschenes Tuch gehüllt. Niemals schmutzig oder mit zerrissenen Kleidern, konnte es doch keinen dürftigeren Anblick geben, als diese ausgemergelte Gestalt. Ihr winziges Mausgesicht war kreuz und quer von tausend Fältchen durchzogen, zwischen denen der zahnlose Mund gänzlich verschwand. Nur die Augen glänzten wie zwei schwarze Knöpfe und wanderten unruhig umher, immer bemüht, alles einzufangen, was sich an Sehenswertem bot.

Gleich beim Betreten der Küche hob sie schnuppernd die Nase und musterte Töpfe und Pfannen auf dem Herd.

Meine Mutter öffnete das Bratrohr, worin ein halbfertiger Gansbraten sichtbar wurde, den sie mit liebevoller Sorgfalt begoß. „Maschinka“, meinte sie dabei schmunzelnd, „heute haben Sie es getroffen, heute gibt’s Gansbraten. Er gehört zwar erst für meine Abendgäste, aber Sie sollen schon zu Mittag davon haben.“

Diese angenehme Eröffnung machte auf die Alte nicht den erwarteten Eindruck und unbeirrt fuhr sie in ihrer Erzählung fort. Sie konnte zwar weder lesen noch schreiben, besaß aber die Gabe, fließend und anschaulich zu erzählen, und wir Kinder wurden nicht müde, zuzuhören.

Alles wurde vor unseren Augen lebendig, die nie geschaute böhmische Landschaft mit den mannshohen Getreidefeldern und den tiefdunkeln Wäldern, die Zwetschkenbäume im Garten des Fabrikdirektors, die heuer so schwer trugen, daß die eigroßen Früchte im Grase faulten, der Schullehrer, der jedes Jahr ein Kind bekam und Blut hustete, und der sparsame Flachshändler, der seiner Frau täglich die Kaffeebohnen vorzählte. Sie alle waren uns längst vertraute und liebe Gestalten, wie die Figuren eines Puppenspieles, deren wechselndes Geschick wir mit Interesse verfolgten. Daß sie sich, je länger sie erzählte, immer weiter von der Wahrheit entfernte, was verschlug’s? So plapperte sie unentwegt drauflos, und wenn sie unterbrochen oder gar auf Widersprüche aufmerksam gemacht wurde, blinzelte sie nur mit ihre Aeuglein, als wollte sie sagen: Bringt mich nur wegen solcher Kleinigkeiten aus dem Konzept!

Heute mochte sie’s besonders arg getrieben haben, denn meine Mutter sah schon ein bißchen geärgert aus und als die Alte jetzt die herzlichsten Grüße eines Bekannten brachte, dessen Tod und feierliches Begräbnis sie bei ihrem letzten Besuch so anschaulich geschildert hatte, wurde es ihr zu bunt und sie ging zornig aus der Küche.

Nun mußte die Alte, wohl oder übel, stille sein. Mutter richtete im Nebenzimmer den Mittagstisch, doch als sie nach einem Viertelstündchen die Küche wieder betrat, war das Bänkchen leer, von der Maschinka nichts zu sehen.

Plötzlich schoß Mutter eine Blutwelle ins Gesicht. Von einer bösen Ahnung erfaßt, riß sie die Bratröhre auf – das Fett prasselte in der leeren Pfanne. Unhörbar hatte sich die Alte mit dem Braten aus dem Staube gemacht.

Wir glaubten, daß sie von nun an ihre Besuche bei uns einstellen würde.

Aber als einige Zeit vergangen war, saß sie mit ruhiger Selbstverständlichkeit und unschuldiger Miene wieder auf ihrem Herdplatz.

Nein, an diesen Fall mit dem Gansbraten konnte sie sich ganz und gar nicht erinnern, das müsse auf einem Irrtum beruhen – und überhaupt wäre sie gekommen, um die besten Grüße auszurichten …

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